Marek: "Wer als Mann zu Hause beim Kind bleibt, ist kein 'Weichei'"

25. Jänner 2008, 11:17
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Staatssekretärin Marek im Interview mit derStandard.at über veraltete Rollenbilder, bauchlastige Diskussionen und "beinharte" gesetzliche Rahmenbedingungen

"Es geht darum, Andersartigkeit als Chance zu sehen", umschreibt Staatssekretärin Christine Marek, was sie sich vom Europäischen Jahr der Chancengleichheit erhofft.

Ein "Leben ohne Diskriminierung" soll das Jahr der Chancengleichheit bringen, heißt es auf der Homepage der Europäischen Kommission. "Wir müssen Diskriminierungen ganz konkret ansprechen", betont Marek im Gespräch mit derStandard.at. Wie man Firmen dazu bringen kann, MigrantInnen oder Menschen mit Behinderungen einzustellen, wieviel Zwang nötig ist, um Chancengleichheit zu erreichen, und wieso in Österreich mehr als 50 Prozent der Bevölkerung permanent diskriminiert werden, darüber sprach Marek mit Anita Zielina.

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derStandard.at: Ein Leben ohne Diskriminierung – kann es das überhaupt geben?

Marek: Ja und nein. Man muss Zweierlei unterscheiden: Wo wird tatsächlich jemand diskriminiert, und wo empfinde ich subjektiv Diskriminierung. Dass sich jemand ungerecht behandelt fühlt, das wird es immer geben. Man kann allerdings objektiv Rahmenbedingungen setzen, Sanktionen wegen Verstößen vorsehen. Das Jahr der Chancengleichheit ist eine Chance, Dinge anzugehen, die sonst nicht täglich auf der Agenda stehen. Für mich ist das spannende, dass wir uns natürlich um die großen Gruppen kümmern, aber auch um diejenigen, die vielleicht sonst nicht so in der Öffentlichkeit stehen.

derStandard.at: Welche Themen sind Ihnen im Bereich Chancengleichheit ein besonderes Anliegen?

Marek: Natürlich habe ich eine hohe Affinität zu Frauenthemen, als alleinerziehende berufstätige Mutter und lang dienende Frauenpolitikerin. Da haben wir großen Handlungsbedarf. Bereiche, auf die man wieder vermehrt hinschauen muss, sind etwa die Religion – das war eine sehr bauchlastige Diskussion in den letzten Jahren in Österreich. Man muss sich wieder anschauen: worüber reden wir da genau.

derStandard.at: Was konkret planen Sie?

Marek: Wir müssen Dinge ganz konkret ansprechen. Man muss Menschen zwingen, die eigenen Bilder und Vorurteile im Kopf zu hinterfragen, was natürlich nicht immer leicht ist. Wir werden sicher im Jahr der Chancengleichheit gewisse Diskussionen führen, die nicht so angenehm werden, weil sich jeder dabei den Spiegel vorhalten muss. Es geht darum, zu lernen, die Andersartigkeit als Chance zu sehen, und als positives Miteinander. Die Stärke Europas ist seine Vielfalt.

derStandard.at: Thema Behinderung – immer noch sind überproportinal viele Jugendliche mit Behinderung arbeitslos. 2500 waren es im Februar. Was tun?

Marek: Wir haben im letzten Jahr das "Jahr der Menschen mit Behinderung" gehabt. Es gab dazu einen Schwerpunkt von Seiten des AMS mit besonderen Förderungen für Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt. Hintergrund war: Der besondere Kündigungsschutz löst leider bei vielen Unternehmen reflexartig eine Abwehr aus: "Die kriegen wir nicht mehr los". In diesem AMS-Projekt haben die Behinderten ohne offiziellen Behindertenstatus eine viel höhere Vermittlungsquote gehabt.

derStandard.at: Wie motiviert man Unternehmen, sich für solche MitarbeiterInnen zu entscheiden?

Marek: Ich glaube das geht nur, wenn man ihnen zeigt, dass sie Vorteile davon haben. Das ist viel effizienter als gesetzliche Zwänge. Natürlich braucht man diese auch, aber man erzeugt mit Zwang automatisch einen Reflex einer Umgehung. Das betrifft nicht nur Behinderte, sondern genauso MigrantInnen. Gesetzliche Rahmenbedingungen müssen sein, aber Anreize sind ebenso wichtig.

derStandard.at: Wenn wir schon beim Thema MigrantInnen sind – Wie kann eine Integration in den Arbeitsmarkt funktionieren?

Marek: Ein Thema ist natürlich der Arbeitsplatz, es ist extrem wichtig, sie hier einzubinden, weil genau dort Integration passiert. Das hängt auch eng mit dem Frauenthema zusammen, gerade bei muslimischen Frauen – manchmal ist es sehr schwer, sie aus dem Familienverbund herauszuholen. Hier muss man Überzeugungsarbeit leisten, vor allem auch bei den Männern. Der erste Faktor ist natürlich Sprache, hier gibt es tolle Projekte wie "Mama lernt Deutsch". Wenn man weiß, dass die Frauen nicht in einen normalen Kurs gehen dürfen, muss man eben Angebote schaffen, die auf die Frauen zugehen. Da muss auch zu einem gewissen Teil Zwang dahinter sein, wie etwa bei der Integrationsvereinbarung. Auch wenn ich kein Freund von Zwang bin, muss man in einem gewissen Maß die Männer zwingen. Eines ist klar: Nur wenn man die Sprache spricht, hat man die Chance ein Teil der Gesellschaft zu sein.

derStandard.at: Wie bringt man Unternehmen dazu, MigrantInnen zu engagieren?

Marek: Einerseits müssen die Sprachkenntnisse passen. Das ist Unternehmen wichtig. Außerdem muss eine Bewusstseinsbildung passieren, das Thema muss emotional positiver diskutiert werden. Da ist schon viel passiert in den letzten Jahren, aber es muss noch mehr passieren. Themenmagazine wie die ORF Minderheitenredaktion müssten im Hauptsendebereich kommen. Ich sehe mir das selber gerne an und habe schon viel dabei gelernt. Hier haben Politik und Medien einen Auftrag. Ich glaube auch, dass die Österreicher ein wenig aufgeschlossener werden könnten. Wir haben in Österreich noch nicht die Atmosphäre, in der man sagt: Wir heißen die Menschen wirklich willkommen. Natürlich auch, weil es in der politischen Auseinandersetzung leider Gruppen gibt, die massiv Vorurteile und Aggressionen schüren.

derStandard.at: Ein anderes Problem: Wer mit 50 erneut suchend am Arbeitsmarkt steht, wird sich sehr schwer tun, einen Job zu finden.

Marek: Das ist ein ganz wichtiges Thema. Hier ist zum Beispiel die aktuelle Dove-Kampagne toll. Sonst werden ältere Menschen immer als entweder gebrechlich oder als fröhliche Pensionisten dargestellt. Es gibt aber eine neue Generation, die älter ist, aber noch voll im Leben steht.

Wie wir in den Firmen ein Umdenken erreichen können, wird spannend. Rechtlich haben wir etwa durch die Neuregelung der Altersteilzeit viel erreicht, aber es geht auch um emotionales: Firmen glauben immer noch, Ältere sind langsam, wenig beweglich, unflexibel. Man muss also bei den Leuten selber das Bewusstsein fördern, sich ständig weiterzuentwickeln, aber auch den Firmen klarmachen, dass sie Vorteile von älteren, erfahrenen Arbeitnehmern haben. Längerfristig, gerade im Öffentlichen Dienst, ist das auch eine Frage der Kollektivvertrags-Problematik: Es wäre sinnvoll, nicht mit Minimalgehalt einzusteigen und dann zum Lebensende hin eine tolle Gage zu bekommen, sondern das Modell einfach abzuflachen. Firmen werden sonst reflexartig ältere Arbeitnehmer ablehnen.

derStandard.at: Das Frauenthema ist ein Hauptthema für Sie?

Marek: Natürlich - Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind quasi permanent diskriminiert. Das ist ein riesiges Thema, es ist zu billig zu sagen: Wir schaffen ein paar Kinderbetreuungsplätze, das wars dann. Es gibt zwei Ansätze: Der erste ist Bildung. Zwar haben wir mittlerweile mehr Uni-Absolventinnen als Männer und auch mehr Maturantinnen, das Problem offenbart sich aber, wenn man etwa die Lehre betrachtet. Fast 50 Prozent der Mädchen teilen sich auf drei Lehrberufe auf, die Einzelhandelskauffrau, die Bürokauffrau und die Friseurin – wie da die Einkommens- und Aufstiegschancen sind, brauche ich nicht sagen. Ebenso ist es bei technischen oder naturwissenschaftlichen Studien, dafür entscheiden sich fast nur Männer.

Wir alle sind Opfer unserer Erziehung und haben Rollenbilder im Kopf - was macht "Mann", was macht „Frau“. Wir müssen hier von öffentlicher Hand in die Bewusstseinsbildung gehen und Mädchen dazu bringen sich den Spiegel vorzuhalten und zu sagen: "Was will ich eigentlich?" Genauso müssen die männlichen Rollenbilder überdacht werden, damit klar wir: Wer als Mann zu Hause beim Kind bleibt, ist kein "Weichei". Natürlich braucht all das beinharte gesetzliche Rahmenbedingungen, Bewusstseinsbildung alleine ist es nicht.

derStandard.at: Für bestehende Diskriminierungen – denken Sie, dass unsere Anti-Diskriminierungsgesetze scharf genug sind?

Marek: Etwa für den Fall, dass in der gleichen Firma eine Frau weniger Geld für denselben Job bekommt, gibt es das Gleichbehandlungsgesetz. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft macht einen ausgezeichneten Job. Man sieht an der immer steigenden Zahl von Fällen, dass das Bewusstsein dafür wächst. Was natürlich immer schwierig ist: Ich muss den Mut haben, meinen Arbeitgeber zu konfrontieren. Das ist für viele eine große Herausforderung, auch weil sie zu wenig über ihre Rechte Bescheid wissen. Hier werden wir mit einer groß angelegten Informationskampagne ansetzen. (derStandard.at, 4.4.2007)

Zur Person:
Christine Marek ist Staatssekretärin für Arbeit im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit. Ihre politischen Schwerpunkte liegen in der Arbeitsmarktpolitik, der Frauen- und Familienpolitik.
  • Marek über Frauendiskriminierung: "Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind quasi permanent diskriminiert. Das ist ein riesiges Thema, es ist zu billig zu sagen: Wir schaffen ein paar Kinderbetreuungsplätze, das wars dann."

    Marek über Frauendiskriminierung: "Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind quasi permanent diskriminiert. Das ist ein riesiges Thema, es ist zu billig zu sagen: Wir schaffen ein paar Kinderbetreuungsplätze, das wars dann."

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