Akustisch wirksames Erdäpfel-Lupfen

2. April 2007, 18:30
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Ironisches zur Kulturgeschichte: Der Kanadier Rodney Graham mit "Lobbing Potatoes at a Gong" in der Bawag Foundation

Wien – "Mit gekochten Erdäpfeln klänge es wahrscheinlich authentischer", mutmaßt ein österreichischer Schlagzeuger. Die verwendeten Erdäpfel sind aber roh und riesig und erzeugen nach dem eher irdenen Aufprall am mannshohen Gong ein undefiniert nachhallendes "Dong", um später nicht zu Püree, sondern Wodka destilliert zu werden.

Mit Knollengemüse bewaffnet, etwa fünf Meter vor dem Klangkörper sitzend: Rodney Graham, neben Jeff Wall und Stan Douglas einer der renommiertesten zeitgenössischen kanadischen Künstler, dem eigentlich jedes Jahr irgendwo auf der Welt eine große Personale gewidmet ist: Los Angeles, London und zuletzt in Montreal und Hannover. Die Bawag Foundation zeigt nun neuere Arbeiten des 1949 geborenen Kurt-Schwitters-Preisträgers und spätberufenen Rock-Musikers.

Zurück aber zur auf Video gebannten Ein-Kartoffel-Musik (pro Wurf ein Ton), einer Idee, die wie etwa auch bei Grahams Handschellen-gefesseltem Pianisten (A Reverie interrupted by the Police, 2003) eine Anekdote aufgreift: Nick Mason, Schlagzeuger von Pink Floyd, soll in den 60er-Jahren im Rahmen einer Jamsession einen Gong mit Gemüse beworfen haben. Graham datiert sie als akustische Extravaganz eines fiktiven New Yorker Fluxus-Künstlers, der ausgerechnet bei seinem Namensvetter Dan Graham "modische" Anleihen genommen hat, ins Jahr 1969 und imitiert damit ein "zeithistorisches" Dokument.

Treffsicherer als das Graham’sche Kartoffellupfen nimmt sich seine kritische und doch witzige, ironische Reflektion der Kulturgeschichte dieser Jahre aus, die auch den Reliquienkult um Dokumentationsmaterial früher Aktionskunst belächelt: Lobbing Potatoes at a Gong wird ergänzt von der limitierten Edition selbstgebrannten Wodkas oder dem an Beuys gemahnenden Foto eines Haufens Erdbirnen vor der Ateliertür.

Neben den Sechzigern müssen in der Ausstellung, die im Souterrain in einer Gemäldeserie weniger spannend die Ästhetik der Abstraktion dekonstruiert, auch die Siebziger herhalten. Und wenn es bisher Persönlichkeiten wie Edgar Allan Poe oder Sigmund Freud waren, die Graham sympathischen Analysen unterzog, so müssen für diese Dekade selbstverständlich exzentrische Vertreter der Rock-Ära herhalten: Die ledergestiefelten Schwermetaller von Black Sabbath. Chris Walters fotografierte sie in einem Park, wo Jüngling Ozzy Osbourne spöttelnd auf einen vermeintlichen Clochard zeigt.

Auch bei dieser Vorlage wendet Graham wieder das Prinzip von Wiederholung und Imitation an. Legt sich für Awakening sogar ordentlich manikürt selbst auf die Bank. Zugleich persifliert die Diptychonform die regelrecht religiöse Verehrung der kreuzbehangenen Rockjünger. Humorvoll bezieht der im Zweitberuf amerikanischem Country-Rock verpflichtete Graham den Hohn des Osbourne’schen Fingerzeigs auch auf sich. "Dass sie über mich lachen, hat mir gefallen." (Anne Katrin Feßler/ DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2007)

Bawag Foundation
Bis 16. Juni
  • Spiel mit Vorlagen und falschem Schein: In "Awakening" vermuten die nachgestellten Black- Sabbath-Rebellen einen Landstreicher auf der Parkbank.
    foto: rodney graham/hauser & wirth

    Spiel mit Vorlagen und falschem Schein: In "Awakening" vermuten die nachgestellten Black- Sabbath-Rebellen einen Landstreicher auf der Parkbank.

  • "Lobbing Potatoes at a Gong 1969" (2006), Filmloop von 4:20 min
    filmstill: scott livingstone, © rodney graham, courtesy hauser & wirth zürich london

    "Lobbing Potatoes at a Gong 1969" (2006), Filmloop von 4:20 min

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