"Entschleunigung" im Kirchturm

3. Juli 2007, 12:34
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Die Diözese Linz wird im Kulturhauptstadtjahr 2009 Akzente setzten. Bereits fertig konzipiert ist das Projekt "Turmeremit

Linz - 395 Stufen führen in die Einsamkeit - vorbei an der mächtigen Immaculata-Glocke über Schwindel erregende Wendeltreppen hinauf in die so genannte Türmerstube im Linzer Mariendom. 60 Meter über den Dächern der Großstadt hat die Stille den Lärm des Alltags geschluckt. Die kleine Stube am Kirchturm ist völlig leer: kein Stuhl, kein Tisch, unverputzte Wände und eine verrostete Deckenlampe, die schon lang keine Helligkeit mehr verbreitet. Dennoch üben die rund neun Quadratmeter auf Erstbesucher eine spürbare Faszination aus.

Schweigebedarf

"Eingebaut wurde die Türmerstube im Zweiten Weltkrieg und war wahrscheinlich als Beobachtungsposten genutzt, um etwaige Bombentreffer schneller lokalisieren zu können", erzählt Diözesankonservator Hubert Nitsch. Mit Ende des Krieges geriet auch das Zimmer am Turm in Vergessenheit. Erst jetzt erwacht der kleine Raum wieder zu neuem Leben: "Der Turmeremit" ist eines der zahlreichen Projekte, mit denen sich die Diözese Linz am Kulturhauptstadtjahr '09 beteiligen wird. Ein ganzes Jahr lang werden sich Woche für Woche Hobby-Einsiedler in der Türmerstube die Klinke in die Hand geben.

Dom-Eremit wird man durch Bewerbung. "Religionszugehörigkeit, Herkunft und Stand sind völlig irrelevant", erläutert Nitsch. Und mit dem Schweige-Angebot in luftigen Höhen scheint man den Nerv der Zeit getroffen zu haben: "Es ist in unserer Gesellschaft ein unglaublicher Bedarf nach Entschleunigung da. Wir haben bis dato 135 Bewerbungen", freut sich der Initiator.

Ausgewählt werden die Eremiten in speziellen Bewerbungsgesprächen. "Die Teilnehmer müssen natürlich in einer entsprechenden psychischen Verfassung sein, denn durch die Stille bricht vieles auf", weiß Nitsch aus eigener Erfahrung. Der diözesane Kulturbeauftragte verbrachte selbst neun Monate schweigend in einem italienischen Kloster.

Kutte statt Handy

Die Eremiten bekommen von Anbeginn einen persönlichen Paten zugeteilt, zweimal am Tag dürfen die Einsiedler die stille Stube verlassen. "Einmal zum Essen holen, und am Abend wandern sie vom Turm in den Keller. In der Krypta gibt es die Möglichkeit mit dem Eremiten zu schweigen", so Nitsch. Das Turmzimmer selbst werde noch entsprechend adaptiert. "Toilette, Waschbecken, ein Bett und eine kleine Handbibliothek mit Klassikern der Philosophie und Theologie wird es geben", gibt Nitsch einen Einblick ins karge Turmleben.

Mitnehmen dürfen die Schweiger nur Bettwäsche, Handy und Laptop sind absolut tabu. Auch bei der Kleidung gibt es prinzipiell Vorschriften. "Klassisch wäre eine Kutte, aber ich will niemanden dazu zwingen", so Nitsch. Jux-Eremiten fürchtet der kirchliche Kunstexperte nicht: "Maximal zwei Tage gebe ich solchen Spaßvögeln in der Stille."

Die Kirche biete mit dem Projekt die Möglichkeit an, "von oben in aller Ruhe das Gewusel von Linz '09 zu betrachten", sagt Nitsch. Das rege Interesse habe ihn bereits an eine Weiterführung des Projektes denken lassen. "Es stünde der Kirche gut an, nicht im Mainstream zu schwimmen, sondern sich wieder mehr ihrer Kernaufgaben zu besinnen", kritisiert er, während er lässig am kleinen "Balkon" des Türmerzimmers steht. Dort wird eines rasch klar: Höhenangst und Schwindel können die Stille empfindlich stören. (Markus Rohrhofer/Der Standard/Printausgabe/02./03.04.2007)

  • Der Mariendom in Linz.
    foto: diözese linz

    Der Mariendom in Linz.

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