"Jeder Einzelne hat über seinen Lebensbereich das größte Fachwissen"

16. April 2007, 15:12
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Politik-Partizipation wird durch die neuen Medien einfacher - Zielgruppengerechte Inhalte sollen Interesse an Politik wecken - UserInnen berichten über ihre Erfahrungen

"Schriftlicher Meinungsaustausch über politische Themen kann sehr interessant sein", User Raphae1 sieht Potential in der von den Grünen ins Leben gerufenen Internet-Plattform www.neuverhandeln.at. Die UserInnen haben hier die Möglichkeit, das Regierungsprogramm der rot-schwarzen Koalition umzuschreiben und selbst Akzente zu setzen. In den ersten drei Wochen wurden die Seiten des Regierungsprogramms auf neuverhandeln.at 110.000 Mal abgerufen, rund 5.200 Mal wurden einzelne Seiten des Koalitionsabkommens zwischen Rot und Schwarz umgeschrieben.

User Spiesi hofft, über neuverhandeln.at Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu können: "Als Schüler, generell als junger Mensch, wird man oft nicht gehört. Unter einem Pseudonym zu schreiben, bietet die Möglichkeit, nicht die Person, sondern den Inhalt in den Vordergrund zu stellen."

Was kann durch Projekte wie Neuverhandeln.at wirklich erreicht werden? "Vermutlich sehr wenig, da die 'Bürger'-Beteiligung bereits deutlich zurückgegangen ist", sagt Raphae1. Spiesi ist optimistischer: "Eine große Wiki-Plattform könnte zu einer Institution werden, wo Bürger Kompromisse und Lösungen finden, da doch jeder Einzelne über seinen Lebensbereich das größte Fachwissen hat."

Konfliktlösungskompetenz

Die Möglichkeit, Politik zu gestalten, haben UserInnen auch beim Internet-Strategiespiel Power of Politics. Dabei handelt es sich um ein Multi-Player-Browsergame, bei dem man als Politiker und Machtmensch auf verschiedenen Ebenen (Bezirk, Bundesland, Staat) in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein gegen andere Spieler antritt. Genauso wie im echten Leben müssen die "Politiker" Parteimitglieder anwerben, Wahlkämpfe bestreiten und sich Umfragen stellen. Der wöchentlich stattfindende Wahlsonntag entscheidet darüber, wer ins Parlament einzieht und ein Mandat erhält.

Power of Politics ist zwar "nur" ein Spiel und hat mit dem Politik-Geschehen im Real-Life nichts zu tun, trotzdem fördert es die Konfliktlösungskompetenz der UserInnen und regt zum Nachdenken über politische Entscheidungsfindungsprozesse an. Der Politologe Peter Merschitz, der Power of Politics konzipiert hat, erklärt das folgendermaßen: "Fest steht, dass durch Power of Politics Politik, wie wir sie heute im Realen miterleben, verständlicher und nachvollziehbarer wird. Die SpielerInnen erkennen die Schwierigkeiten der realen Politiker und Politikerinnen wieder und akzeptieren den oft langwierigen Prozess einer Entscheidungsfindung im System der Politik."

Stellungnahmen zu politischen Themen bewerten

Ein ähnliches Ziel verfolgt auch das Projekt www.wahlkabine.at. Die Wahlkabine versteht sich als politische Orientierungshilfe. Die Macher erhoffen sich, einen Beitrag zur Diskussion von Wahlen zu leisten und möchten die politische Beteiligung erhöhen. UserInnen haben die Möglichkeit Stellungnahmen zu politischen Themen per Mausklick zu bewerten. Dadurch erfahren sie, mit welcher Partei sie inhaltlich am ehesten übereinstimmen.

In Deutschland wurde der Wahl-O-Mat zur Wahlmobilisierung entwickelt und funktioniert ähnlich wie die Wahlkabine. Begleitend zum Projekt findet auf der Universität Düsseldorf wissenschaftliche Forschung statt. Das Team um Dr. Stefan Marschall will unter anderem herausfinden, welche Wirkungen die Nutzung des Wahl-O-Mat hat. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass das Durchklicken des Wahl-O-Mats die politische Beteiligung erhöhen kann: Fast die Hälfte aller User, die den Wahl-O-Mat bei der Bundestagswahl 2005 durchgespielt hat, gab an, motiviert zu weiterer politischer Information zu sein. Acht Prozent der User sind durch den Wahl-O-Mat motiviert, zur Wahl zu gehen.

Zielgruppengerechte Internet-Inhalte

Peter Merschitz von Power of Politics nennt die Erhöhung der Bürgerbeteiligung als eines seiner Ziele. Denn Menschen zwischen 15 und 25 Jahren haben, im Vergleich zu früheren Generationen, eine Vielzahl an Möglichkeiten, unterschiedliche Interessen zu entdecken und nachzugehen: "War Politik bis spät in die 70er Jahre ein wesentlicher Teil öffentlicher Kommunikation, bis hinein in die Wohnzimmer westeuropäischer Familien, so hat sich ihre Bedeutung, nicht zuletzt durch das Aufkommen von Massenmedien, deutlich verringert. Dagegen müssen und können wir ankämpfen, vor allem mit zielgruppengerechten Internet-Inhalten, wie Power of Politics." (Rosa Winkler-Hermaden/derStandard.at, 16.4.2007)

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