Knappheit an Bioprodukten treibt seltsame Blüten

5. April 2007, 11:21
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Der Bio-Boom freut die Landwirte - Aber immer mehr Obst und Gemüse werden importiert - Konsumenten müssten umdenken

Wien - Der wachsende Hunger nach biologischen Lebensmitteln führt zu Versorgungsengpässen. Derzeit sind Bio-Zwiebel in ganz Europa Mangelware. Bis Juni werden die österreichischen Kartoffeln knapp; Handelsketten greifen auf Erdäpfel aus Ägypten zurück.

Der Bedarf an Bio-Äpfeln wird bereits jetzt mehrheitlich über Importe, etwa aus Italien, gedeckt. Selbst den Molkereien droht mittlerweile biologische Milch auszugehen "Wir freuen uns über jeden Liter Biomilch, den wir bekommen können", sagt Rewe-Konzernvorstand Frank Hensel.

Hohe Mengen im Diskont

Ein Auf und Ab im Biolandbau hat es immer schon gegeben. Doch mit Ende der 90er-Jahre eröffneten sich der Branche Exportchancen von Italien bis England. Seit 2006 saugt vor allem der deutsche Einzelhandel Obst und Gemüse ab und bietet dabei meist höhere Preise als in Österreich. Dazu kommt, dass die Nachfrage der Diskonter massiv gestiegen ist; Hofer setzt hohe Bio-Mengen ab. Auch die Wiener Großküchen sind als Abnehmer nicht mehr zu unterschätzen.

Österreich zählt 20.500 Bio-Bauern, die Flächen von rund 400.000 Hektar bewirtschaften. Johannes Tomic, Obmann der Bio Austria, appelliert an die konventionellen Landwirte, diesen Sog zu nutzen. "Die Perspektiven sind da. Die Politik muss jetzt Anreize schaffen, die eine Umstellung auf Bio erleichtern." Doch andere in der Branche sind skeptisch. "Eine unkontrollierte Flächenexpansion setzt die Märkte unter Druck", sagt Johann Ackerl, Biobauer und Geschäftsführer der Vertriebsfirma Pur Bioprodukte. Der Betrieb versorgt die Billa-Biomarke "Ja!Natürlich", Spar und Hofer mit Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten von 150 ostösterreichischen Landwirten. Die Hälfte der Jahresproduktion von etwa 30.000 Tonnen gehen in den Export.

Unbeliebte "Augen"

Ackerl sieht Hürden für Bio-Lebensmittel vor allem in den Anforderungen vieler Supermärkte und führt als Beispiel die Kartoffel an: Konventionelle werden, um das Keimen während der Lagerung über den Winter zu verhindern, begast, Bio-Erdäpfel nicht. Folge sind kleine "Augen", an denen sich der Handel stoße und lieber Kartoffeln aus der ägyptischen Wüste importiere, sagt Ackerl. "Was nicht so aussieht wie es immer ausgesehen hat, wird ausgelistet." Da kein Bauer auf seinen Bio-Lebensmitteln sitzen bleiben will, werde die Ernte nicht wie bisher eingelagert, sondern eben bereits im Herbst komplett verkauft.

Der Biomarkt funktioniert auf Dauer nicht nach konventionellen Kriterien, ist Ackerl überzeugt. "Der Handel muss berechenbarer werden, auch Verantwortung übernehmen." Tesco etwa sei in Großbritannien Vorreiter und biete Lieferanten Fünf-Jahres-Verträge.

Bei den Preisen sei der Plafond erreicht. "Die Landwirte wollen nicht am Spotmarkt abcashen, sondern Kontinuität."

"Der Kunde erwartet, dass wir alle Produkte übers ganze Jahr anbieten", sagt Stefan Maran, Eigentümer der gleichnamigen Wiener Biohandelskette. Es sei gegen seine Philosophie, die Ware über weite Strecken aus dem Ausland herbeizukarren. Es ließe sich dennoch nicht vermeiden, 60 Prozent seiner Produkte würden importiert. Gerhard Zoubek vom Biohof Adamah freut sich über die steigende Nachfrage. "Die Knappheit birgt aber die Gefahr von Trittbrettfahrern."

Maran zeichnet ein düsteres Bild, warnt vor Qualitätsverlust. Der Markt sei durch rasches Wachstum unruhig geworden, Bio-Richtlinien drohten verwässert zu werden. (Verena Kainrath, DER STANDARD print, 5.4.2007)

  • Eingelagerte österreichische Bio-Kartoffeln sind dem Handel oft zu schrumpelig. Die Ketten importieren die Erdäpfel mitunter lieber aus Ägypten
    foto: standard/heribert corn

    Eingelagerte österreichische Bio-Kartoffeln sind dem Handel oft zu schrumpelig. Die Ketten importieren die Erdäpfel mitunter lieber aus Ägypten

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