Collagen aus Musik, Tanz, Bewegung und Sprache

27. Juli 2000, 11:51

Pina Bausch - Revolutionärin des modernen Tanzes - wird 60

Erfolg als ständiger Begleiter: Ovationen, wie jüngst beim Theaterfestival in Avignon, zumindest aber vielbeachtete Aufnahme fand Pina Bausch auf allen Kontinenten, die sie mit ihrem seit fast 30 Jahren bestehenden Wuppertaler Tanztheater bereiste. Die Choreografin, die den modernen Tanz revolutionierte, wird an diesem Donnerstag 60 Jahre alt. An Trubel um ihren "runden" Geburtstag ist der als ausgesprochen scheu beschriebenen Gastwirtstochter aus Solingen nicht gelegen. "Pina Bausch befindet sich am 27. Juli an einem noch nicht bekannten Ort im Urlaub", lautete die abschlägige Antwort ihrer persönlichen Referentin Jolanda Darbyshire auf Interview-Wünsche.

Rast und Ruhe sind der Künstlerin indes eher fremd. Allein in diesem Jahr stehen noch Gastspiele bei der Expo in Hannover, beim Olympic Arts Festival in Sydney, in Bologna, Rom und Palermo sowie in Sao Paulo auf ihrem prall gefüllten Tournee-Kalender. Natürlich will auch ein neues Stück erarbeitet sein. Der Uraufführungstermin, der 12. Mai 2001, steht bereits fest. Waren in ihren ersten Wuppertaler Jahren bis zu drei abendfüllende Stücke in einer Spielzeit keine Seltenheit, begnügt sich Pina Bausch mittlerweile mit einem neuen Stück pro Jahr.

Collagen

Die Inspirationen für die Collagen aus Musik, Tanz, Bewegung und Sprache holte sich das zur Kosmopolitin gewandelte einstige Wunderkind der Essener Folkwangschule in den vergangenen Jahren fast durchweg aus den Metropolen der Welt. Nach Rom, Madrid, Palermo, Wien, Lissabon und Hongkong entstand ihr jüngstes Werk, "Wiesenland", in Zusammenarbeit mit der Stadt Budapest. "Seit sie ihre Inspirationen aus den großen Städten schöpft, ist Pinas schwarze Sicht der Dinge einer rosa Sichtweise gewichen", urteilte die französische Presse nach der Aufführung des mit fernöstlichen Tanzimpressionen gespickten Stücks "Der Fensterputzer" in Avignon. "Pina Bausch setzt auf Glück, Leichtigkeit und was dazu gehört: Lachen, das echte, fröhliche, ohne Hintergedanken."

Antrieb ist die Angst

Praktisch alle ihre Stücke, schrieb ihr Biograph Jochen Schmidt vor einigen Jahren, behandelten Kernthemen der menschlichen Existenz. "Ihr Antrieb ist die Angst, aber auch der Wunsch nach Liebe." Auf der Bühne tobt daher nicht selten der Geschlechterkampf: Gruppen von Frauen und Männern, die sich gegenüber stehen, sich anziehen und zugleich abstoßen. Bausch selbst befand einmal, es seien vor allem die Farben, die wechselten, mal licht und hell, häufiger düster und eingedunkelt.

Weitere "Markenzeichen" ihres Tanztheaters:

Meist sind ihre Stücke bei der Premiere noch nicht abgeschlossen und ohne Titel. In Wuppertal empörte sich das Publikum anfangs nicht selten über die unkonventionelle Art der Darbietung. Buh-Rufe sind allerdings seit langem Blumen-Buketts gewichen, wenn Pina Bausch mit knappem Lächeln und streng nach hinten gekämmten Haaren am Ende einer Uraufführung auf die Bühne tritt und die Ovationen entgegennimmt. Selbst in der kleineren Runde der Premierenfeier verkörpert sie nicht den strahlenden Star, hält sich eher am Rande. Ganz auf dieser Linie bezieht sie die Mitglieder ihrer Truppe schon bei der Konzeption neuer Stücke mit ihren Ideen und Vorlieben in die Choreografien ein.

Wiederholungen

Ein anderes Stilmittel ist die Wiederholung ganzer Sequenzen, was bei Kritikern nicht immer auf Gegenliebe stößt: "Pina Bausch hat die unangenehme Angewohnheit, drei oder vier Mal denselben Gag zu wiederholen, wodurch der Rhythmus häufig an Tempo verliert." Ungewöhnlich sind die Zusammenstellung der Musik, bei der klassische Stücke zu Gunsten von Schlagern und Chansons nur eine untergeordnete Rolle spielen, wie auch die Bühnenbilder: Tanzflächen aus Wasser, Laub, Nelken, Rasen, Torf, wobei vor allem die Wasserbühnen von sich reden machten. Pina Bauschs Neuerungen in der Tanz-Ästhetik gepaart mit ihren übersprudelnden Einfällen wurden mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, darunter dem Deutschen Tanzpreis, dem Pour le merite oder dem mit umgerechnet über zwei Millionen Schilling weltweit höchstdotierten Kunstpreis, dem japanischen Praemium Imperiale. (APA)

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