Tiflis: Wo Puschkin ein Bad nahm

25. Juni 2007, 15:25
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Einst lockten fünf­und­sechzig Thermen, noch heute weisen dampfende Kuppeln den Weg in Schwefelbäder - Nun soll die bröckelnde Altstadt gerettet werden

Es war Jesu letztes Hemd, und ein georgischer Jude namens Elias gilt als Kurier der Reliquie. Das vergrabene Kleid des Messias war ein erstes Indiz, dass Mtskheta voller Überraschungen steckte. Denn auch die steinernen Eingeweide der Sveti-Tskhoveli-Kathedrale fügten sich perfekt ins archaische Bild. Ikonen mit rußig gewordenen Gesichtern, der lautlose Paartanz von flackernden Schatten und Flammenzünglein - alles war da. Und außerdem unüberhörbar: das Dröhnen einer tausendjährigen Stille, die sich längst in die hintersten Falten des sakralen Fossils verkrochen hatte.

Dass Mtskhetas berühmtester Bau aus dem 11. Jahrhundert stammte, vor sechshundert Jahren das letzte Mal erweitert wurde, war allein schon den abgewetzten Bodenplatten anzusehen - von flüchtigeren Details gar nicht erst zu reden. Irgendwo hier soll sich nämlich die georgische Seele herumtreiben. So steht es zumindest in den wenigen Reiseführern, die über den Kaukasus geschrieben wurden und die der alten Hauptstadt Mtskheta das obligate "Ausflüge von Tiflis"-Kapitel widmen.

Falls alte Seelen Bärte tragen, dann hat man gute Chancen, sie hier für Popen zu halten - das verwirrende Blinken der Goldkreuze an der Brust, die Art, Fremden die schwere Hand auf die Schulter zu legen, sprach im Moment keineswegs gegen diese Theorie. Ebenfalls vor Ort vorhanden: ein Grab, das im Ruf steht, dass daraus beständig Öl dringe. Wer nun auf ein Leck in der Baku-Pipeline tippt, die Georgien künftig noch viel näher an die EU heransaugen wird, liegt jedenfalls falsch. Kein Pipeline-Millimeter kriecht unter Mtskhetas Heiligtümern hindurch.

Staubig, trocken und rau

Zu dicht gedrängt fürs Verlegen zusätzlicher Adern erscheint der historische Boden. Flecken wie Mtskheta sind nämlich nur mehr bedingt aufnahmefähig, auch wenn die alten Weiber jenseits des umlaufenden Steinmäuerchens wohl sofort Einspruch erheben würden: Allein wegen des Gewichts der Gießkannen, die sie schon den ganzen Morgen durch die Hitze schleppen, diesen Quartalsäufern von Pfingstrosen zuliebe, und ein bisschen auch wegen der guten Petersilie von nebenan. Man könnte ihnen nicht widersprechen. Staubig und trocken wirkt die lössfarbene Gegend vor Tiflis, und rau wie wellig gewordenes Sandpapier. Die prinzipiell wasserreiche Lage am Zusammenfluss von Mktvari und Aragvi vermag daran nichts zu ändern. Dass der Ort, an dem man sich bereits anno 337 für das Christentum als Staatsreligion entschied, jetzt längst zum Kaff plus Kathedrale abgesunken ist, fügt sich bestens zum abgegrasten Terrain.

Doch wer die dreißig Kilometer von Tiflis nach Mtskheta hinausrollt, ist in der Regel bereits vorgewarnt. Vollgesogen bis auf den Grund mit alten Geschichten, eigener Schrift und einzigartiger Sprache, geprägt von sich hier kreuzenden Wegen zwischen Ost und West, Nord und Süd präsentiert sich Georgien, einst ein Angelpunkt des Seidenstraßen-Business, ja auf Schritt und Tritt. Das lehren einen auch Spaziergänge durch Tiflis, das Mtskheta als Hauptstadt ablöste und dessen Altstadt allein eine Reise wert ist.

Schlendert man etwa die Jerusalimis Besikis hoch, eine von Tiflis' krummen, mit Kopfstein gepflasterten Gassen, so treten die Bilder dieser langen und multikulturellen Geschichte mitunter mit aller Kraft hervor. Im Idealfall ist es die Stunde der feinen Schatten, den die schnörkeligen Gitter der türkisch anmutenden Holzbalkone gegen das bröckelnde Altstadt-Mauerwerk werfen, am nahen Gorgasseli-Platz etwa, der einst Sammelpunkt von Kamelkarawanen war, oder in den kleinen Häusern des früheren Basars an der Schardeni-Straße. Arabesken einer fast abbruchreifen persischen Karawanserei zählen zu diesen Details. Wunderbar geschnitzte Holzbalkone, Alt-Tiflis' wahres Markenzeichen, hängen altersschwach an den Fassaden herum und träumen wohl dem abgesplitterten Lack ihrer Jugend hinterher.

Labyrinthische Dampfbad-Unterwelten

Fast körperlich meint man die Melancholie, die von kalt gewordenen Samowaren und reichem kulturellen Erbe erzählt, zu verspüren. Flach wurzelnde Feigen, die das rostrot schimmernde, alte Ziegelmauerwerk der Innenhöfe nun wie im Zeitraffer aushebeln, wissen darüber Bescheid. Wohl auch das blau schimmernde Mosaik des im Stile einer zentralasiatischen Madrassa errichteten Orbeliana-Bades, das sich inmitten eines Holzhütten-Patchworks gegen den Steilhang des weiter oben thronenden Narikal Forts presst.

Tbili heißt "warm" im Georgischen, was im 5. Jahrhundert Tbilissi seinen Namen verlieh. Einst gab es hier, im Bäderviertel Abanotubani, fünfundsechzig solcher Thermen. Bis heute verraten die dampfenden Kuppeln der Schwefelbäder labyrinthische Dampfbad-Unterwelten, in denen schon Puschkin ablag, und später vielleicht sogar der Georgier Iosseb Dschugaschwili alias Stalin ein wenig weich wurde.

Das Mikadospiel der Baupfosten und Bolzen, das Hämmern und Mischmaschinen-Geröhre, das die Altstadt nun ebenfalls prägt, verrät aber auch, dass längst lokale "Bisnissmen" das Potenzial entdeckt haben - um an restaurierten Zeilen wie dem Art-Nouveaux-Ensemble "Cotton Row" Boutiquen und Cafés in neobarockem Stil einzurichten.

Weltkulturerbe-Glassturz

"Entdeckt" wurde das urbane Juwel der Tifliser Altstadt, das persisches, türkisches und westliches Architekturerbe auf sehenswerte Weise verschmilzt, freilich schon vorher. Zunächst sogar von der Sowjetunion, die Tiflis' kopfsteingepflasterte Straßen bereits 1975 denkmalpflegerisch bedachte. Die Gefährdung der mit zahllosen Jugendstil-Rosinen gespickten Häuser, deren horizontale Holzzubauten ans Altwiener Pawlatschen-System erinnern, ließ ab 1998 vor allem auch internationale Gelder fließen. Zunächst seitens der Weltbank, für Kartographierung als Basis umfassender Restaurierung, und ab 2003 schließlich unter Beteiligung von Europarat und UNESCO.

Vom erklärten Ziel, den Weltkulturerbe-Glassturz über die gesamte Altstadt zu stülpen, trennen dabei nur mehr organisatorische Mängel. Dass es sich bei Alt-Tiflis verträumten Straßen um schützenswertes Weltkulturerbe handelt, wurde längst auch von der Pariser UNESCO-Zentrale bestätigt. Jetzt gilt es, an den lokalen Weltkulturerbe-Management-Strukturen zu feilen - ein Prozess, der bis 2008 abgeschlossen sein soll. Ob Georgiens Behörden schneller sein werden als die Holzwürmer an den Balkonen - auch diese bislang letzte Episode wird Tiflis gezeichnete Altstadt einmal prägen. (Robert Haidinger/Der Standard/Rondo/06/04/2007)

Ansichtssache: Spezielles Flair in Tiflis

Anreise: Zum Beispiel mit der Austrian nach Tiflis
Unterkunft: Marriott Tbilisi, 13 Rustaveli Avenue, Tel.: +995 (32) 779 200, Fax 779210
Restauranttipp: "Old House (Dzveli Sakhli)", Sanapiro 3, Tel.: 032-923497
Shopping: Obskures und Nostalgias am Flohmarkt "Dry Bridge", wenige Meter vom Alexandrov Park. Gute Auswahl georgischer Weine unterhält "Wineworld", Revaz Lagidze Str., Tel.: 032-989 584
Einreise: Seit 15. 6. 2001 benötigen Bürger der EU für die Einreise und den Aufenthalt bis maximal 90 Tage kein Visum mehr.
Sicherheit: Erhöhte Sicherheitsgefährdung besteht für die Regionen Abchasien und Süd-Ossetien, die für den internationalen Reiseverkehr gesperrt sind siehe Außenministerium

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