Wir sind schön

5. April 2007, 17:00
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In Wiens Modeszene hat sich ein neues Label in den Vordergrund gespielt: "House Of The Very Island's ..." ist ein radikales Designkollektiv, das Kunst und Mode zusammendenkt

Als vergangenen Mai in der Wiener Hofburg eine große Gala des europäischen Mode-Nachwuchses über die Bühne ging ("EU Young Fashion Summit"), da waren aus Österreich wunderliche Kreationen zu sehen: Latz- oder Pluderhosenträger mit Masken und zerfransten Oberteilen, dazu riesige Widderhörner aus Strick oder dunkle Hauben. Verwechselte hier jemand eine Modeschau mit einem Perchtenlauf? Oder handelte sich um einen subversiven Akt, mit dem Ziel, die feierliche Repräsentationsveranstaltung zu stören? Und wer steckte hinter diesem Label, das sich einen unmöglich langen und zudem unaussprechlichen Namen gegeben hatte: "House Of The Very Island's Royal Club Division Middlesex Klassenkampf But The Question Is Where Are You, Now?"

Zumindest letztere Frage lässt sich eindeutig beantworten: Vier Köpfe haben sich den ungewöhnlichen Namen ausgedacht, allesamt Absolventen der Modeklasse der Wiener Angewandten. Sie gingen nach Beendigung des Studiums beim belgischen Designers Raf Simons nicht getrennte Wege, sondern formierten ein Designkollektiv, das in der heimischen Szene sofort Aufsehen erregte: durch die Radikalität ihrer Position, die Verknüpfung ästhetischer und konzeptioneller Ansprüche, das Zusammendenken von Mode und Kunst. Bereits mit der ersten gemeinsamen Kollektion ("Contemporary Witchcraft") vertraten sie Österreich beim Gipfeltreffen des europäischen Modenachwuchses. Mittlerweile zeigten Markus Hausleitner, Karin Krapfenbauer, Martin Sulzbacher und Jakob Knebl bereits ihre dritte Kollektion - so wie die ersten beiden auch im Rahmen der Pariser Prêt-à-porter-Schauen.

Das ist der Mode-Hintergrund, vor dem sich "House Of The Very Island's ..." messen lassen will. Österreich allein als Resonanzraum ist schlichtweg zu beschränkt - auch wenn die Truppe ihre Wurzeln eindeutig in der hiesigen Szene hat. Wie die Labels Wendy & Jim oder das mittlerweile vor allem im Kunstbereich agierende Duo Fabrics Interseason geht es den Vieren weniger um den schönen Schein als die Scheinbarkeit von Schönheit. Um Konstruktionen, was als attraktiv, hübsch, männlich oder weiblich angesehen wird. Mit reinen Akademismen hält man sich dabei nicht auf: In den Entwürfen setzen die vier Designer ihre Überzeugungen so unmittelbar als möglich um.

Das beginnt bei der Materialwahl

Man verwendet zum Großteil Öko-Materialien, die fair produziert wurden, und bei deren weiterer Verarbeitung man auf korrekte Arbeitsbedingungen achtet. Die Kollektionen werden in Zusammenarbeit mit der Schneiderei Merit erstellt - einem Projekt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Langzeitarbeitslose ins Arbeitsleben zu integrieren -, T-Shirts der letzten Kollektion fertigte das Sozialprojekt "fix und fertig" an.

Mit einem Ökolabel im herkömmlichen Sinn hat "House Of The Very Island's ..." allerdings wenig gemein. Man orientiert sich weniger an Kartoffelsackkleidern verzückter Blumenkinder als an den Avantgardisten der Achtzigerjahre, an japanischen Labels wie Comme des Garçon oder den belgischen Säulenheiligen wie Ann Demeulemeester oder Martin Margiela. Deren Erbe möchte man fürs 21. Jahrhundert fruchtbar machen. Allerdings unter eigenem Vorzeichen: So weigerte man sich bisher, die Kollektionen für ein bestimmtes Geschlecht zu schneidern - Kleidung sollte das biologische Geschlecht eher verwischen als betonen. In der gerade im Pariser Showroom Anna Flatz vorgestellten Kollektion für kommenden Herbst und Winter (sie ist dem Prag Kafkas und des Trickfilmkünstlers Jan Svankmajer gewidmet), ist die Schnitttechnik sogar zur Gänze der Herrenschneiderei entlehnt - auch wenn die Kleider selbst dann eher in der Damen- als der Herrenabteilung hängen.

Den Zwängen der Praxis - der Geschlechterpolarität oder der kommerziellen Ausrichtung von Mode - entkommen die vier Designer nicht. Wollen sie auch nicht, schließlich beziehen sie ihre Kraft nicht unwesentlich aus der Verzerrung der herrschenden Modeverhältnisse. Ein Instrument dabei ist immer wieder die Kunst: Seit fünf Jahren betreibt ein Teil der Truppe den selbstorganisierten Kunstraum "auto" in der Wiener Löwengasse, in dem herrschende Geschlechterkonstruktionen diversen Härtetests unterworfen werden. Im Umkreis von "House Of The Very Island's ..." hat sich so eine Gruppe von Aktivisten geformt, eine Art Familie, die durch ähnliche Ansichten zusammengehalten wird.

Durchlässig gestalten sich die Grenzen des Labels: Martin Sulzbacher (Er war übrigens RONDO-Modepreisgewinner vor zwei Jahren) arbeitet derzeit als Junior-Designer bei Jil Sander in Mailand, das aktuelle Video zur Kollektion wurde in Zusammenarbeit mit dem Dandy-Dust-Filmemacher Hans Scheirl gedreht. Das Kollektiv lebt - und die Mode profitiert davon. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/6/4/2007)

Die Kollektionen von "House Of The Very Island's ..." gibt es in diversen japanischen Geschäften, bei Maria Luisa in Paris, im "Park" in der Mondscheingasse 20 in Wien zu kaufen. The House Of The...
  • Die erste "House Of The Very Island's..."-Kollektion drehte sich rund um moderne Hexen.
    house of the very island's....

    Die erste "House Of The Very Island's..."-Kollektion drehte sich rund um moderne Hexen.

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