Glas mit Geist

6. April 2007, 17:00
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Die Haute Couture setzt nach wie vor auf traditionelle Handwerkskunst - Doch die Zulieferbetriebe sind gefährdet - immer öfter werden sie deswegen von den Couture-Häusern übernommen

Séverine hat feinen Goldstaub im Gesicht. Es glitzert, wenn sie sich bewegt. Ansonsten aber hat sie nichts Prinzessinnenhaftes an sich. Sie hat nicht die Statur der Mannequins, trägt einen blauen Arbeitskittel, die blonden Haare sind sorglos zurückgebunden. Auch der Goldstaub stammt nicht aus Feenhand. Séverine arbeitet gerade am Prachtstück der Saison: Es ist ein riesiges Plastron, ein sich aus unzähligen Blumen zusammensetzendes Collier, das eng am Hals beginnt und das ganze Dekolletee mit Glasblumen bedeckt.

150 Arbeitsstunden stecken in diesem Stück, 150 Stunden waren die kleinen Hände in Bewegung, denn so nennt man die Näherinnen, Handwerkerinnen, die in den Ateliers der großen Modehäuser an den Wundern der Haute Couture basteln: les petites mains. 150 Stunden lang haben sie winzige Blütenblätter aus Metall geformt, haben sie bernsteinfarbene Glaspaste mit dem Bunsenbrenner erhitzt und eingesetzt, haben sie mit einem feinen Pinsel noch einen Hauch von Gold aufgetragen. Denn Karl hat es so gewollt. Sie war ihm zu fade, die Blumenpracht.

Eine freundliche Übernahme

Es war auf Karl Lagerfelds Initiative hin, dass Chanel Mitte der achtziger Jahre begann, alte französische Handwerksbetriebe aufzukaufen, die seit Jahrzehnten für das Haus Chanel gearbeitet hatten, aber dem Druck der Globalisierung nicht widerstanden hätten. "Wenn sie untergehen, geht Paris unter", hatte Karl Lagerfeld damals prophezeit. Es war, wenn man so will, eine freundliche Übernahme, eine einzigartige Rettungsaktion für die Haute Couture.

In Plailly, eine knappe Autostunde nördlich von Paris, nicht weit vom Flughafen Roissy entfernt, hat die Schmuckwerkstatt Desrues ihren Sitz. Sie ist eines der sieben Ateliers, die Chanel mittlerweile übernommen hat. Eine Werkstatt? Nein, eigentlich eher eine Fabrik, so sauber und aseptisch wie ein Krankenhaus. Denn das einst so beschauliche Knopf- und Modeschmuckatelier, das jahrzehntelang zwischen Bastille und République in der Pariser Rue Amelot untergebracht war, ist bereits Anfang der neunziger Jahre nach draußen auf die grüne Wiese gezogen. Auf 8000 Quadratmetern wird hier gehämmert, geschweißt, in Farbe getaucht, montiert, werden jährlich 11.000 Knöpfe und 400 Schmuckstücke gefertigt, und längst reicht der Platz nicht mehr aus. Desrues ist auf Expansionskurs.

Sylvain Peters führt die Gäste herum. Er ist, wenn man so will, der heimliche Direktor von Desrues, der Mann, der für die Kollektionen verantwortlich ist und die Verbindung herstellt zwischen den Stilisten und denjenigen, die die Ideen umsetzten. An manchen Tagen macht er mehrmals die Reise zwischen Plailly und der Rue Cambon, wo Chanel seinen Sitz hat. Er muss schnell reagieren können, wenn Karl der Große nicht zufrieden ist. Deswegen ist die Produktion bei Desrues noch immer zweigleisig organisiert: Auf der einen Seite wird handwerklich gearbeitet wie vor 100 Jahren, auf der anderen steht industrielles High-Tech zur Verfügung, Laserapparate beispielsweise, die in wenigen Sekunden Knöpfe aus Resin schneiden. Aber Desrues ist sehr stolz darauf, das Handwerk zu erhalten: "Das Savoir-faire", sagt Peters, "ist in Jahrhunderten gewachsen. Verschwinden kann es in kürzester Zeit."

Veredelter Modeschmuck

Allein zehn Modeschauen veranstaltet Chanel pro Jahr. Neben den üblichen Defilees der Haute Couture und des Prêt-à-Porter präsentiert Lagerfeld seit fünf Jahren Kollektionen außerhalb der Reihe, wie beispielsweise Anfang Dezember die Paris-Monte-Carlo-Schau, aus der auch das Glasblumen-Plastron stammt. Für jede dieser Kollektionen braucht es neue Knöpfe, Gürtelschnallen, Schmuck. Allein 53 unterschiedliche Knopfmodelle waren für Paris-Monte-Carlo nötig. Deshalb besteht auch keine Gefahr, dass Desrues eines Tages in China herstellen lässt: Eine Kollektion, die in einem Monat produziert werden muss, lässt sich nicht auslagern.

Wenn das Plastron nach 150 Stunden fertig ist, wird es Séverine kurz anlegen. Nur um zu sehen, wie es sich anfühlt. Nur um die Befriedigung auszukosten, die es bedeutet, so ein Stück zu Ende zu bringen. Kurz wird sie sich vielleicht wie eine Prinzessin fühlen. Es ist Modeschmuck. Sicher. Aber schon Coco Chanel hatte es verstanden, ihn zu veredeln. Sie liebte Schmuck und machte sich einen Spaß daraus, teure Juwelen in billigen Materialien nachzumachen, sich mit Ketten zu behängen und den ganzen Unterarm unter Armreifen zu verstecken. "Mein Schmuck", so hat Mademoiselle es formuliert, "gehört zum Gesamteindruck, den eine Frau und ihr Kleid erzeugen."

26.000 Euro wird die Chanel-Kundin sich diesen Gesamteindruck kosten lassen müssen. Ihre Blumen sind nicht echt. Aber sie müssen dafür auch nicht gegossen werden. (Martina Meister/Der Standard/rondo/06/04/2007)

  • Das Glasblumen-Plastron ist einer der Höhepunkte in Chanels  Paris-Monte-Carlo- Kollektion. 150 Arbeitsstunden stecken in  diesem aus Glasblumen zusammengesetzten Collier.
    foto: hersteller

    Das Glasblumen-Plastron ist einer der Höhepunkte in Chanels Paris-Monte-Carlo- Kollektion. 150 Arbeitsstunden stecken in diesem aus Glasblumen zusammengesetzten Collier.

  • Artikelbild
    foto: hersteller
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  • In Desrues werden viele Arbeiten  am edlen  Couture- Geschmeide per Hand ausgeführt.
    foto: hersteller

    In Desrues werden viele Arbeiten am edlen Couture- Geschmeide per Hand ausgeführt.

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