"Wovon das Schwein wohl träumt?"

6. April 2007, 20:13
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Seit 35 Jahren sammelt Österreichs Heimwerkerkönig Karlheinz Essl Kunst - eine Reportage zu "Passion for Art"

Auf ein Sammlungskonzept will Essl sich nicht beschränken: Er erwirbt in immer größerem Stil, was ihn und die Welt gerade beschäftigt.


Klosterneuburg – Unlängst in der Sammlung Essl: Führung ist angesagt! Weil: Gesammelt wird nun auch schon wieder seit 35 Jahren. Und – vorweg – das ist gut so. Verdammt gut.

Schließlich hat, wer zu Erwerbszwecken Bausätze für original Tiroler Balkons an Häuslbauer im Weinviertel vermittelt, die stilsicher ihr stets bidetloses Bad in brasilianischem Granit kleiden und die angrenzende Kaminwand passend mit schwammigen Marmorierungen auf Latexbasis verwischen, etwas gutzumachen. Erzählt doch die Erfolgsgeschichte von Baumax, dass das Weinviertel mittlerweile tief in den vormaligen Ostblock auskragt, und Roy Jacuzzi, Kommerzialrat Essl sei Dank, mittlerweile auch im Donaudelta als triebstarker Düsentrieb bekannt ist.

Jedenfalls: Als ambitionierter Heimwerker würde man sich einen derart gut bebilderten, und vor allem dicken Katalog einmal wünschen, wie ihn Essls – man darf sich das Zustandekommen der Sammlung nie ohne den beherzten Einsatz von Frau Agnes Essl vorstellen – zum Jubiläum des gemeinsamen Steckenpferdes produziert haben. Drei rosa gefasste Bände im rosa gefütterten Schuber mit Silberprägung. Das kommt einem streng limitierten Werkverzeichnis von Bleck & Decker nahe, das ist wie Pfuschen an Ostern, Weihnachten und Pfingsten gleichzeitig. "Passion for Art" im Sammelpack, das ist feinste Fugenmasse für sehr sehr weit Fortgeschrittene. Das ist wie eine ganz private Führung durch den Herrn Professor.

Wo bitte, fragt man sich, derweilen der bedeutendste Sohn Hermagors noch Fremdinterviews gibt, wird er anfangen, welche unter den tausenden angehäuften Objekten wird er besonders hervorheben, was bitte liegt dem, streng global gesehen, Top-100-Sammler denn ganz besonders am Herzen? Alles! Öse wie Carport; Baselitz, Richter, Zobernig; Fantasten, Aboriginees, Chinesen. Lokal, regional, international: Für Prof. Karlheinz Essl ist im besten Sinne alles eins, er ist seiner Überzeugung verpflichtet. "Ich", hört man ihn sagen noch eher leibhaftig dasteht, "habs dreieinig: my dreams, my visions, may pain." Und dann endlich Führung: Die beginnt mit einem Plädoyer, das unweit von Klosterneuburg schon einmal zu einer imposanten Villa als unmittelbare Folge einer Karriere geführt hat. Das gelebte Bekenntnis, "Ich hab den Roten grad so gern als wie den Weißen", hat Hans Moser trotz Handicap zum unumstrittenen Mann des gemeinen Volkes gemacht, und Karlheinz Essl steht dem in nichts nach.

Noch ehe es sein erstes Bild vorzuführen gilt, fällt er ansatzlos ins Schwärmen: Die einführenden Tableaus seiner Kuratoren genügen, um Begeisterung auszulösen, Teilhabe am triebgesteuerten Sammelverhalten zu wecken. (Der zufällig anwesende Helmut Lohner kommt dabei zu einer fortgeschrittenen Lektion in Sachen Helmut Richter, die bloß durch den rabiat einsetzenden Klingelton des Lohner'schen Handys zu einem bühnenreifen Ende findet).

Und aber: Nix passiert, also weiter zu den Höhepunkten der Sammlung. Und darunter muss man sich jetzt jedes einzelne Werk vorstellen. Und schon im ersten Saal ist eines völlig klar: Es wird anekdotenreich. Es wird umwerfend. Es wird dauern.

Was in den 1970ern begonnen hat, ist bis zum März 2007 auf gut 6000 Arbeiten von weit über hundert Zeitgenossen angewachsen. Die alle auch artgerecht einzustellen, ließ Essl Heinz Tesar ein Museum errichten, einen eleganten Zweckbau mit malereigerechtem Naturlicht, der nun auch Skulpturen ein Schattenspiel erlaubt, und genügend dunkle Ecken hat, auch Videos auszustrahlen. Und der nun zwischensummierend mit folgendem "Content" gefüllt wurde: "Zeit im Bild", "Home Sweet Home", "Kreis Saal", "Körper Existenz", "Galerie Sex", "Farb Rausch", "Raum der Stille", "Déjà vu", "Natur Raum", "Witz trotz Kunst", "Video Galerie", "Sound of the Wave", "Animalsdream" und anbei "Künstlerische Interventionen". Letztere beziehen sich etwa auf Esther Stockers souveräne Verklebung des Stiegenhauses. Das "Home Sweet Home" in Klosterneuburg genießt eine fette Muttersau. Vielleicht ja träumt das künstlich belebte Schwein von seiner Schwester, die ihr Schöpfer Paul McCarthy im esslgleich renommierten Stall von François Pinault eingestellt hat. Für den Klosterneuburger Großsammler jedenfalls scheint sie der Inbegriff des Glücks. "Wovon sie wohl träumen mag?", hält er nachdenklich inne, streicht zärtlich über ihren Rüssel, erwähnt die ausgeklügelte Hydraulik, die das Tier sensorgesteuert grunzen lässt, und – muss im Moment an ein anderes Kunstwerk denken, dessen Leben am Verbund hängt: Marc Quinns "The Origin of Species", eine Büste aus tiefgefrorener Kokosmilch, die nun schon seit 1993 in einem Edelstahlaggregat überdauert.

Damit das auch so bleibt, gewährt Essl Einblicke in die Schattenseiten des Sammlerdaseins, hat er eben ein Notstromaggregat einbauen lassen. Und, was kaum jemand weiß: Aus Sicherheitsgründen übersiedelt die Büste außerhalb der Öffnungszeiten in die Kühltruhe. Weil: Ein Pendant aus gefrorenem Blut ist bei einem US-Sammlerkollegen Opfer einer dienstbeflissenen Zugehfrau geworden: "Die hat nach einem Stecker für den Staubsauger gesucht!"

Ach ja, wie es sich für einen Großhändler gehört, kauft Essl nicht nur in großen Mengen, sondern mit viel Rabat – im Dienste der Kunden, der vielfältigsten aller österreichischen Nationalgalerien. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.4.2007)

  • Im Moment vielleicht doch ein Liebkind unter den 6000 anderen: Karlheinz Essl und Gabriel Orozcos tätowierter Wal.
    foto: standard/ christian fischer

    Im Moment vielleicht doch ein Liebkind unter den 6000 anderen: Karlheinz Essl und Gabriel Orozcos tätowierter Wal.

  • Intensivmedizin für schöne Träume:  Paul McCarthys "Mechanical Pig"
    foto: standard/ christian fischer

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