Weg mit dem "Weiberspeck"

10. April 2007, 17:00
3 Postings

Modegeschichtliche Strategien des Verbergens mittels Hüftpolster und Hüftmieder - Die ersten Modelle kamen um 1600 auf

Seit jeher stehen weibliche Hüften synonym für Fruchtbarkeit. Während man in vergangenen Jahrzehnten modetechnisch darauf bedacht war, sie durch diverse Polsterungen und Metallgestelle - siehe Ein Rock wie ein Käfig - zu betonen und breiter erscheinen zu lassen, besteht seit den 60er-/70er-Jahren (denken wir an Twiggy) der Trend, sie zu vertuschen, wenn sie nicht schon aufgrund ewigen Diäthaltens auf ein knochiges Becken geschrumpft sind. Diese modischen Bestrebungen werden im Hüftpolster und in seiner Gegnerin, dem Hüftmieder, augenscheinlich.

Der Tugendwächter

Unter dem Hüftpolster oder der sogenannten Steißrolle wurde im 17. Jahrhundert eine dicke kreisförmige, meist mit Wergstoff ausgestopfte Rolle verstanden, die um die Hüften gebunden wurde. Mit dem umgangssprachlich "Weiberspeck", frz. "vertugadin francaise" oder "vertugadin en bourrelets" - "Tugendwächter" genannten Polster sollten die Folgen eines "Fehltritts", wie die Kostümhistoriker Ingrid Loschek schreibt, verborgen werden.

In Mode gekommen ist der "Weiberspeck" im Bürgertum um 1600 quasi als billigere Alternative zum aufwendigen und daher teurem Reifrock. Er setzte sich jedoch dreißig Jahre später auch in höfischen Kreisen durch und war bis 1660 en vogue.

Leibhalter unter dem Reformkleid

Ums Verbergen, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen, geht es im Prinzip auch beim Hüftgürtel, der zunächst als "Leibhalter" bekannt war. Er kam mit dem Reformkleid um 1900 auf, welches im Zuge der Emanzipations- und Gesundheitsbewegung das einengende und Ohnmachtsanfälle auslösende Korsett verdrängt hatte. Die Leibhalter, an denen die Strumpfbänder befestigt waren, bestanden aus dickem Leinen mit Gummizugeinlagen und umschlossen streng sitzend die Hüften von der oberen Taille bis zum Oberschenkelansatz.

Straps und Wespentaille

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Hüftgürtel konfektionsmäßig aus verschiedenen gummielastischen Geweben hergestellt und ab 1920 in unterschiedlichen Breiten angeboten. Seither werden die Strumpfbänder "Straps" genannt sowie der Hüftgürtel seit den 1930er-Jahren Hüftmieder. Die breiten Straps-Gummibänder dienten sowohl zum Halten des Damenstrumpfes als auch jenem der Herrensocke. Der Straps existierte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in Form einer Kordel, bis sie um 1900 vom Gummiband abgelöst worden ist.

1947 kreierte der französische Modeschöpfer Marcel Rochas mit der berühmten "guespiere" (frz. von guèpe für Wespe) einen korsettartigen Miedergürtel, der Taille und Hüften umschloss, um die enge Wespentaille samt Hüftknick beim New Look zu garantieren. Gegen Ende der 50er-Jahre wurde der Hüftgürtel immer mehr durch den schmäleren Hüfthalter aus Batist oder Synthetics ersetzt und erlebte erst in den 80er-Jahren durch die Neo-Dessous-Welle ein Revival. (dabu)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der "Jugendwächter": "vertugadin francaise"

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Unter dem Kleid befindet sich der "Weiberspeck", die Hüftrolle zum Verbergen eines "Fehltritts"

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zeichnung eines Hüftpolsters, auch "Tournure" genannt

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Aus der Ausstellung "Das Unsichtbare - Einblicke in die Kulturgeschichte der Frauenunterwaesche", September 2004 im Innsbrucker Museum im Zeughaus: Im Bild eine Schaufensterpuppe mit weißem Mieder der Firma Anita (la facade), um 1955.

Share if you care.