Cleopatra an der Wien: "Giulio Cesare in Egitto" im Theater an der Wien

4. April 2007, 20:02
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Händel-Premiere beim "Osterklang": Regisseur Christof Loy und Dirigent Rene Jacobs erzählen eine vielschichtige Operngeschichte

Wien – Es ist gar nicht so einfach, im (Musik-)Theater neue Erfahrungen zu vermitteln, die die Erwartung auszuhebeln vermögen, indem sie sich doch auf sie beziehen – Erfahrungen, die über vorgeordnete Wahrnehmungsmuster hinausgehen. Der Idealfall wäre wohl die Vermittlung einer aus dem Werk gewonnenen Interpretation, die sich nicht auf dessen bloße Repräsentation beschränkt, sondern aus ihm heraus existenzbezogene Einsichten ermöglicht. Oft genug sind diese Absicht und die auf sie verwendeten Mühen spürbar, während die Zielrichtung des szenischen Strebens doch unklar bleibt.

So mochte man auch zunächst zwischen Belustigung und Befremden schwanken, als auf den bis in die Ouvertüre hinein gezeigten Videoprojektionen die Besucher auf dem Weg zu ihren Sitzplätzen zu sehen waren. Immerhin war man zum Nachdenken darüber angeregt, wie sich diese Bilder auf das folgende Geschehen beziehen lassen würden. Und dazu geneigt, dem in Alltagskleidung über die Bühne schreitenden Chor eine lebensnahe Aura zuzuschreiben – bis sich die Gestalten in die Protagonisten von Händels Giulio Cesare in Egitto zu verwandeln begannen.

Und als später, auf dem Höhepunkt des Dramas, der tot geglaubte Titelheld den Weg zurück ins Theater suchte und dabei durchs Foyer wanderte, konnte man darin zwar ein an sich nicht notwendiges Element erblicken, eines aber, das dazu diente, die enthobenen Bühnenereignisse in den Erfahrungsraum des Publikums zurückzubinden und einen veränderten Blick auf Leben und Leidenschaften der Opernfiguren zu ermöglichen.

Dabei setzte Regisseur Christof Loy rund um riesigen, schwarz marmorierten, drehbaren Quader (Bühnenbild: Johannes Leiacker) auf Reduktion: Zwar zeigte er die psychologischen Konstellationen mit schmerzhafter Genauigkeit, ließ deren Darsteller aber innerhalb der zeitlich ausgedehnten Da-capo-Arien mithin minutenlang an der Rampe stehen, während andere wie versteinert schienen. Solche szenische Statik mag ebenfalls befremden, doch dient sie Loy zur Entfaltung einer paradoxen Intensität, zumal hier nichts von den musikalischen Innenschauen der Protagonisten ablenkt.

Zudem agieren die Sänger mit einer an Method Acting erinnernden Entäußerung, sind Personenführung und Besetzung der Rollen gleichermaßen ideal, sodass schon alleine der Klang der Stimmen die Geschichte zu tragen vermag.

So ist Marijana Mijanovic in der Titelpartie schon mit ihrem sonoren Timbre eine Klasse für sich und darüber hinaus eine eindringliche Gestalterin. Ein hinsichtlich Dramatik ebenbürtiges Gegenüber findet sie in Veronica Cangemi, die ihre Koloraturen mit unmittelbarer Körperlichkeit, auch jenseits des reinen Schönklangs, zu führen weiß und die als Cleopatra eine innige Beziehung mit dem Orchester eingeht: Aus jenem Schlafgemach, in dem sie ihre berühmte Arie an die Augen des Geliebten ("V'adoro, pupille") singt, dringen zugleich auch die Instrumente, die dann während Cesares "Vogel"-Arie in den Graben zurückströmen.

Die Querverweise

Von dort wird nicht nur sie von René Jacobs und seinem Freiburger Barockorchester nach Kräften unterstützt: Schier unbegrenzt erscheint die Detailliertheit, mit der die Rezitative von der farbig besetzten Continuo-Gruppe beredt und mit musikalischen Querverweisen ausmusiziert werden, scheint auch das Ausdrucksspektrum der Streicher, die im Verein mit den Bläsern mitatmen und die Handlung unerbittlich dreinfahrend am Laufen halten.

Dort ist Kristina Hammarström als verzweifelter Cornelia ein rachelustiger Sesto zur Seite gestellt, den Malena Ernman mit Verve und stimmlicher Flexibilität gibt.

Dass es indessen keine glückliche Lösung für die psychologisch Verstrickten sein kann, Cleopatras Bruder Tolomeo – der phänomenale Countertenor Christophe Dumaux gibt ein schlüssiges Psychogramm zwischen Geschwisterliebe und Sadismus – am Ende zu erschlagen, vermittelt die Inszenierung mit ihrem Schlussbild: Während der berückende Orchesterklang noch einmal mit einer Chaconne einsetzt, die Jacobs dem Autograf von Händels Rodrigo entnommen hat, sitzen die Sänger, aus den Rollen wieder in die Anonymität der Chorsänger zurückgekehrt, frontal zum Publikum und regungslos lauschend, während sie offenbar eingestehen müssen, dass sie auch nicht mehr wissen als diejenigen im Zuschauerraum. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.4.2007)

5., 11., 13., 15., 17. April, jeweils 19.00
  • Gebeutelte Existenzen im barocken Opernlicht: Malena Ernman (als Sesto), Kristina Hammarström (als Cornelia) und Nicolas Rivenq (als Achilla) im Theater an der Wien.
    foto: theater an der wien

    Gebeutelte Existenzen im barocken Opernlicht: Malena Ernman (als Sesto), Kristina Hammarström (als Cornelia) und Nicolas Rivenq (als Achilla) im Theater an der Wien.

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