Groß, größer, am größten

4. April 2007, 17:00
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Joan Blaeus Atlas Maior: Der größte und prachtvollste Atlas, der jemals veröffentlicht wurde

Der Taschenverlag bringt seit jüngerer Zeit eine Reihe bibliophiler Nachdrucke alter Atlanten heraus. Vorlage für dieses umfangreiche Projekt bildet der Atlas Maior, den der Verleger Joan Blaeu 1665 in Amsterdam auf den Markt gebracht hat. Zumindest der Übersichtsband, der eine Zusammenschau aller elf Bände des kartografischen Meisterwerks des Barock ermöglicht, dürfte schon allein wegen seines nicht unbeträchtlichen Gewichts eine Belastungsprobe für jeden "Coffee Table" darstellen. Aber das Studium dieses in jeder Hinsicht "großen Werks" nötigt den Betrachter ohnehin zu einer aufrechten Sitzhaltung an einem ausgewachsenen Schreibtisch.

Die Amsterdamer Atlanten

Der wissenschaftliche Begleittext von Peter van der Krogt, der dem Nachdruck des teuersten und aufwändigsten Buches des 17. Jahrhunderts vorangestellt ist, verhandelt neben der Historie niederländischer Atlanten und den detailierten Produktionsbedingungen des Atlas Maior auch die spannende Geschichte zweier konkurrierender Verlagshäuser, die sich mitunter wie das Drehbuch einer Soap-Opera liest:

Begonnen hat es 1607 mit den Brüdern Cornelis und Jodocus Hondius, die aus dem Nachlass des Gelehrten Gerhard Mercator Kupferplatten erworben hatten und damit einen Atlas druckten. Dem ersten Band, der noch in Latein verfasst worden war, folgten weitere Ausgaben in den Volkssprachen, was sich als hervorragende Geschäftsidee entpuppen sollte.

Im Jahr 1630 betrat Willem Blaeu die Bühne der Atlasproduktion und machte dem bis dahin unangefochtenen Verlagshaus Hondius mit einem eigenen Atlas Konkurrenz. Im Verlagshaus Hondius ärgerte sich der Schwiegersohn des Hauses, Johannes Janssonius, der hier mittlerweile den geschäftstüchtigen Ton angab, vermutlich druckerschwärzeschwarz, weil Blaeu mit Kupferplatten druckte, die er aus dem Nachlass des abtrünnigen, plötzlich verstorbenen, jüngeren Hondius-Bruders erstanden hatte.

Um schnell zu neuen Karten zu kommen, gab Janssonius den Auftrag, die Kupferplatten von Blaeu zu kopieren. (Womit auch das Wort "abkupfern" etymologisch erklärt wäre.) Janssonius gelang es in kurzer Folge zwei neue Atlanten herauszubringen. Es handelt sich um schnell angefertigte Nachahmungen von Blaeus Ausgabe. Obwohl auf der Titelseite behauptet wird, dass die Karten zum ersten Mal herausgegeben werden, stimmt dies für nicht einmal die Hälfte.

Quantität statt Qualität

In den folgenden Jahrzehnten überboten sich die beiden Verlagshäuser gegenseitig in immer ehrgeizigeren drucktechnischen Leistungen. Das wissenschaftliche Interesse der beiden Verleger hielt sich dabei allerdings in Grenzen. Die mangelnde Quellenkritik der Herausgeber schien aber die gut situierte bürgerliche Kundschaft, die mit den aufwändig illustrierten, sorgfältig kolorierten und goldgehöhten Atlanten ihre Privatbibliotheken schmückte, nicht weiter zu beunruhigen: Das Geschäft mit den Atlanten blühte.

Ab 1658 erreichte Janssonius mit seinem elfbändigen "Novus Atlas Absolutissimus" einen Vorsprung. Joan Blaeu, der Sohn des bereits verstorbenen Willem, fasste den Entschluss den "neuen Atlas" mit einem "größeren Atlas" zu toppen. Joan Blaeus Atlas Maior galt dann auch als das Prestigeobjekt schlechthin und als der größte und prachtvollste Atlas, der je veröffentlicht wurde.

Janssonius starb 1664, Blaeu zehn Jahre später, nachdem ein Jahr zuvor durch einen Brand eine seiner Druckereien vernichtet worden war. Das war dann auch das Ende der niederländischen Monopolstellung im Bereich der komerziellen Kartografie, die sich durch die Gründung der Académie des Sciences nach Paris verlagerte.

"Classics by Taschen"

Nach der Lektüre dieses historischen Abschnitts kann man sich die bissige Bemerkung nicht verkneifen, dass sich mit Benedikt Taschen wohl ein weiterer kommerziell orientierter Verleger nahtlos in die Genealogie geschäftstüchtiger Atlasproduzenten reiht. Aber bei aller Kritik, die man an der Verlagspolitik des Taschenverlags anbringen kann, muss man dem Verlag zugute halten, dass er Werke einer Öffentlichkeit zugänglich macht, die früher nur einem begrenzten Publikum vorbehalten war.

Für alle, deren kartografische Interessen die Investition von 150 Euro nicht rechtfertigen oder es an stabilen Bücherregalen mangelt, empfiehlt sich ein Besuch in der Kartografischen Abteilung der Nationalbibliothek Wien, die genau jene elfbändige und tatsächlich sehr prächtige Ausgabe beherbergt, die dem Taschenverlag als Vorlage für den Nachdruck gedient hat. Die Bände werden ohne bürokratischen Aufwand ausgehändigt und lassen den Nachdruck, was das Layout, die Typographie und natürlich die Patina der Historie betrifft ganz schön alt aussehen. (hoc)

  • Blaeu, Atlas Maior
Hardcover, 29 x 44 cm, 626 Seiten
Taschen
___

ÖNB, Kartensammlung
Zugang: Josefsplatz 1, linkes Seitentor, Lift
Signatur : 389038-F Kar
    aus dem buch

    Blaeu, Atlas Maior
    Hardcover, 29 x 44 cm, 626 Seiten
    Taschen
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    ÖNB, Kartensammlung
    Zugang: Josefsplatz 1, linkes Seitentor, Lift
    Signatur : 389038-F Kar

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