"Sorry, liebe Gourmets"

5. April 2007, 21:03
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Schlechtes Gewissen soll beim Essen erst gar nicht aufkommen, so Hans Putzer im STANDARD-Interview

STANDARD:: Worauf sollten Konsumenten achten, die ethisch korrekt einkaufen wollen - etwa bei Obst und Gemüse?

Putzer: Obst und Gemüse sind - wenn es sich um heimische Lebensmittel handelt - empfehlenswert, da hier die Energiebilanz von der Produktion bis zur Konsumation "stimmt". Problematisch ist meist Importware. Spanische Glashäuser etwa - und von dort kommt sehr viel zu uns - gefährden nicht nur den Wasserhaushalt der iberischen Halbinsel. Dort wird auch unter sozialen Bedingungen gearbeitet, die bei uns zu Recht nicht akzeptiert sind. Auch die Transportwege sind eine massive Belastung für Umwelt und Klima. Dass bei südafrikanischen Trauben und chilenischen Äpfeln, die gleich viel kosten wie heimische Produkte, etwas nicht stimmen kann, sagt uns der viel gerühmte Hausverstand. Kurz: regional und saisonal einkaufen statt verstecktes Erdöl mitessen.

STANDARD:: Und bei Fleisch?

Putzer: Selbst wenn wir die philosophisch-ethische Frage, ob der Mensch überhaupt das Recht hat, Lebewesen zu essen, beiseite lassen, bleibt Fleisch immer problematisch. Immerhin verursacht die Nutztierhaltung 14 Prozent der globalen Methanemissionen, besonders Wiederkäuer wie Rinder. Mastviehhaltung hat eine denkbar schlechte Energiebilanz. Die Zustände in Tierfabriken sind ohnehin bekannt. Also: weniger Fleisch, und das am besten aus biologischer Haltung oder zumindest extensiver Landwirtschaft.

STANDARD:: Bei Fisch?

Putzer: Wer sich nur fünf Minuten Zeit nimmt, um sich mit der aktuellen ökologischen Verfasstheit der Weltmeere und den Verbrauchsprognosen der Lebensmittelwirtschaft zu beschäftigen, wird künftig guten Gewissens nur mehr zu inländischen Produkten greifen können. Sorry, liebe Gourmets, aber auch die Diskussion um Zucht oder Wildfang kann die Logik der Nahrungskette - Stichwort Überfischung - nicht außer Kraft setzen.

STANDARD:: - Milchprodukte?

Putzer: Dort zugreifen, wo ein paar zusätzliche Cents für unsere Bauern rausspringen. Sonst gilt auch hier: Ein Jogurt, das in seinem Leben schon weiter herumgekommen ist als viele seiner Konsumenten, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. (Severin Corti, DER STANDARD print, 6.4.2007)

  • Zur Person:
Der Journalist Hans Putzer hat mit "Essen macht Politik" (Verlag Leykam) kürzlich einen Leitfaden für ethische Ernährung herausgebracht
    foto: corn

    Zur Person:
    Der Journalist Hans Putzer hat mit "Essen macht Politik" (Verlag Leykam) kürzlich einen Leitfaden für ethische Ernährung herausgebracht

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