Jesus, ein Name "so häufig wie Karl oder Franz"

11. April 2007, 18:29
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Der ORF zeigt James Camerons umstrittenen Film "Das Jesus-Grab" - Der Theologe Markus Öhler sah ihn mit dem STANDARD und zerpflückte ihn bis ins Kleinste

Der "Terminator" hat Markus Öhler gut gefallen. "Titanic" fand der evangelische Theologe "etwas langweilig", die Untergangsszenen immerhin "beeindruckend". An James Camerons Jesus-Film "The Last Tomb of Jesus" ("Das Jesus-Grab", Karfreitag, 17.30 Uhr, ORF 1 und Pro Sieben) lässt der Wissenschafter beim Lokalaugenschein mit dem STANDARD kein gutes Haar.

1980 wurde besagtes Grab bei Bauarbeiten in Jerusalem entdeckt. Die umstrittene These stellten Cameron und sein Regisseur Simcha Jacobovici mehr als 20 Jahre später auf: Die Gebein-Urne sei das Grab Jesu, dieser war mit Maria Magdalena verheiratet und hatte mit ihr einen Sohn. Unwahrscheinlich, dass Jesus in einer derart üppigen Grabanlage beerdigt worden sei, wendet Öhler ein: "Solche Felsengräber waren vermögenden Leuten vorbehalten."

Falsche Beweise

Die Existenz Jesu ist unumstritten, erzählt der Forscher: "Es gibt keinen Zweifel, dass es Jesus gab und dass er am Kreuz gestorben ist. Aber es gibt Zweifel, ob er auferstanden ist und ob das Grab leer war." Was glaubt Öhler? "50:50. Bei Paulus gibt es Hinweise auf die Auferstehung. Aber er schreibt nichts von einem leeren Grab."

Die "Beweise" zerpflückt der 40-Jährige, bis nichts übrig bleibt. Die Inschrift "Jehuda, Sohn des Jesus", zum Beispiel: "So häufig wie Karl und Franz im Weinviertel." Einfach, doch fein säuberlich gearbeitet ist die Urne. Das deute eher auf einen "wohlhabenden Mann", meint Öhler.

"Mariamne", womit "Maria Magdalena" gemeint sei, stehe auf einem weiteren Grab, behauptet der Film. "Maria und Mara", liest Öhler anderes. Das Entziffern hebräischer und griechischer Schriftzeichen fasziniert ihn. Die Ausgrabungsszenen langweilen ihn, er spielt die DVD in achtfacher Geschwindigkeit.

Jacobovici berührt mit bloßen Händen 2000 Jahre alte Grabkästen. Öhler ist entsetzt und vermutet: "Wahrscheinlich alles nachgebaut." Der Aufwand ist beträchtlich. Stammbäume werden verglichen: "Das hätte ich gern für meine Studenten", bewundert er die kunstvolle Grafik. Dass der ORF den Film zeigt, findet er aber gut. Weil diskutiert wird. Mit entsprechender Rahmenhandlung geht für ihn auch Mel Gibsons "Die Passion Christi" in Ordnung. Er selbst bevorzugt Pasolinis Jesus-Film oder Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi". "Langweilig, spekulativ", resümiert Öhler zum Schluss. Er wirkt erschöpft: "Wissenschaft funktioniert anders."“ (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2007)

  • Jesu Leiden am Kreuz in James Camerons Dokumentarfilm "Das Jesus-Grab" bereiten dem Theologen Markus Öhler fast physische Schmerzen: "Langweilig, spekulativ".
    foto: pro sieben

    Jesu Leiden am Kreuz in James Camerons Dokumentarfilm "Das Jesus-Grab" bereiten dem Theologen Markus Öhler fast physische Schmerzen: "Langweilig, spekulativ".

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