Geteilte Not, verpasste Chancen: "Cine Latino Festival"

5. April 2007, 18:47
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Vielfalt aus Übersee: Arbeiten des gegenwärtigen lateinamerikanisches Kinos bis 12. April im Wiener Filmcasino

Wien – Claudio Tamburrini weiß nicht, wie ihm geschieht. Unbekannte Männer greifen den Studenten und Tormann auf der Straße auf, schleppen ihn in einen Lieferwagen und verbinden ihm die Augen. Das Urteil scheint gefallen, noch bevor es irgendeine konkrete Anklage gegeben hätte. Er solle gestehen, heißt es, dann würde er sich viel Unangenehmes ersparen. Die Aufforderung wird sich in der Folge, durch Androhung und schließlich auch Anwendung von Folter, wiederholen. Doch Tamburrini weiß nicht, was er verbrochen haben soll.

In "Buenos Aires 1977" ("Crónica de una fuga") erzählt der aus Uruguay stämmige Regisseur Israel Adrián Caetano ein Drama aus der Zeit, als in Argentinien die Militärjunta herrschte und geschätzte 30.000 Menschen verschleppt, gefoltert und ermordet wurden. Das Ungewöhnliche an seinem Ansatz ist die Reduktion auf das Allernötigste eines solchen Attentats auf einen unbescholtenen Bürger: Caetano konzentriert sich auf die existenziell beklemmende Ausnahmesituation einer Einschließung – um so mehr rückt dadurch die psychische Verfassung der Gefangenen ins Zentrum.

"Buenos Aires 1977" erhält dadurch einen geradezu exemplarischen Charakter – unweigerlich denkt man auch an jüngere Folterszenarios wie in Guantánamo Bay: Die wendig geführte Kamera, die nah an die Körper rückt, übersetzt die diversen Abstufungen von Gewalt auf eindringliche Weise in Bilder. Schwarzblenden, die den Lauf der Zeit anzeigen, geben nur eine indirekte Ahnung von der Dauer der Internierung; viel anschaulicher sind da schon die Körper der Opfer, die zunehmend ausgezehrter und erschöpfter aussehen.

All das macht Caetanos Arbeit zu keinem leicht verdaulichen Film, wobei er auf spekulative Szenen gänzlich verzichtet. Die Flucht der Gefangenen würde gar ein wenig grotesk wirken – vollkommen nackt schleichen sich die Entkommenen nämlich durch nächtliche Straßen der Stadt – wäre da nicht die Paranoia, die nunmehr selbst die allerprofansten Situationen wie eine potenzielle Bedrohung erscheinen lässt.

Im erstmals veranstalteten "Cine Latino Festival" im Wiener Filmcasino (bis 12. 4.) ist "Buenos Aires 1977" nur einer der Belege für die Vielseitigkeit des gegenwärtigen lateinamerikanisches Kinos. Neben Arbeiten aus Argentinien – das nun schon seit fast einem Jahrzehnt eines der produktivsten Filmländer dieses Kontinents ist – stehen auch solche aus Mexiko, Bolivien, Kuba oder Brasilien auf dem Programm.

Über vergleichsweise wenige Produktionen verfügt Peru, das auf dem Festival mit "Madeinusa" von Claudia Llosa, Tochter des Schriftstellers Mario Vargas Llosa, vertreten ist: ein im semidokumentarischen Modus gehaltener Film über ein India-Mädchen, das eine Prozession anführen soll, dann aber über einen Fotografen die Gelegenheit bekommt, dem Dorf den Rücken zu kehren.

Während sich bei Llosa traditionelle und moderne Kulturen gegenüberstehen, verlegt Alicia Scherson ihren Film "Play" zur Gänze ins urbane Santiago de Chile. Zwischen einer jungen Frau vom Land und einem des Lebens überdrüssigen Angestellten, der von seiner Freundin verlassen wurde, kommt es zu einem mit leichter Hand inszenierten Spiel der (verpassten) Begegnungen, in dem jeder Beteiligte nach einer Veränderung seines Lebens sucht, ohne sich aus seiner Isolation befreien zu können. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.4.2007)

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    fotos: filmcasino

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