Jenseits des Lärms

3. April 2007, 11:22
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Firma Ohropax vor 100 Jahren gegründet - Sage von Odysseus als Vorlage für die Gehörstöpsel

Frankfurt/Main - Die Stille hat einen Namen - und feiert nun auch ein Jubiläum: Ohropax wird 100. 1907 als "Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer" gegründet heißt das Unternehmen mittlerweile Ohropax GmbH und wird von einem Enkel des Firmengründers geführt. Unter dem Leitspruch "Luxus für die Ohren" vertreibt die Firma mit Sitz in Wehrheim im Taunus Ohrstöpsel. Der Klassiker aus Wachs kam ein Jahr nach Firmengründung, im Herbst 1908, zum ersten Mal auf den deutschen Markt. Sechs Paar Wachskugeln gab es seinerzeit für eine Mark. Heute kostet die Zwölferpackung im Schnitt 2,50 Euro.

Die Wortschöpfung

Der Name Ohropax ist eine Wortschöpfung aus "Ohr" und dem lateinischen "Pax" und bedeutet also so viel wie "Frieden für die Ohren". Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Name zu einem Inbegriff für Ohrstöpsel wie Tempo für Taschentücher oder Tesa für Klebestreifen. Die Rezeptur veränderte sich kaum: Baumwollwatte, die mit Vaseline und Paraffinwachs getränkt wird.

Prominente Nutzer

Millionen von Menschen haben die Produkte verwendet, unter ihnen Berühmtheiten wie Franz Kafka und Günter Grass. Der Schriftsteller Walter Kempowski schrieb in einem Brief an seine Lektoren: "Ich lebe auf dem Lande und bin zeitweilig von Kartoffeltreckern eingekreist. Ohne Ohropax kein Manuskript."

Der Schauspieler Uwe Ochsenknecht nutzte Ohropax zu Studienzwecken. Der Darsteller des tauben Komponisten Ludwig van Beethovens in einer ZDF-Reihe versetzte sich mit den Ohrschützern in einen gehörlosen Zustand versetzt, um sich auf die Rolle vorzubereiten.

Der aus Schlesien stammende Apotheker und Drogist Max Negwer konzentrierte sich zunächst auf Produkte wie Schönheitspuder, Migränestifte und Riechsäckchen. Auch er lebte in einer lauten Zeit: Dampflokomotiven, Automobile und immer neue Fabriken ließen den Lärmpegel im Kaiserreich anschwellen.

Inspiration aus der Sage

Negwer wollte die veralteten Produkte für den Gehörschutz ersetzen. Als Inspiration diente ihm die griechische Sage von Odysseus. Dieser fuhr auf dem Rückweg seines Kampfes gegen die Trojaner an der Insel der Sirenen vorbei, die die vorbeifahrenden Schiffer mit ihrem lieblichen Gesang betörten und gegen die Klippen fahren ließen. Dem Rat der Zauberin Circe folgend verstopfte Odysseus seinen Gefährten die Ohren mit Wachs, die auf diese Weise überlebten.

Durchbruch beim Militär

Negwers Variante von 1908 wurde zunächst in Sanitätsgeschäften und Kaufhäusern verkauft. Den Durchbruch schaffte der Gehörschutz, als er 1917 beim Militär eingeführt wurde. Auf den Dosen von damals wurden die Anwendungsgebiete aufgeführt: "Gegen die Schallwirkung des Kanonendonners, für Verwundete und Kranke und Sanitätspersonal, beim Schwimmen gegen Eindringen des Wasser, für Luftschiff, Flugzeug und Automobilbegleitung. Für Artillerie, Kriegsschiffe, im Biwak und Eisenbahnverkehr."

Vor allem mit intensiver Werbung in Zeitschriften und Zeitungen steigerte sich der Absatz in den 20er Jahren gewaltig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Firmensitz zunächst von Potsdam nach Frankfurt am Main und kurz darauf nach Bad Homburg verlegt. Die charakteristische Blechdose wurde in den 80er Jahren mit einer Kunststoff-Verpackung ersetzt.

Heute

Seit 1991 sitzt die Firma im Taunus, wo heute 30 Mitarbeiter bis zu 60.000 Zwölferpackungen Ohropax täglich produzieren. Geschäftsführer ist der Enkel des Firmengründers, Michael Negwer. Zur Produktpalette zählen inzwischen auch wiederverwendbare Ohrschützer aus Schaumstoff - und das auch in bunten Farben. Auch Ohrstöpsel aus medizinischem Silikon gehören heute zum Angebot. Etwa 25 Millionen Wachskugeln produziert das Werk pro Jahr und hat damit einen Marktanteil von etwa fünf Prozent am weltweiten Umsatz. (APA/AP)

  • Artikelbild
    foto: standard/matthias cremer
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