Als der Bossa Nova seinen Siegeszug antrat

4. April 2007, 17:35
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"The Girl From Ipanema" brachte in den 1960ern brasilianischen Charme nach Nordamerika und Europa: Das Album "Getz/Gilberto" ist ein Höhepunkt dieser Bossa Nova Zeit und zugleich eine der kommerziell erfolgreichsten Jazzproduktionen

Bossa Nova ("Neue Welle") ist eine Mischung aus brasilianischem Samba und Cool Jazz, die Ende der 1950er Jahre in Brasilien entstand. Die Musik spiegelt die kulturelle Aufbruchstimmung der Bohéme in Brasilien zu dieser Zeit wider, die mit dem Militärputsch im April 1964 ein jähes Ende fand.

Die Gründerväter des Bossa Nova

Praktisch in direkter Verbindung zu Bossa Nova steht der Name des Komponisten und Pianisten Antonio Carlos Jobim (1927-1994) aus dessen Feder die bekanntesten Bossa Nova Songs stammen. Bezeichnend für die Musik ist auch der sanfte, fast flüsternde Gesangsstil des Sängers und Gitarristen João Gilberto, der 1957 das erste Bossa Nova-Album aufnahm. Das kommerziell erfolgreichste Album des Bossa Nova ist eine Zusammenarbeit der beiden brasilianischen Musiker mit dem US-amerikanischen Tenorsaxophonisten Stan Getz (1927-1991).

Stan Getz wurde Anfang der 1960er Jahre vom Jazzgitarristen Charlie Byrd auf die brasilianische Musik aufmerksam gemacht. Byrd brachte einige Aufnahmen von einer Tour aus Brasilien mit und Getz war von der Musik begeistert. Beide Musiker nahmen 1962 das Album "Jazz Samba" auf. Getz erhielt für das Album einen "Grammy" und konnte nach seinen Drogenproblemen in den 1950er Jahren wieder an seine alten Erfolge anschließen. Sein erfolgreichstes Bossa Nova-Album sollte jedoch "Getz/Gilberto" werden, das ein Jahr später erschien.

Eine Amateursängerin wird zum Star

Ein Grund für den Erfolg des Albums ist die Interpretation des Songs "The Girl From Ipanema" durch João Gilberto und dessen Frau Astrud. Gilbertos Frau hatte mit ihrer mädchenhaften Stimme keine professionelle Gesangserfahrung und ihre Teilnahme an den Aufnahmen war zunächst gar nicht geplant. Astrud war zur Zeit der Aufnahmen jedoch gerade in New York und die einzige, die genug Englisch konnte, um die englische Adaption von Teilen des portugiesischen Textes zu singen.

Ein weiterer Hit des Albums wurde "Desafínado", was etwa mit "daneben" oder "verstimmt" übersetzt werden kann. "Desafínado" war einer der ersten Songs, der Bossa Nova in Nordamerika und Europa bekannt machte. Charlie Byrd brachte die Nummer aus Brasilien mit und so fand sie Eingang in das gemeinsame Album mit Stan Getz. Getz überarbeitete den Song gemeinsam mit Gilberto und Jobim und die Stimme von Gilberto gibt "Desafínado" noch eine romantischere Stimmung als in der Version auf "Jazz Samba".

Bossa Nova im Repertoire vieler Jazzmusiker

Das Wahrzeichen von Rio de Janeiro ist neben dem Pão de Açúcar ("Zuckerhut") die gewaltige Cristo Redentor-Statue am 710 Meter hohen Berg Corcovado nach dem Jobim den gleichnamigen Song benannte. Astrud Gilberto singt wieder die ersten Sätze auf Englisch. Ihr Mann setzt den Text auf Portugiesisch fort und Getz spielt ein wunderschönes, elegantes Solo. Von Corcovado gibt es auch eine Version von Miles Davis auf dem Album "Quiet Nights" (1962) aber auch andere Songs von Jobim wie "So Danço Samba" und "O Grande Amor" fanden Eingang in das Repertoire vieler Jazzmusiker.

Es ist nicht verwunderlich, dass dieses Album ein so großer Erfolg wurde; die Musiker spielen mit einer oft mühelos wirkenden Art – Getz wie immer technisch virtuos und lyrisch, Gilberto und Jobim rhythmisch perfekt und mit entspannten Charme. Von den zahlreichen Bossa Nova-Alben, die Anfang der 1960er Jahre erschienen sind, drückt "Getz/Gilberto" die verträumte Romantik dieser Musik am besten aus. (Georg Bacher)

Literaturtipp:
Ruy Castro: Bossa Nova. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, übersetzt 2006 (Hannibal, 391 S., 29,90 Euro).

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