Seit 15 Monaten müssen ZuwanderInnen verpflichtend Deutsch können - derStandard.at hat zwei Sprachkurse für MigrantInnen besucht – Ein Lokalaugenschein
Wer als MigrantIn kein Deutsch spricht, kommt in Österreich längerfristig mit dem Gesetz in Konflikt. Genauer, mit der Integrationsvereinbarung (IV) im Rahmen des Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetzes (NAG 2005). Seit dem 1. Jänner 2006 gilt das Prinzip "Sprachkenntnisse sind Pflicht", betroffen sind all jene, die den langfristigen Aufenthalt in Österreich anstreben.
derStandard.at hat in Wien zwei Institutionen besucht, die Sprachkurse für MigrantInnen anbieten. Ein Lokalaugenschein von Thomas Bergmayr und Christa Hager.
* * * * *Was würden Sie mit einer Million Euro machen? "Ich würde ein schönes Haus bauen", "ein Reisebüro aufmachen", "ein tunesisches Restaurant eröffnen", "eine Kreuzfahrt machen", "ein Krankenhaus und eine Schule bauen" – so lauten einige Antworten von 14 TeilnehmerInnen auf eine Übungsfrage. 150 Kurseinheiten haben die Lernenden schon hinter sich, weiter 150 werden folgen, bis sie zur Integrations-Prüfung antreten können. "Die meisten haben bei Null angefangen, manche konnten schon ein bisschen Deutsch", beschreibt die Kursleiterin Elisabeth Lengauer das Niveau ihrer Lernenden.
Eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe aus 11 Nationen, die Mehrheit ist um die 20 Jahre und sichtlich engagiert, Deutsch zu lernen. Sie alle haben eines gemeinsam: Seit zwei Monaten verbringen sie einen Teil ihrer Freizeit, drei Stunden täglich, im Berufförderungsinstitut (bfi) im dritten Bezirk in Wien. Sie stecken mitten im A2-Sprachkurs für fortgeschrittene AnfängerInnen, um die Integrationsvereinbarung zu erfüllen.
"Pattern Drill"
300 Stunden Deutsch fördert der Bund, davon sollen alleine 100 die Lernenden in einem eigenen Kurs auf die Integrations-Prüfung vorbereiten. Die Gefahr, dass die Sprachkurse zu einer Prüfungsvorbereitung verkommen würden, sieht die Kursleiterin nicht – im Gegenteil: "Diese Vorbereitung ist ganz besonders wichtig," betont sie. Das Problem seien die standardisierten Tests, die alle MigrantInnen über einen Kamm scheren.
Das Problem der unterschiedlichen Bildungshintergründe der Lernenden stellt sich auch im Kurs selbst - von Hausfrauen bis zu AkademikerInnen reicht die Palette. Dem könne man im Unterricht nur mit "Pattern Drill" Herr werden. Denn damit alle verstehen, worum es geht, funktioniert der Kurs nach dem Muster 'dieses Verb verlangt den Akkusativ’, nicht", so die Kursleiterin. Erschwerend in der Kurspraxis komme hinzu, dass die gängigen Lehrwerke zu sehr auf Deutschland fokussiert seien - gerade deshalb müsse man mit authentischen Materialen arbeiten, um die Sprachrealität in Österreich mit einzubeziehen.

Deutschunterricht im bfi Jelena Stefanovič kommt aus Serbien, Selma Yassien-Haddad, ursprünglich aus Algerien, hat sieben Jahre in Kanada gelebt, bevor sie nach Wien gekommen ist. Was ihnen beim Deutschlernen besondere Schwierigkeiten bereite? Stefanovič: die Satzstellung und die Artikel. Yassien-Haddad: besonders die Rechtschreibung und das Sprechen. Leicht hingegen finden beide die "theoretischen Übungen". Doch wenn es darum geht, das Gelernte auch anzuwenden, stoßen sie an ihre Grenzen: "Ich verstehe, aber ich kann nicht sagen," so Yassien-Haddad.
"Interessiert, motiviert und lernwillig sind sie alle", lobt Lengauer ihr SchülerInnen. Auf Abwehrmechanismen sei sie noch nicht gestoßen. "Aber einige plagen sich fürchterlich, während sich andere sichtlich leichter tun", erzählt sie. Und die meisten wollten entweder zu Hause oder in einem weiterführenden Kurs weiterlernen.

Dass sie als Trainerin auch unter Druck steht, gerade was die Prüfungen betrifft, verneint sie: "Die Prüfungen werden nicht nur im bfi abgehalten, sondern können auch extern durchgeführt werden. Mein Ehrgeiz besteht daher darin, die TeilnehmerInnen auf ein Niveau zu bringen, damit sie die Tests auch bestehen".
"Zwangspädagogik"
Kritischer sieht sie hingegen die Integrationsvereinbarung an sich: "Warum muss diese Teilnehmerin aus Serbien diesen Kurs machen? Warum wird bei ihr die Integrationswilligkeit hinterfragt und bei einer Lettin oder Bulgarin nicht, nur weil diese das Glück haben, aus der EU zu sein?", fragt sie und fügt hinzu: "Sicher ist es sinnvoll, dass die Leute Deutsch lernen. Aber mit Zwang bringt das nichts."
Ortwechsel: Wien, 2. Bezirk, Integrationshaus. Der aktuelle Kurs von Maniki Tuo soll seinen TeilnehmerInnen Deutsch auf A1-Niveau vermitteln. 18 Lernwillige reihen sich im großzügigen Kreis rund um den Vortragenden an der Tafel. Tuo musste 2004 aus Cote d'Ivoire fliehen. In seiner Heimat hatte er sich bereits als Schüler im Deutschunterricht besonders hervorgetan; es folgte ein Lehramstudium für Germanistik. Heute gibt er im Wiener Integrationshaus als Trainer sein Wissen an MigrantInnen weiter.
"Fremdsprachenwachstum"
"Manfred hat keine Zeit" ist der Titel der Hörübung, die sichtlich volle Konzentration fordert. Denn das Hören ist eine Sache, aber das Gehörte zu entschlüsseln ist keine leichte Aufgabe. Die Art, die den Unterricht im Integrationshaus prägt, orientiert sich an den Zielgruppen und am Alltag der Lernenden. Dem so genannten "Fremdsprachenwachstum" liegen keine abstrakten Lehrbuchtexte zu Grunde; vielmehr greifen die TrainerInnen auf authentische Materialen zurück - Tageszeitungen oder Postwurfsendungen beispielsweise. Texte also, mit denen die SchülerInnen ohnehin im täglichen Leben konfrontiert sind.

Trainer Maniki Tuo vom Integrationshaus Es sei aber schwer, allen gerecht zu werden, sagt Tuo. Das liege an den unterschiedlichen Herkunftsländern. Die meisten TeilnehmerInnen seines Kurses kommen aus Russland/Tschetschenien, Gambia, Nigeria und Afghanistan, Englisch benutze er in schwierigen Fällen als Lingua Franca. Besonderes Augenmerk legt er auf die Umgangssprachen in Wien: "Der Akzent ist schon eine sehr schwierige Sache. Das Verstehen erfordert viel Zeit. Die Leute hier singen beim Sprechen."
Das Integrationshaus blickt bei Sprachkursen auf eine lange Tradition zurück Seit Beginn sind die ProjektbetreiberInnen daran interessiert, den von ihnen Betreuten neben Berufsorientierungs-Kursen auch die Möglichkeit zu bieten, Deutsch zu lernen. Schulungen im Rahmen der Integrationsvereinbarung gab es allerdings nie und wird es auch nicht geben. Diese Entscheidung sei eine der schwersten gewesen, erzählt Gabi Ecker, die für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist.
Zwangspädagogik
"Wir haben es aus politischen Gründen abgelehnt, solche Kurse durchzuführen", ergänzt Martin Wurzenrainer. Für den Sprachtrainer und Projektleiter im Integrationshaus liegt es auf der Hand, warum man gegen eine solche Verordnung sein müsse: Zum einen könne es nicht sein, dass eine "Vereinbarung" die eine Partei in die Pflicht nehme, die andere Seite dagegen zu nichts verpflichte. Zum anderen sei eine derartige Zwangspädagogik, wie sie die Integrationsvereinbarung vorsieht, seit Jahrzehnten überholt. Besser wäre es, die Kurskosten stärker zu fördern – und das nicht nur auf den niedrigsten Niveaus wie bisher. "Alles, was darüber hinausgeht ist anscheinend keine Förderungen mehr wer. Es ist ein Luxus, wenn man besser Deutsch lernen will", kritisiert er.

Pädagoge Martin Wurzenrainer vom Integrationshaus Wie der Erfolg der Kurse gemessen wird, wenn es keine Prüfungen gibt? „Einerseits durch Evaluierung: die Teilnehmer bewerten, teils in ihrer Muttersprache, teils auf Deutsch. Andererseits beurteilen wir die TeilnehmerInnen nach ihren sprachlichen Handlungen: was sie schon alles meistern können. Und natürlich auch danach, ob viele TeilnehmerInnen wiederkommen. In der Vergangenheit hat sich gezeigt: "Viele würden gerne wieder kommen, aber es gibt keine Fortgeschrittenenkurse".
Finanzieller Aufwand
Die entstehenden Kosten für die von der Integrationsvereinbarung Betroffenen streicht Wurzenrainer als besonders prekär hervor. Nachdem den MigrantInnen nur ein Teil der Kursgebühren erstattet wird, könne es durchaus vorkommen, dass sich bei größeren Familien die finanzielle Belastung durch die Schulungen auf mehrere Tausend Euro summiert. Bei nicht-Bestehen von Prüfungen innerhalb der vorgeschriebenen Zeit könne der Geldaufwand sogar zur Existenzfrage werden.
Dass MigrantInnen den Willen zum Deutschlernen haben, stehe außer Frage, dazu bräuchte es keinen gesetzlichen Zwang. "In der Zeit vor der Integrationsvereinbarung haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Bedarf an Kursen, die für die Zielgruppe im Rahmen der Sprachoffensive auch leistbar waren, nie gedeckt werden konnte. Wir hatten im Integrationshaus immer 100 bis 150 Menschen auf der Warteliste." Heute seien allerdings jene Institutionen, die keine IV-zertifizierten Kurse anbieten, in einer schwierigen Situation, besonders wenn es um finanzielle Förderungen geht.
Noch viel schwieriger sei es, Gelder für wissenschaftliche Programme aufzutreiben, beklagt zudem Gabi Ecker. Ein Beispiel dafür ist das internationale Projekt "Enhancing Early Multilingualism" (ENEMU), das sich auf die Förderung von früher Mehrsprachigkeit konzentriert. Die Finanzierung ist für heuer noch nicht gesichert. Ecker: Es fehlen immer noch 5.000 Euro, um das Programm wieder durchführen zu können. (derStandard.at, 5. April 2007)