Die Sprache als Sparringpartner

2. April 2008, 18:43
posten

Auf Andy Warhols Spuren: "Gob Squad's Kitchen (You've Never Had it So Good)" in Berlin und am Donaufestival zu sehen

Berlin/Wien - Andy Warhols Film Kitchen entstand im Jahr 1965. Edie Sedgwick sollte damit zu einem neuen Superstar aufgebaut werden, sie war aber kaum in der Lage, sich ein paar Zeilen zu merken. Es gab, wie bei Warhol üblich, keine Geschichte, sondern nur eine Situation: eine Küche, in der Leute das tun, was sie in einer Küche eben so tun, plus ein bisschen Unsinn extra.

Norman Mailer schrieb über Kitchen, dass man in 100 Jahren auf die 60er-Jahre zurückblicken und den ganzen (Un-) Geist der Epoche in diesem Film wiederfinden würde - die Langeweile, die kalten Wohnungen, die alten Installationen. "Deswegen kam es zu dem Krieg in Vietnam. Deswegen wurden die Flüsse verschmutzt."

Dieses ebenso enthusiastische wie nihilistische Zitat kehrt nun auch in der Theaterproduktion Gob Squad's Kitchen (You've Never Had it So Good) wieder, die am Freitag in der Volksbühne im Prater in Berlin Premiere hatte und vom 19. bis 21. April auch beim Donaufestival zu sehen sein wird. Gob Squad ist eine deutsch-englische Performancegruppe, die seit über zehn Jahren mit großem Erfolg im Grenzbereich zwischen Kunst, Medien und Theater arbeitet. Indem sie Warhol zu ihrem Thema macht, betreibt sie auch ein wenig Theorie der Avantgarde. Denn das utopische Potenzial im Alltag, das in den 60er-Jahren nicht zuletzt in den Filmen der Factory entdeckt wurde, ist irgendwie verschwunden. Heute ist eine Küche wieder eine Küche, und die jungen Leute, die in der Küche herumsitzen, trinken lieber Tee als Kaffee.

Cooler "Taffee"

Sie wollen aber so aufregend sein wie Edie Segdwick oder Roger Trudeau. Daher gießt Bastian (Bastian Trost) den Kaffee in einer hübschen kleinen Fehlleistung auf Teebeutel. Das Gebräu wird von Berit (Berit Stumpf) kurzerhand zu einem neuen, coolen Getränk erklärt: einem "Taffee", der aber nicht annähernd die Wirkung der Substanzen hat, die sich Edie Sedgwick im goldenen Zeitalter ständig zuführte.

Gob Squad's Kitchen ist einerseits selbstironische Distanzierung vom Pathos der 60er-Jahre, andererseits aber eine sehr genaue Rekonstruktion der Prämissen von Warhols Arbeit. Die Bühne besteht aus einer dreigeteilten Leinwand, auf der das dahinter gespielte Theater als Film zu sehen ist. Im Zentrum steht das Remake des eigentlichen Films Kitchen, daneben werden aber Warhols Screen-Tests sowie seine Filme Sleep und Kiss integriert.

Weil im Prinzip jeder ein Star sein kann, sitzen einige Darsteller anfangs noch im Publikum - sie werden elegant in das Experiment hineingezogen, wobei es sich als schwierig erweist, einfach so einzuschlafen. Zumal es im Hauptraum, der Küche, immer wieder Grund zum Lachen gibt.

Dazu trug am Premierenabend nicht zuletzt Arno bei, ein Freiwilliger, der sich unter der Anleitung von Sean Patten zuerst für einen Screen-Test zur Verfügung stellte, dann aber bald in eine Sprechrolle überwechselte und schließlich in das Bild des Hauptfilms eintreten durfte. Schon bei Warhol waren die Techniker zu sehen gewesen.

Dieses Prinzip wird bei Gob Squad noch weitergedacht. Sie erfindet für die Stars der eigenen Produktion noch Alter Egos, dabei werden die Rollen nicht so sehr getauscht als experimentell voneinander und von den historischen Vorbildern übernommen. Ähnlich wie bei René Pollesch, der in der Volksbühne im Prater (wie auch am Burgtheater) in den letzten Jahren viele maßgebliche Arbeiten präsentiert hatte, ist auch bei Gob Squad die Sprache eine Art Sparringpartner. Die Figuren sprechen nicht einfach, sie hantieren oder kämpfen mit Sprachmaterial.

Die verschlüsselte Rede, die häufig der Anbahnung von Sex vorausgeht, stieß in der Kitchen von Gob Squad auf das Unverständnis einer kalkulierten Naivität, die aus den Genderdebatten des letzten Jahrzehnts hervorgegangen ist. Die sexuelle Politik bei Warhol ("I like my coffee hot, sweet and black, just like my man") wird ganz undidaktisch noch ein wenig aufgeklärt. Gob Squad's Kitchen tritt letztlich locker aus dem Schatten der Factory. Damals ging es um Coolness und Sex, heute geht es um Intelligenz und Selbstdistanz. Ein Fortschritt? Das wird man in 60 Jahren wissen, wenn Norman Mailers Jahrhundert abgelaufen ist. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 02.04.2007)

  • Gob Squad's Kitchen ist einerseits selbstironische Distanzierung vom Pathos der 60er-Jahre, andererseits aber eine sehr genaue Rekonstruktion der Prämissen von Warhols Arbeit.
    foto: karen fraser

    Gob Squad's Kitchen ist einerseits selbstironische Distanzierung vom Pathos der 60er-Jahre, andererseits aber eine sehr genaue Rekonstruktion der Prämissen von Warhols Arbeit.

Share if you care.