Bei "grüner" Gentechnik sehen viele rot

3. Juli 2007, 16:28
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Österreich ist frei von Gentechnik? Mitnichten. Die industrielle Lebensmittelproduktion setzt immer mehr auf GVO-Hilfsmittel

Über importiertes Futtermittel für Tiere kommt Gentechnik ins Land. Doch nicht nur biologische, auch konventionelle Hörndlbauern stellen auf Futtermittel um, das frei von Gentechnik ist.

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Wien - Die großindustriell geführte Tierhaltung in Österreich ist nur mit Futtermittelimporten zu bewerkstelligen. Rund 600.000 Tonnen Soja-Schrot oder Soja-Presskuchen müssen deshalb jährlich importiert werden. Basierend auf Stichproben wird geschätzt, dass zwei Drittel der Einfuhren gentechnisch veränderter Soja, also GVO-Soja, sind.

Das hat lange nicht gestört. Von der strikten Kennzeichnungsverpflichtung gentechnisch veränderter Lebensmittel sind nämlich Produkte von Tieren, die mit gentechnisch verändertem Futter aufgezogen wurden, ausgenommen. Das betrifft also Fleisch, Milch und Eier.

Diese Hintertür bei "grüner" Gentechnik, wie die GVO-Entwicklung bei Lebens- und Futtermitteln genannt wird, war zuallererst den Biobauern gar nicht recht. Sie pochten auf eine Differenzierung von den Bauern, die bei ihrer Tierhaltung keine Unterschiede dabei machten, was in den Trögen von Schwein und Kuh landete, und begannen, gezielt GVO-freies Futter einzukaufen. Wobei sich auch dies als nicht so einfach herausstellte: Bei den Bio-Bauern tobt des Längeren ein Streit darüber, ob der Schwellenwert von unter 0,9 Prozent nachgewiesener GVO-Beimischung als biologisch eingestuft werden soll oder ob auf den schwieriger nachzuweisenden Schwellenwert von 0,1 Prozent gesetzt wird.

Nicht gelistet

Die große Ablehnung, auf die Gentechnik bei Lebensmitteln beim Konsumenten stößt, hat die Supermarktketten jedoch nicht unbeeindruckt gelassen. GVO-Nahrung wird deshalb nicht gelistet. Schwieriger, und für den Konsumenten undurchschaubarer, ist es aber wieder bei konventionell hergestellten Eiern, Milch und Fleisch.

Die traditionell herstellenden Molkereien waren die ersten, die ebenfalls auf GVO-freie Ware von ihren zuliefernden Bauern pochten. Rund 80 Prozent der Trinkmilch ist mittlerweile ohne Einsatz von Gentech-Soja im Tierfutter hergestellt, schätzt Jens Karg, Gentechnik-Sprecher von Global 2000.

Auch bei Frischeiern gibt es einen hohen Anteil von gentechnikfreier Qualität. Vorreiter war dabei der steirische Produzent Toni Hubmann ("Toni's Freilandeier"), der mit rund hundert Millionen Eiern aus Fütterung ohne Gentech-Tierfutter im Jahr in nahezu allen österreichischen Supermarktregalen vertreten ist und ein Sechstel der verkauften Frischeier herstellt.

Fleischproduktion

Schwieriger gestaltete sich der Umstieg bei Fleisch, weil der Zeitraum bis zur Produktreife länger dauert als bei Milch und Eiern. Die steirische Firma Schirnhofer, die konventionelles Rindfleisch anbietet, startete schon vor geraumer Zeit den Versuch, ohne Gentech-Soja in der Fütterung auszukommen, und musste das Projekt einstweilen ad acta legen. "In der Fleischzucht gibt es ja viele Zusatzstoffe wie Vitamine, die auf GVO-Basis sind", erklärt dazu Karg. An einem Kodex, der Klarheit über die "Auslobung von gentechnikfrei erzeugten Lebensmitteln" gibt, wird gearbeitet. Schirnhofer & Co. wollen dann wieder auf den Gentechnik-freien Zug aufspringen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.4.2007)

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    Nachweisverfahren sind insbesondere bei Fleisch aufwändig.

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