China: Zehn Tage Zeit bis zum Zwangsabriss

2. April 2007, 18:38
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Paar, das sich seit Jahren gegen den Abbruch seines Hauses wehrt, muss sich bis zum 10. April mit dem Bauherrn einigen

Landesweit werden die beiden längst als "härteste Nägel aller Zeiten" bewundert.

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Peking - Behörden und Gerichte der Yangtse-Stadt Chongqing haben am Wochenende einem Ehepaar, das sich seit Jahren gegen den Abriss ihres privaten Hauses wehrt und damit nun eine landesweite Solidaritätswelle auslöste, eine letzte Frist von zehn Tagen gesetzt.

Bis zum 10. April müssen sich die 49-jährige Wu Ping und ihr Mann Yang Wu, die der Volksmund bewundernd "die härtesten Nägel aller Zeiten" nennt, mit dem Bauherrn eines geplanten Wohn- und Einkaufszentrum gütlich geeinigt haben. Sonst wird ihr Anwesen, das wie eine einsame Festung in einer Baugrube mitten in der Stadt steht, zwangsweise abgerissen. Wu Ping sagte am Sonntag, dass sie von der Proklamation des Gerichts in Kenntnis gesetzt wurde. Sie "warte jetzt ab, ob es durch Gespräche am Montag oder Dienstag zu einer neuen Lösung kommt".

Das Chongqinger Bezirksgericht Jiu Longpo hatte zuvor die angedrohte Zwangsräumung als rechtmäßig bezeichnet. Ein Vertreter der Bezirksregierung erklärte, das "Stadterweiterungen und Sanierungen, die in den Bebauungsplänen genehmigt sind, dem öffentlichen Interesse der Bürger entsprechen". Sie hätten Vorrang vor privaten Interessen.

Nationaler Streitpunkt

Der Fall des Ehepaares, dessen Familie das zweistöckige Haus seit 1944 gehört, wurde Mitte März zum nationalen Streitpunkt, weil er mit der Verabschiedung von Chinas erstem Eigentumsgesetz zusammenfiel. Inzwischen nimmt das ganze Land über Internet und die Medien Anteil am Widerstand des Paares gegen seine Enteignung, die zum Ärger Pekings internationale Schlagzeilen macht. Die Aufregung geht weiter. Nationale chinesische Zeitschriften erschienen am Sonntag sogar mit dem Foto des Hauses auf dem Titelblatt - trotz Anweisungen der Propagandabehörden, sich zu mäßigen.

Besitzer Yang Wu hatte sein leer stehendes Anwesen vor einer Woche demonstrativ besetzt, eine rote Staatsfahne herausgehängt und politische Banner gehisst. Er weigert sich seither, das Haus zu verlassen, obwohl Wasser und Strom seit Langem abgeklemmt sind. Der Leiter des Bezirksamtes räumte am Wochenende ein, dass seine Behörden übereilt handelten, als sie die Versorgung noch vor dem Gerichtsentscheid kappten.

Sozialer Sprengstoff

Chongqing versucht, die Gemüter zu beruhigen, um den sozialen Sprengstoff des Falles zu entschärfen. Allein in den beiden Metropolen Peking und Schanghai wurden in den letzten 15 Jahren fast vier Millionen Innenstadtbürger wegen des Baus neuer Hochhäuser, Banken, Einkaufszentren und Verkehrsprojekten in die Vororte umgesiedelt. Auf dem Lande verloren 50 Millionen Bauern gegen meist nur minimale Entschädigungen ihre Pachtböden. Die "Nägel" sind zum Vorbild vieler Zwangumgesiedelter geworden. Ebenfalls wehren sich Bürgerinitiativen gegen fragwürdige Prestigebauten oder neue Verkehrswege, die zu ihrer Umsiedlung führen. Proteste torpedieren derzeit auch die Pläne der Stadt Schanghai, die Transrapid-Trasse durch die City zu erweitern.

Wu Ping und ihr Mann hatten einst Angebote des Bauherrn in Höhe der staatlich festgelegten Entschädigungen von umgerechnet rund 200.000 Euro für ihr als Restaurant und Wohnhaus genutztes Anwesen abgelehnt. Sie verlangen ein gleich großes Haus in gleicher Lage, was bei den heutigen Preisen in Chongqing ein Vielfaches wert wäre. Der Bauherr, der alle anderen 281 Nachbarfamilien 2004 umsiedeln konnte, behauptet, durch den Widerstand der "Nägel" bisher drei Millionen Euro verloren zu haben. (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 2. April 2007)

  • Cover des Magazins "China Newsweek" zum Kampf um den Abriss eines Hauses in Chongching.
    foto: standard/johnny erling

    Cover des Magazins "China Newsweek" zum Kampf um den Abriss eines Hauses in Chongching.

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