Der Doktor aus dem Internet

3. April 2007, 17:03
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Immer mehr Menschen holen sich vor einem Arztbesuch medizi­nisches Wissen aus dem Netz. Eine Diskussion beschäftigte sich damit, ob das uneingeschränkt gut ist.

Wie Medizin-Plattformen im Internet das Arzt-Patienten-Verhältnis verändern. Sabina Auckenthaler fragte die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt. Der Geschäftsführer von NetDoktor, Christian Maté, berichtet aus der Praxis.

STANDARD: Im Internet gibt es zigtausende Seiten zu Gesundheitsthemen. Welche Funktion nimmt das Web in Österreich in Bezug auf die Informationsbeschaffung zu medizinischen Fragen ein?

Felt: Im Moment sehen die meisten Menschen, die sich virtuell über medizinische Gegenstände informieren, das Internet als eine Ergänzung zum Arztverhältnis. Die Wartezeiten bis zu einem Arzttermin sind oft lang, die Zeit für ein Patientengespräch ist meist sehr knapp bemessen. So helfen sich viele mit Zusatzinformationen aus dem Web.

Maté: Der Erfolg unseres Gesundheitsportals bestätigt diese Funktion der Internetinformation. Wir setzen mit unserem Angebot nämlich genau hier an: Wir erläutern medizinische Fragen in einer allgemein verständlichen Sprache. Zielpublikum sind vor allem Laien, die sich vor einem Arztbesuch erste Informationen holen wollen. Aber auch wer nach dem Termin eine Diagnose besser verstehen will, findet bei uns Erklärungen.

STANDARD Der Trend zur virtuellen Medizininformation: Eine positive oder eine negative Entwicklung?

Felt: Wenn das Gesundheitssystem insgesamt funktioniert, kann das zusätzliche Informationsangebot durchaus nützlich sein. Problematisch wird es, wenn sich die Versorgung in eine Richtung entwickelt, die den Patienten allein lässt. Wir sollten uns daher frühzeitig darüber Gedanken machen, wie man das Internet und die Gesundheitsversorgung optimal zusammenbringen kann. Eine Entwicklung wie in den USA, wo sich Patienten eine Selbstdiagnose stellen, indem sie im Internet einen Fragenkatalog durchklicken, halte ich für sehr riskant. Maté: Ich stimme zu, dass sich das Internet nicht als Instrument zur Eigendiagnose eignet. Wir weisen unsere Besucher auch immer darauf hin, dass eine diagnostische Abklärung ebenso wie die nachfolgende Therapieentscheidung nur im persönlichen Kontakt zum Arzt erfolgen kann. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass durch den Einsatz des Internets als Informationsquelle der Anteil jener, die eine Selbstdiagnose machen, steigt. Auch die Gefahr, dass die Patienten von den Ärzten allein gelassen werden, sehe ich derzeit nicht. Unsere User pflegen im Gegenteil eine aktive Beziehung zu ihrem Arzt im Sinne des Shared Decision Makings: Arzt und Patient bilden einen Pakt, der auf Informationsaustausch und geteilter Verantwortung beruht. Die Lektüre von NetDoktor-Artikeln vor bzw. nach dem Arztbesuch unterstützt dieses Modell.

Felt: In den vergangenen zehn Jahren zeichnete sich aber eindeutig eine Entwicklung ab, die die Verantwortung immer mehr in Richtung Patienten hin verschob. EU-weit wird auf Prävention gesetzt und ein Lebensstil, der den Gang zum Arzt verhindern soll, geradezu forciert. Ein breites Informationsangebot über eine gesunde Lebensweise ist zwar sinnvoll, wenn sie aber darauf abzielt, immer mehr die ärztliche Betreuung zu ersetzen, halte ich das für bedenklich. Das Internet bietet einige Möglichkeiten, dass sich diese Tendenzen verstärken. Das sollten wir aufmerksam verfolgen.

STANDARD: Medizinstudenten erzählen oft, in den ersten Studienjahren hätten sie jede neue Krankheit, die sie studierten, sofort bei sich festgestellt. Besteht anhand der Fülle von Informationen über Krankheitssymptome, die zur Verfügung stehen, die Gefahr, dass man sich zum Hypochonder entwickelt?

Felt: Natürlich ist das Internet für all jene, die zur Selbstbeobachtung neigen, dafür prädestiniert, weil sie einfach zu jeglichem Symptom eine Unzahl von möglichen Krankheitsbildern bekommen. Das lässt sich aber nicht vermeiden.

Maté: Die Bewertung von Symptomen anhand von reinen Checklisten ist sicher problematisch, weil man solche Informationen ohne vertiefende Erläuterungen bzw. direkte ärztliche Unterstützung schwer in den richtigen Kontext stellen kann. Ich denke aber nicht, dass das Internet Hypochonder produziert.

STANDARD: Was ist eigentlich über die Benutzer von Internetseiten als Medizininformationsquelle bekannt?

Maté: Wir machen regelmäßig Befragungen: Bis vor zwei Jahren hatte mindestens die Hälfte unserer User Matura, ein Viertel waren Akademiker. Die letzte Befragung hat nun ergeben, dass auch die Menschen mit einem niedrigeren Bildungsstand vermehrt unsere Plattform nutzen. In Bezug auf das Geschlecht wissen wir: Insgesamt verwenden mehr Männer als Frauen das Internet, bei medizinischen Themen ist es genau umgekehrt. Etwa 63 Prozent der Besucher von NetDoktor.at sind weiblich.

Felt: Über den Zugang zu Gesundheitsinformationen im Internet reproduziert sich die Bildungs- und gesellschaftliche Schichtung, es entsteht erneut eine Ungleichheit. Jene, denen der Umgang mit dem Internet vertraut ist, bekommen hier Möglichkeiten einer Selbstgestaltung, die andere, die sich damit schwer tun, nicht haben. Das wird sich mit den Jugendlichen, die den Umgang bereits in der Schule lernen, aber wieder ändern.

STANDARD: Reden wir über die Qualität der Informationen. Besonders bei Gesundheitsthemen findet man sehr viel Unsinn im Netz.

Maté: In jedem Fall lohnt sich ein Blick auf das Impressum, um einen Eindruck zu bekommen, welchen Hintergrund der Plattform-Betreiber hat. Sinnvoll finde ich auch die Kriterien des so genannten HON-Codes: Werbung sollte eindeutig erkennbar von redaktionellen Inhalten abgegrenzt sein. Angaben zum Autor sowie zur Aktualität des jeweiligen Textes sind ebenfalls ein Must. Wir versuchen, die Glaubwürdigkeit der Inhalte zum Beispiel auch dadurch zu unterstützen, dass wir bei vielen Themen explizit mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften zusammenarbeiten. Diese sind ja gewissermaßen Hüter des aktuellen medizinischen Wissens.

Felt: Wir haben im Rahmen unseres Projektes Experimente gemacht, bei denen Teilnehmer eine Stunde lang Informationen zu einer vorgegebenen chronischen Krankheit im Internet suchen sollten. Intuitiv hatten alle Vorstellungen, was seriöse Informationen sind und was nicht. Allerdings unterschieden sich diese bei den Einzelnen. Nicht wenige glaubten etwa, dass es sich bei den Ergebnissen, die Google findet, um ein Qualitätsranking handelt. Für manche mussten seriöse Informationen knapp sein, andere vertrauten Informationen, die sie in ähnlicher Weise auf mehreren Seiten finden. Worauf interessanterweise so gut wie gar nicht geachtet wurde, waren Qualitätssiegel oder die Herausgeber der Seiten.

STANDARD: Haben Sie auch untersucht, wie die Leute vorgehen, wenn sie nach Gesundheitsinfos im Netz suchen?

Felt: Wir haben mithilfe eines Softwareprogramms aufgezeichnet, wie die Teilnehmer suchen. Das Material muss noch genau ausgewertet werden, einige Beobachtungen lassen sich aber schon jetzt machen: Google ist die Plattform. Wer es dort nach oben schafft, wird angeklickt. Je nach Vorstellung, was das Internet ist, unterscheiden sich auch die Suchwege für Medizininformationen. Es gibt User, die von einer Seite zur nächsten springen, sich quasi treiben lassen. Diese beschreiben das Internet oft als Parallelwelt oder als ein Wirrwarr ohne Grenzen und Regeln. Andere nehmen Google als Ankerpunkt, zu dem sie immer wieder zurückkehren. Hier wird das Internet dann oft als ein großes Nachschlagewerk oder eine Bibliothek beschrieben. Und natürlich spielt auch das Medizinbild eine Rolle: Manche suchen nach ganzheitlichen oder alternativen Ansätzen, andere eher nach technischen Erklärungen. Maté: NetDoktor wird von 70 Prozent der User direkt angewählt. Wir haben etwa 450.000 User im Monat, 60 Prozent benutzen, sobald sie auf unsere Seite kommen, die Suchmaske. Die meisten Leute wollen Fakten lesen, reportageartige Zugänge und Meinungsformate sind anders als bei Printmedien in der Beliebtheit eher abgeschlagen.

STANDARD: Wie sehen eigentlich die Ärzte die Tatsache, dass sie es nun immer mehr mit vorinformierten Patienten zu tun haben?

Maté: Etwa zwei Drittel der Ärzte haben unseren Befragungen zufolge bereits Erfahrungen mit Patienten, die mit Online-Informationen in die Praxis kommen. Mein Eindruck ist, dass die meisten Ärzte dies durchaus kritisch beobachten, aber unter dem Strich als positiv bewerten.

Felt: Einzelne Ärzte haben in unseren Befragungen betont, dass es mühsam sein kann, wenn jemand mit einem fixen Bild von dem, was ihm fehlt oder welche Therapie für ihn gut ist, in die Praxis kommt. Die meisten Ärzte sagen zwar, dass sie der Entwicklung positiv gegenüberstehen, aber viele Patienten führen an, dass sie dem Arzt eine Internet- Recherche im Vorfeld lieber verschweigen. Manche befürchten, der Arzt könnte sie mit ihrem Internet-Wissen nicht ernst nehmen, und geben dann an, von Bekannten informiert worden zu sein. Viele haben Angst, der Arzt könnte dies als Vertrauensbruch werten, das heißt, dass aus Sicht der Patienten das Arzt-Patienten-Verhältnis zerbrechlich erlebt wird. Bis zur viel gerühmten Diskussion in Augenhöhe ist es noch ein weiter Weg. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2007)

  • Christian Maté (40) ist seit 2001 geschäftsführender Gesellschafter und medizinischer Leiter der Internetplattform NetDoktor.at. Nach seinem Medizinstudium hat er als Fachredakteur für verschiedene Medien im Medizinbereich Erfahrungen gesammelt. Zudem hat er eine Ausbildung in evidenzbasierter Medizin absolviert und hält Internet-Recherche-Seminare für medizinisches Fachpersonal. Maté lebt mit seiner Partnerin und seinem Sohn in Wien.
    foto: standard/christian fischer

    Christian Maté (40) ist seit 2001 geschäftsführender Gesellschafter und medizinischer Leiter der Internetplattform NetDoktor.at. Nach seinem Medizinstudium hat er als Fachredakteur für verschiedene Medien im Medizinbereich Erfahrungen gesammelt. Zudem hat er eine Ausbildung in evidenzbasierter Medizin absolviert und hält Internet-Recherche-Seminare für medizinisches Fachpersonal. Maté lebt mit seiner Partnerin und seinem Sohn in Wien.

  • Ulrike Felt (50) ist seit 1999 Professorin für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien und leitet dort das gleichnamige Institut. Sie arbeitet in verschiedenen EU-Expertengremien im Bereich Wissenschaft und Gesellschaft mit. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Biowissenschaften und Gesellschaft, medizinisches Wissen und Laienwissen, Wissenschaftskommunikation und Wissenspolitik. Felt ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Wien.
    foto: standard/christian fischer

    Ulrike Felt (50) ist seit 1999 Professorin für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien und leitet dort das gleichnamige Institut. Sie arbeitet in verschiedenen EU-Expertengremien im Bereich Wissenschaft und Gesellschaft mit. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Biowissenschaften und Gesellschaft, medizinisches Wissen und Laienwissen, Wissenschaftskommunikation und Wissenspolitik. Felt ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Wien.

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