"Bin süchtig nach Lachen" - Andrea Bogad- Radatz im Interview

13. Juni 2007, 11:30
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Orientierungshilfe im Leben bietet "Mitten im Achten" , meint die ORF-Serieneinkäuferin - Dafür braucht es keine Konservenlacher, erklärt sie dem STANDARD

STANDARD: Warum sollten sich STANDARD-Leser ab 10. April "Mitten im Achten" anschauen?

Bogad-Radatz: Warum sollte sich jeder "Mitten im Achten" anschauen? Weil es ein neues Format ist im deutschsprachigen Raum. Weil es eine tägliche Sitcom ist, die sehr lustig ist, viel Tempo, viele lebensechte Situationen hat und ein bisschen Orientierungshilfe im Leben gibt.

STANDARD: Das alles versuchen andere Daily Soaps aber auch.

Bogad-Radatz: Und sogar billiger, wenn wir sie kaufen, völlig richtig. Aber das Ganze ist auch sehr österreichisch. Wir haben uns entschlossen, es nicht mit Lachern zu unterlegen.

STANDARD:: Herzlichen Dank. Wie kam es zu der Entscheidung?

Bogad-Radatz: Ich zählte mich anfangs zu den Befürwortern der Lacher. Als wir uns beide Varianten angesehen haben, dachte ich mir instinktiv: Das passt nicht. Eingespielte Lacher erinnern zu sehr an amerikanische Sitcoms. Das stört die österreichische Authentizität. Wir brauchen die Lacher nicht. Wir sind sehr davon angetan, wie gut die Schauspieler sind.

STANDARD: Das Vorbild in den Niederlanden wurde nach den ersten 115 Folgen nicht fortgesetzt. Verunsichert Sie das?

Bogad-Radatz: Gar nicht, das wussten wir von Anfang an. Abgesehen davon: Hätten wir selber eine Serie entwickelt, wäre das nicht innerhalb von ein paar Monaten gegangen. Das braucht mindestens zwei Jahre und selbst dann hätte uns niemand garantiert, dass die die Charaktere funktionieren. Wir nehmen von den Büchern 30 Prozent als Vorlage, den Rest erfinden wir neu. Es ist zudem etwas sehr Übliches. „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ war ein australisches Format, „Verliebt in Berlin“ stammt aus Lateinamerika. Kein Mensch in Deutschland fragt, kommt‘s aus Holland oder aus Australien? Jeder versteht „Verliebt in Berlin“ als zutiefst deutsch. Die Österreicher werden „Mitten im Achten“ als zutiefst österreichisch empfinden.

STANDARD: Und das trotz deutscher Regisseure?

Bogad-Radatz: Diese Woche dreht bereits der erste Österreicher. Wir planen bald nur mehr österreichische Regisseure einzusetzen. Grundsätzlich sind wir ein kleiner Markt. Viele gute sind leider verplant. Wir wissen aber von einigen, dass sie Interesse hätten und im Herbst könnten. Drei bis vier sind fix geplant in den nächsten Wochen und Monaten.

STANDARD: 400.000 sollen zuschauen, um Werbekunden freundlich zu stimmen ...

Bogad-Radatz: ... hab‘ ich im STANDARD gelesen.

STANDARD: Ist die Zahl in Ihrem Sinn?

Bogad-Radatz: Wir wollten eigentlich keine Zahlen nennen, aber natürlich orientiert man sich an die Quoten, die die „ZiB“ auf ORF 1 hatte. Wie rasch uns gelingen wird, Zuschauer von den deutschen Sendern zurück zu holen, wird man sehen. Ich glaube daran, weil wir ein breites Publikumsspektrum ansprechen. Am Anfang werden aus Neugier sehr viele schauen, dann wird sich‘s irgendwo einpendeln.

STANDARD: Mit 6,5 Millionen Euro ist „Mitten im Achten“ ein bisschen der Eurofighter im ORF-Programm ...

Bogad-Radatz: 50.000 Euro pro Folge ist ganz im Gegenteil extrem günstig.

STANDARD: Und wie viel kommt übers Product Placement wieder rein?

Bogad-Radatz: Im Verhältnis dazu wenig. Es ist nicht unüblich, schauen Sie sich James Bond an oder Manner bei Schwarzenegger. Ich fand das sogar bewundernswert, wie gelungen Product Placement integriert wird.

STANADRD: Gibt's schon T-Shirts und Schlüsselanhänger?

Bogad-Radatz: Sind geplant.

STANDARD: Eigentlich sind Sie Film- und Serieneinkäuferin im ORF. Sind Sie mit den neuen Sendeplätzen zufrieden?

Bogad-Radatz: Doch. Wir haben jetzt auch auf ORF 2 Spielfilme.

STANDARD: Zum Beispiel „Pfarrer Braun“, wo Sie kommenden Donnerstag gleich den Doku-Termin verdrängen?

Bogad-Radatz: Ich meinte eigentlich den Europäischen Film am Freitag um 22.30 Uhr. Die „Pfarrer Braun“-Reihe spielen wir zeitgleich mit der ARD. Bei Ottfried Fischer müssen wir zeitgleich sein. Er garantiert hohe Quoten. ich hoffe natürlich, dass das noch lange anhält.

STANDARD: Das ist das Stichwort zu „Malcolm mittendrin“. Der läuft nun in Endlosschleife. Sehen Sie einen potenziellen Nachfolger?

Bogad-Radatz: Nicht wirklich. Viel versprechend war eine zeitlang „Alle hassen Chris“. Aber das ist es nicht wirklich.

STANDARD: Vielleicht „Ugly Betty“, die US-Telenovela?

Bogad-Radatz: Die ist zwar sehr lustig, eignet sich aber besser für Samstag Vorabend , wo wir sie ab 21. April (17.40 Uhr, ORF 1) auch spielen werden.

STANDARD Kritiker meinen, der ORF verstecke die besten Serien zu nacht schlafener Zeit, zum Beispiel „Six Feet Under“, „Sopranos“ oder jetzt „Seinfeld. Wie kommt‘s dazu?

Bogad-Radatz: „Seinfeld“ haben wir in einem Sony-Paket gemeinsam mit „Spiderman“ als Klassiker um Mitternacht gekauft. An „Six Feet Under“ hatte ich selbst sehr geglaubt, es hat – selbst für die Uhrzeit – ganz schlecht funktioniert. „Die Sopranos“ wollte in Deutschland lange niemand kaufen. Wir sind da abhängig, weil wir die Synchronisation nicht selber machen. Anfangs zeigten wir die Serie um 23 Uhr, dann später. Beides hat nicht funktioniert.

STANDARD: Warum gibt‘s nicht mehr Filme und Serien in Zweikanalton?

Bogad-Radatz: Es wird teilweise nicht angeboten. Disney oder Sony bieten es an, wir werden es in Zukunft verstärkt in Anspruch nehmen.

STANDARD: Werden auf orf.at irgendwann ORF-Serien zu sehen sein?

Bogad-Radatz: Wir planen bei „Mitten im Achten“ Video-on-demand. Ich befürworte es als Strategie.

STANDARD: Die Sünden der Vergangenheit werden nicht mehr wiederholt. Man erinnere sich an „Dismissed“ oder „Bachelor“?

Bogad-Radatz: Ich war für beides nicht zuständig.

STANDARD: Worauf freuen Sie sich am meisten im ORF-Programm?

Bogad-Radatz: Auf „Mitten im Achten“ und die 23.30-Uhr-Comedies. Ich bin süchtig nach Lachen.

STANDARD: Sie sind ausgewiesener Kennerin des US-TV-Marktes. Welche Trends sehen Sie?

Bogad-Radatz: Vom letzten Jahr ist nicht wahnsinnig viel übrig geblieben. Plötzlich versuchten ja alle, fortlaufende Geschichten zu erzählen. Das Publikum nahm kaum eine davon an, weil es sich offenbar nicht verpflichten will, Woche für Woche bei fünf Serien zu sitzen. Ich glaube, es wird bald wieder mehr Serien mit abgeschlossenen Folgen geben.

STANDARD: Deutsche TV-Produzenten sorgen sich um ihre Pfründe, weil US-Serien im Moment so beliebt sind. Reagieren die über?

Bogad-Radatz: Ich weiß von verschiedenen Produzenten, dass da große Depressionen herrschen. Alles, was an neuen deutschen Serien gestartet wurde, war nicht erfolgreich. Man versteht es nicht, denn es waren tadellose Produktionen dabei. Ich glaube, es ist eine Wellen-Bewegung: US-Serien funktionierten jahrelang nur spätnachts, niemals in der Primetime. Jetzt ist es umgekehrt. Warum? Im Moment halten die jungen Zuseher amerikanische Serien für attraktiver, cooler, flotter, toller, besser als deutsche oder österreichische. Das Problem betrifft besonders die Privatsender. Sie haben in den letzten Jahren Fiction vernachlässigt, und es ist offenbar schwer klar zu machen, dass es auch deutsche gute Fictionserien kriegen. Ich würde mir schon wünschen, dass die deutschen Serien auch bei den Jungen wieder funktionieren.

STANDARD: Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für „Mitten im Achten“?

Bogad-Radatz: „Mitten im Achten“ wird anders sein und hoffentlich sehr gut funktionieren. Auch aufgrund des Humors, er ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 5.4.2007)

Zur Person
Andrea Bogad-Radatz ist seit 1989 beim ORF, seit 2002 kauft die Burgenländerin Filme und Serien.
  • Andrea Bogad-Radatz
    foto: standard/newald

    Andrea Bogad-Radatz

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