Unsere monströsen Posen: "Posing Project A" im Tanzquartier

5. April 2007, 17:46
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Künstlerisch-empirische Posenforschung: Der österreichische Choreograf Chris Haring beeindruckt mit seiner jüngsten Arbeit

Wien – Das Sich-in-Pose-Werfen in wechselseitigem Imponiergehabe gehört zum Alltagsgeschäft des Durchschnittsmenschen. Diese Selbstent- und auch -wegwürfe nimmt der österreichische Choreograf Chris Haring in seiner jüngsten Arbeit "Posing Project A" mit dem Zusatztitel "The Art of Wow" im Tanzquartier Wien auf die Schaufel.

Profi-Durchschnittstypen wie Paris Hilton oder Arnie Schwarzenegger posieren sich Publicity herbei, die ihnen Beachtung verschafft. So wird man zum Star, zum Politiker oder zu beidem. Der gemeine Durchschnitt dagegen ringt um kleinere Aufmerksamkeiten. Zu Hause, unter Freunden und am Arbeitsplatz. "Eindruck schinden" ist mehr denn je die Schale jeden Berufs, weil ja die eigene Performance "high" sein muss.

Das gilt auch für alle schillernden Kunstkreise, wo die Posendichte bekanntlich geradezu atemberaubend sein kann. Das Wort "Ästhetik" stammt aus dem griechischen Begriff für Wahrnehmung. Und Hand auf welches Körperteil auch immer: Jeder ist ein Ästhet. Wer die Aufmerksamkeit der Sinne erregen oder schenken will, gockelt für oder giert nach Attraktionen, sucht auf Bildern zu sein oder solche zu machen, entert oder beklatscht diverse Bühnen, gibt Laut oder lauscht dem guten Ton. Das alles ist in Harings Stück geladen.

Dort posieren fünf Tänzerinnen und Tänzer (highest: Stephanie Cumming und Alexander Gottfarb) als monströse Catwalker, die das alltägliche Posieren in seinen Grundsubstanzen vormachen. Und diese Stoffe sind grotesk, unheimlich und komisch.

Gestische, verbale und musikalische Zitate werden komprimiert, verzerrt, zerrissen und neu zusammengesetzt. Alles Sprechen passiert nur noch als Synchronisation. Die Darsteller agieren als Marionetten einer Soundinstallation aus von der Decke hängenden, schwingenden Lautsprechern und einem kleinen Kollegen, der auf dem Boden quäkt.

Der Tanz dient dabei als Fundgrube für künstlerisch-empirische Posenforschung, die von den Tänzern mit abgeklärter Distanz in Reflexionen über die Unendlichkeit des Peinlichen übersetzt wird. Denn Tanz selbst kann so ungeheuerlich peinlich sein wie das Schauspiel auch: Dort, wo der Durchschnitt herrscht, gibt die Pose gern den Ton an. Haring konnte also – mit seinen Kollaborateuren Thomas Jelinek (Dramaturgie), Andreas Berger (Sound) und Katherina Zakravsky (Text) – in Kunst wie Alltag aus dem Vollen schöpfen. Dabei treten die Tänzer dem Publikum nicht einmal nahe. Sie kitzeln lediglich den Posenschatz, sodass es öfter lachen muss.

Grundmotive sind albernes Kichern und kess nach vorne geschobene Becken, verhüllte Gesichter oder Grimassen, Wortmüll und Kommunikationsschrott. "Wow!" heißt es ja auch im Werbespot einer großen Softwarefirma. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.4.2007)

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    foto: tanzquartier
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