"Eine Bank hat keine Füße"

18. April 2007, 12:44
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RZB-Vorstandsmitglied Karl Sevelda geht im STANDARD-Interview davon aus, dass die Expansion der Banken in Richtung Asien und Amerika weitergehen wird

Standard: Böhler-Uddeholm wird von der Voest übernommen, zuvor hatte Hannes Androsch gegen die Übernahme durch den Fonds CVC gewettert. Wie sehen Sie das?

Karl Sevelda: Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es da oder dort Eigeninteressen gibt.Ich habe aber nicht mit Androsch geredet. Drei Monate, nachdem er das Eintreten des Cerberus-Fonds bei der Bawag begrüßt hat, verurteilt er pauschal das Eintreten eines anderen Fonds - da fehlt mir die Logik.

Standard: Sie sind jetzt genau dreißig Jahre im Bankgeschäft, haben in der Creditanstalt begonnen, die damals als "monetäre Visitenkarte" Österreichs galt. Was hat sich in der Zeit am meisten verändert - oder kann man das alles gar nicht mehr vergleichen?

Sevelda: Die Größe der Institute ist überhaupt nicht mehr vergleichbar mit damals und die Technologie schon gar nicht. Als ich begonnen habe, gab es noch keine PCs, es gab Schreibmaschinen. Mein Chef, Heinrich Treichl, legte Wert darauf, dass Kreditanträge fehlerfrei abgegeben werden, die wurden oft fünf-, sechs-, siebenmal getippt.

Standard: Die CA war damals ja noch ein Industriebetrieb mit angeschlossener Bank.

Sevelda: Ja, ihr gehörte, unter anderem, Semperit, Wienerberger, Steyr-Daimler-Puch, Andritz. Aber damals waren auch die Regularien viel strenger, die Banken durften nicht nach Gutdünken Filialen eröffnen, und als das dann erlaubt wurde, setzte ein unglaublicher Filialboom ein. Bis Ende der 80er durften die Banken nur um eine bestimmte Größe wachsen, da gab es den Kredit-Limes, letztlich, um die Inflation einzudämmen.

Standard: Die vielfältigen Vorschriften der Aufsicht, über die sich die Banken heute ständig beklagen, gab es damals noch nicht. Ein Vorteil?

Sevelda: Da gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zu früher: Wir glauben, heute alles statistisch erfassen zu können, vermathematisieren zu müssen. Es gibt für alles Statistiken, Berechnungen, Wahrscheinlichkeiten ...

Standard: ... dafür hat man alles besser unter Kontrolle.

Sevelda: Das glaube ich nicht. Die jungen Mitarbeiter in einer Bank verlassen sich total auf diese Formeln, "ein mit 1 geratetes Unternehmen hat eine Ausfallswahrscheinlichkeit von 0,3 - da kann nichts passieren", denken sie. Sie schalten das Gefühl total aus - aber gerade im Kreditgeschäft braucht man auch Gefühl. Diese persönliche Einschätzungsgabe über "soft facts", die sich nicht in der Bilanz widerspiegeln, lernt man heute gar nicht mehr. Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch traurig, das nimmt ja auch das Interessante am Kreditgeschäft. Für mich ist das Schöne nicht das Arbeiten mit dem Geld an sich, sondern das, was ich damit bewirke: Investitionen, Exporte, Wachstum.

Standard: Es gab früher Bankkrisen, und es gibt sie heute. Die CA hat wegen ihrer Industriebetriebe Geld gebraucht, es gab die Länderbankkrise, heute die der Bawag. Hat sich da im Umgang etwas verändert?

Sevelda: Diese Krisen hatten andere Auslöser; die CA hat Geld vom Staat bekommen, die Länderbankkrise war auf Kreditausfälle zurückzuführen und man hat sie saniert, indem die Zentralsparkasse die Länderbank übernommen und zur Bank Austria fusioniert hat. Bei der Bawag gab es offenbar Fehlleistungen des Managements, um es vorsichtig auszudrücken. Damals ging es um Millionen Schilling, heute um Milliarden Euro.

Standard: Was wäre geschehen, hätte man damals prognostiziert, dass die Z die Länderbank übernimmt und diese rote Bank Austria die schwarze CA schlucken wird und diese BA-CA dereinst den Italienern gehören würde?

Sevelda: Wir hätten denjenigen, der das vorausgesagt hätte, sofort entmündigt oder eingewiesen. Es war absolut unvorstellbar, dass die monetäre Visitenkarte - Zitat Androsch - an die Bank Austria verkauft wird. Aber aus Sicht der BA war es ein absolut genialer Schachzug: Man hat 17 Mrd. Schilling, also 1,2 Mrd. Euro, für 51 Prozent bezahlt, also 2,4 Mrd. fürs Ganze. Das müssen Sie sich vorstellen, das war im Nu zurückverdient. Den Verkauf an die HVB bedaure ich, das hat der Bank geschadet, der Verkauf der HVB an Unicredit hat jetzt wieder eine striktere Linie reingebracht. Ich höre, Profumo agiere sehr preußisch, während die HVB sehr italienisch agiert habe.

Standard: Wie hat sich denn die Einstellung zum Kunden verändert?

Sevelda: Sehr, man ist heute sehr viel kundenorientierter. In der Bankenwelt der 70erJahre ist durchaus zu hören gewesen: "Eine Bank hat keine Füße, wenn der Kunde etwas will, soll er zu mir kommen". Oder die denkwürdigen Worte eines Bankdirektors, der auf die Frage, wie es ihm gehe, gesagt hat: "Ganz gut, jetzt sind die Quälgeister weg." Es war August und Urlaubszeit, er hat die Kunden gemeint.

Standard: Wie haben sich denn die Manager verändert? Früher gab es einen Heinrich Treichl in der CA, Walter Flöttl in der Bawag, dann einen Elsner. Alle sehr autoritär.

Sevelda: Heute arbeiten Vorstandsmitglieder aktiv im operativen Geschäft mit. Dadurch sind die Manager viel weniger abgehoben, "down to earth". Und auch die Beziehung zu den Mitarbeitern ist kollegialer geworden.

Standard: Heute gibt es sechs große Banken, damals gab es fast doppelt so viel.

Sevelda: Ja, die Bankkonzentration in Österreich war so stark wie in kaum einem anderen Land. Die RZB mit Raiffeisen International ist in 16 Ländern aktiv, ist die internationalste Bank Österreichs. Aber natürlich hat sich auch die Erste Bank sehr verändert und internationalisiert, da hat Andreas Treichl seinen Stempel aufgedrückt.

Standard: Die Banken sind im Ausland unheimlich expansiv. Wie riskant ist das?

Sevelda: Ob unsere Nachfolger im RZB-Vorstand mit unseren großen Engagements im Ausland eine Freude haben werden, wissen wir nicht. Wir glauben es aber. Die Expansion geht sicher weiter, auch nach Asien und Amerika.

ZUR PERSON: Karl Sevelda (56) ist für das Kreditgeschäft zuständiger Vorstandsdirektor der RZB. Der Betriebswirt kam 1977 in die CA, wechselte 1998 in den RZB-Vorstand. Sevelda war Mitbegründer des Liberalen Forums LIF. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.4.2007)

  • "Heute agiert man sehr viel kundenorientierter", sagt Karl Sevelda, Vorstandsdirektor für das Kreditgeschäft in der Raiffeisen Zentralbank und seit 30 Jahren im Bankgeschäft.
    foto: standard/hendrich

    "Heute agiert man sehr viel kundenorientierter", sagt Karl Sevelda, Vorstandsdirektor für das Kreditgeschäft in der Raiffeisen Zentralbank und seit 30 Jahren im Bankgeschäft.

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