Porträt: Der Löwe und die Frau Magister

10. April 2007, 07:00
57 Postings

Die Diplomarbeit der Seniorin Mary Hoschek hat bereits die dritte Auflage erfahren - Der Titel hilft zur Selbst-Behauptung

Mary Hoschek war jahrelang bei der Österreichischen Alpine Montan Gesellschaft beschäftigt. Eine höhere Ausbildung wurde der 1929 Geborenen zwar angediehen, aber berufsbildend musste sie schon sein. Also absolvierte sie die HAK, reine Mädchenklassen, davor mussten auch Handarbeits- und andere Tätigkeiten "weiblicher" Sphäre erlernt werden. Um nähen, tippen und stenografieren zu lernen, fit für die späteren Sekretärinnen-, Mutter- und Ehefrau-Aufgaben zu werden. Frauen bräuchten keine andere Ausbildung, hieß es. Sie würden ja sowieso heiraten. Mary Hoschek hat nie geheiratet, sie hat keine Kinder.

 

Für Geschichte hat sie sich immer schon interessiert, mit der HAK-Matura wäre ihr aber nur ein Studium auf der WU geblieben - dafür war ihr Hang zum Wirtschaftlichen zu schwach und der Druck, doch arbeiten zu gehen, zu stark. Also fing sie bei der Alpine Montan Gesellschaft an.

Zwar hat sie sich auch schon während ihrer vollberuflichen Tätigkeiten an der Universität eingeschrieben, in den 60ern war das, aber erst die erzwungene Frühpension ermöglichte ihr ein Vollstudium. Warum denn so spät studieren? Sie musste erfahren, dass die Umwelt ihr als alter Frau entgegen kam, in der Annahme, alt und weiblich bedeute auch unterbelichtet, schlecht ausgebildet. Sie erhielt Hilfe, die sie gar nicht notwendig hatte. Wie zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen. Oder beim Erinnern von Daten, die sie schon längst mit historischen im Kopf abgeglichen hatte, Eselsbrücken, über die ihr andere gar nicht folgen konnten. Sie ist wie ein wandelndes Geschichtsbuch, nur wann genau sie zu studieren begonnen hat, welches Jahr, das weiß sie ad hoc nicht. Sobald das SenorInnenstudium installiert worden war, hat Mary sich eingeschrieben. Mittlerweile sind es über 20.000 Ältere, die das in Anspruch nehmen, Mary war eine der ersten - und nach wie vor wenigen - die ihr Studium auch zum Abschluss gebracht haben. Ihre Diplomarbeit hat im Peter Lang Verlag bereits die dritte Auflage erfahren.

Sie hatte sich natürlich für ein Geschichtsstudium entschieden. Die Liebhaberei für Karl May brachte sie zum historischen Roman und letztlich auf das brennende Interesse für Vergangenes, nicht zuletzt, weil sie als Schülerin den Nazi-Terror erlebt hatte und aufarbeiten wollte. Ihre Schulhefte aus den ersten Klassen hat sie noch immer. Heil Hitler prangt da unter jedem Aufsatz, der oft an "einen tapferen Unbekannten" an der Front gerichtet war. In lateinischer Schrift, von einem Tag auf den anderen von der Kurrentschrift umgelernt.

Im Curriculum des SenorInnenstudoums sind auch zwei Nebenfächer vorgesehen, also inskribierte sie zudem Afrikanistik und Politologie. Politisch war sie schon immer, dass sie jahrelange EMMA-Abonnentin und frühere Forum-Leserin ist, unterstreicht einmal mehr ihren Charakter als "grundpolitischer" Mensch; "leider" ist sie das, nickt Mary. Persönliche Verbindungen zu Afrika pflegt sie nach wie vor. So ist der erste schwarze Studierende, der in den 60ern zugelassen wurde, ein Priester, ein Wegbegleiter Marys - seine Disseration war die erste, die auf Englisch angenommen wurde. Sie überlegt, ihre Disseration über den Biafra-Krieg zu schreiben. Wenn es nicht zu persönlich ist. Schreiben will sie allenfalls. Sie kann es auch gut. Ihre Seminararbeiten wurden gelobt, sie wurde als Ausnahmestudierende gefeiert - was zum Teil peinlich war, meint Maria rückblickend.

Eine Arbeit über Pater Alfred Delp war so herausragend (und auf Maschine getippt, wie selbst die Diplomarbeit später), dass es schnell klar war, dass der Professor sie betreut. "Ich war eine Frau, worüber sollte ich schreiben?" Also hat sie über den vorgeschlagenen Foerster geschrieben - ein sehr interessanter Mensch, ein von den Nazis Vertriebener, die sein Werk beinahe ausgelöscht haben - und nicht über eine Frau wie Hildegard Burian zum Beispiel, wo Mary doch eigentlich immer frauenbewegt war. Aus Lebenserfahrung heraus. Hatte sie doch keinen Abteilungsleiter-Posten bekommen, weil sie weiblich war, wie ihr der Zuständige in der späteren Voest Alpine zugetragen hat. Unten dienen sie, die Frauen, aber oben richten es sich nach wie vor die Männer, konstatiert Mary. Nicht nur in den 60ern war das so, auch heute noch. Sie werden zu Babysitterinnen degradiert, zu Hilfsarbeiterinnen, Basisfrauen. Ehrenamtliche Arbeiten, egal wie anspruchsvoll und zeitaufreibend, das geht dann allerdings doch immer ohne Probleme. In der Erwerbsarbeit muss noch viel passieren, meint Mary. Allein auf den Unis: Wo sind sie, die Professorinnen?

Ihr Diplom erhielt sie im Jänner 2000. Mit Stolz. Löwenstark war sie da, der Titel hilft bis heute zur Selbstbehauptung als alte Frau. Mary liebt Löwen. Ihr Maskottchen und Studienbegleiter ist entsprechend eine Stoff-Raubkatze namens Mag. Hieronymus.

Ihren Freundinnen-/Freundeskreis pflegt sie, soziales Netzwerken ist wichtig. Und reisen. Mary ist viel gereist, als sie noch nicht an der Hüfte operiert war. Europa, Afrika, Vereinigte Staaten. Israel. Doch Alter bedeutet den Verlust körperlicher Mobilität und Gesundheit, musste sie erfahren und ihren Radius verkleinern. Wenn sie kann, geht sie zu Vorträgen. Es interessieren sie viele. Wenn sie es nicht schafft, lässt sie sich die Unterlagen und Manuskripte schicken. Sie hat früher auch selber in Bildunghäusern über ihre Reisen berichtet. Auch heute achtet sie darauf, immer in Verbindung zur Außenwelt zu bleiben, Alter(n) zu Haus, alleine ist schwierig. Leider. Geschlechterunterschiede tun sich in diesem Punkt nicht auf, das betrifft die alten Männer und Frauen gleichermaßen. Altern ohne Familie, das kennt sie, aber sie wertet das nicht als schlimm. Altern ohne Freundinnen und Freunde dagegen wäre furchtbar. Zusammenschluss mit Nachbarinnen und Nachbarn spielt auch eine Rolle. Bis dato war für sie das Telefon das Tor zur Welt Nummer eins, der neu gelegte Internetanschluss soll es ablösen und ihre Recherchen und Kontaktpflege nach Afrika und anderswo erleichtern. (bto)

Link

Hoschek, Maria
Friedrich Wilhelm Foerster (1869-1966)
Mit besonderer Berücksichtigung seiner Beziehung zu Österreich
3., durchgesehene Auflage
Europäische Hochschulschriften
Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2006.
187 S.
ISBN 978-3-631-54899-8 br.

  • Was will die alte Frau? Anerkennung und Akzeptanz ihrer Selbstbehauptung! Mit dem Diplom in der Tasche fällt das Mag.a Maria Hoschek leichter.
    handyfoto: barbara tinhofer
    Was will die alte Frau? Anerkennung und Akzeptanz ihrer Selbstbehauptung! Mit dem Diplom in der Tasche fällt das Mag.a Maria Hoschek leichter.
Share if you care.