Zlatorog on the rocks

22. April 2007, 15:25
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Sloweniens fabelhafter Steinbock, der Zlatorog, ist im Triglav National­park überraschend präsent für eine Sagengestalt

Gleich nachdem Sie über den Wurzenpass (Korensko sedlo) kommen, gleich nach dem alten Zollhaus und der Wechselstube, werden Sie einen kleinen Zeitsprung erleben. Die vom Wald gesäumten Almen, die immer noch schmale Straße, alles sieht aus wie bei uns vor einigen Jahren. Leider arbeitet man schon fleißig an einer Verbreiterung der Fahrbahn, offenbar sollen hier bald Reisebusse problemlos durchfahren können. Machen Sie schnell, noch ist's hier schön.

Kranjska Gora hat viele Gesichter

Nach wenigen Kilometern hat man die kleine Ortschaft Podkoren mit seinen holzgedeckten Walmdächern erreicht. Seit meinem letzten Besuch vor drei Jahren hat fast jeder eine Satellitenschüssel am Haus, der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Rechts geht's nun zu den großen Sprungschanzen von Planica und weiter zu den Laghi di Fusine im Friaul, links aber nach Kranjska Gora und Jesenice. In Kranjska Gora hat sich der Charme einer barocken oberkrainischen Kleinstadt mit einigen seltsamen Hotelbauten aus den 70er- und 80er-Jahren zu einer eigentümlichen Einheit verbunden. Sehr schicke Sportmodegeschäfte, gut sortierte Supermärkte, die auch am Sonntag öffnen, trendige Extremsportanbieter, alte Bauernhäuser und Kirchen - Kranjska Gora hat viele Gesichter.

Zlatorog, Sloweniens Sagentier

Altbauern im Sonntagsstaat, deren knorrige und abgearbeitete Hände irgendwie deplatziert aus den Ärmeln eines Nadelstreifanzugs ragen, sind ebenso zu sehen wie papageienbunte, mollige Touristen. Gleich außerhalb der Ortschaft ist der Fluss Pisnica zu einem kleinen See aufgestaut. Ein Steinbock aus Bronze steht hier fast unternehmungslustig auf seinem Sockel. Es ist der Zlatorog, Sloweniens Sagentier. Im Gegensatz zum echten Zlatorog hat der hier zwar keine goldenen Hörner, doch werden seine von den Besuchern wie bei einer Votivfigur stets so blank poliert, dass sie ebenso golden in der Sonne glänzen. Über der Stadt entfaltet sich ein atemberaubendes Panorama der gewaltigen Wände von Spik, Skrlatica, Prisank sowie Kleiner und Großer Mojstrovka.

Bald wieder alt?

Wir fahren nun an der Pisnica entlang, ihrer Quelle entgegen, auf den Vrsic-Pass. Nach mehreren immer steileren Kehren durch einen freundlichen Bergwald gelangt man zur neu renovierten Ruska Kapelica. Diese russisch-orthodoxe Votivkapelle wurde von früheren russischen Zwangsarbeitern errichtet, um an ihre Kameraden zu erinnern, die während der Bauarbeiten zur Kriegsstraße bei einem Lawinenabgang an der Mojstrovka mit ihren Bewachern im März 1917 verunglückt waren. Leider wird es noch Jahre dauern, bis die strahlend helle und frisch lackierte Holzkapelle ihren alten Charme wiedererlangt hat.

Vrsic-Pass

Kreischend bunt bekleidete Biker, eisenharte Bergradler, Bustouristen - alles strebt auf den 1611 Meter hohen Vrsic-Pass. Hier gehen viele der schönsten Kletter- und Wandertouren zu den Gipfeln von Razor und Triglav los, mehrere große Hütten des slowenischen Alpenvereins bieten Unterkunft und Verpflegung.

Urlaubsfreundschaft

Bei meinem ersten Besuch hier traf ich Marcel und Heidi, ein Camper- und Bergsteigerpärchen aus Holland. Nachdem wir einander in einer sehr engen Kurve im Gegenverkehr die Rückspiegel abgefahren hatten, schlossen wir eine kleine Urlaubsfreundschaft. Wir beschlossen, in der nähe der Großen Mojstrovka auf den Almen zu wandern. Die Almen an der Slatnica sind mit Lärchen bewachsen, überall grasten Schafe zwischen den schneeweißen Findlingen. Eines von ihnen flüchtete nicht, sondern bestand darauf, seinen Salzbedarf am Schweiß auf meinem Rücken zu decken - naja. Später machte Marcel beim Anblick der vielen Klettersteige den Vorschlag, ebenfalls die Mojstrovka-Durchquerung zu machen. Da aber niemand Ausrüstung dabei hatte, wurde nichts daraus.

Botanische Garten Arboretum Juliana

Auf der Südseite des Vrsic öffnet sich das Trenta-Tal in Richtung Bovec. Hier bieten mehrere Veranstalter Kanutouren auf der eiskalten und grün-klaren Soca an, die hier noch Trinkwasserqualität hat. Sehenswert sind hier das 1953 errichtete Denkmal für den Berg-Schriftsteller Julius Kugy in Na Turi und der 1926 vom Triestiner Industriellen Albert Bois de Chesne gegründete Botanische Garten Arboretum Juliana, in dem ein Querschnitt der einzigartig reichen Pflanzenwelt der Julischen Alpen (Schneeheide, Drachenmaul, Wohlriechende Becherglocke, Trollblume, Gelb-Enzian, Alpen-Mannstreu, Edelweiß, etc.) liebevoll und informativ präsentiert wird.

Barbarei des Krieges

Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass ab 1915 hier die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien verlief. Das Museum von Kobarid (Caporetto) stellt zahlreiche düstere Exponate vom Krieg aus, vom verbissenen Stellungskampf zum dramatischen Durchbruch der vereinigten österreichischen und deutschen Truppen an der Isonzo-Front. Wer sich für diese Zeit interessiert, kann auch das italienische Beinhaus in Kobarid oder den k. u. k. Soldatenfriedhof in Ukanc am Wocheiner See besuchen. Trotz aller Barbarei des Krieges liegen hier Offiziere, einfache Soldaten sowie russische, serbische oder italienische Kriegsgefangene einträchtig nebeneinander.

Wende an der Flanke

Unter der Südostflanke der Komna liegt der Wocheiner See (Bohinjsko Jezero). Dieser außer im Osten überall von steilen Bergen eingerahmte, sehr fischreiche Bergsee mit seinem kristallklaren Wasser lädt im Sommer zum (eher kühlen) Schwimmvergnügen und Segeln ein. In den Ortschaften Stara Fuzina, Ribcev Laz und Ukanc gibt es zahlreiche Frühstückspensionen, in denen man gut und immer noch recht preiswert unterkommen kann.

Rahmsuppe unter Sternenhimmel

Wir wohnten in der Pension Mavrica von Edi und Cvetka Arh. Die geräumige und peinlich saubere Ferienwohnung sowie das freundliche Willkommen bei der Anreise beeindruckten uns nachhaltig. In Stara Fuzina wetteifern offenbar nur zwei Lokale um die Gunst der Besucher. Wer abends zu spät kommt, muss mit Plätzen in der Stube vorlieb nehmen, weil die schöne Terrasse bereits voll besetzt ist. Wer es aber geschafft hat, sich von der blonden Kellnerin Andrea unter dem Sternenhimmel Rahmsuppe oder Eintopf mit frischem Bauernbrot und Räucherwürstchen mit Bier oder einem herzhaften Rotwein servieren zu lassen, der kann sich eigentlich nur noch zufrieden zurücklehnen.

Fernblick

Bis zum späteren Morgen hält sich über dem See meistens dichter Nebel, denn die Nächte sind kühl. Gegen die starke Sonne hat er aber auf Dauer keine Chance. Vom See aus ist das Skihotel Vogel auf 1540 Metern Seehöhe mit einer schwindelerregend steilen Seilbahn zu erreichen - oder eben auf die harte Tour nach über eintausend Metern Aufstieg. Eine ausgedehnte Wanderung über das sommerliche, mit Latschenkiefern bestandenen Skigebiet führt zu einem Bergkamm, der einen unglaublichen Fernblick nach Süden und Westen freigibt. Im Norden und Osten sehen wir von hier den Triglav und die Karawanken an der Grenze zu Kärnten. An einem perfekten Sonnentag - der letztlich zu einem weniger perfekten Sonnenbrand geführt hat - besteigen wir die Sija (1800 Meter) und anschließend gleich noch den Vrh Krnic (1896 Meter).

Sieben Seen gesehen

Szenenwechsel, nächster Tag: Vom Parkplatz der Hütte Koca na Savici erreicht man über einen steilen und knackigen Aufstieg das traumhafte Siebenseen-Tal unterhalb des Triglav (Dolina Triglavskih Jezer). Ganz in der Nähe entspringt die Savica, Zufluss des Wocheiner Sees, in einem spektakulären Wasserfall der Felswand. Das ganze Gebiet gehört zum Nationalpark und unterliegt strengem Schutz. Wer mit offenen Augen durch diesen Wald geht, kann mit etwas Glück die hier heimische Hornviper sehen. Auch ein gutes Argument, die Wege nicht zu verlassen.

Sowohl am Vogel südlich des Wocheiner Sees als auch in Pokljuka nordwestlich davon wird im Winter auf landschaftlich herrlichen, wenn auch nicht sehr langen Abfahrten Ski gefahren und das Panorama auf die Steiner Alpen, den Triglav, Komna und Krn ist einfach atemberaubend. Durch die Nähe zur Nord-Adria ist das Gebiet sogar ziemlich schneesicher.

Ausflug nach Bled

Für Kulturbeflissene ist ein Ausflug nach Bled einfach Pflicht. Dieser immer noch mondäne Kur- und Urlaubs-ort der europäischen Haute-volee der 20er- und 30er-Jahre wird beherrscht von der Burg über dem Bleder See mit einmaliger Aussicht. Der einstige Sitz der Bischöfe von Bled ist aufwändig und authentisch restauriert worden und beherbergt neben einem von Mönchen betriebenen Weinkeller und einer sympathischen Schlossschänke ein absolut sehenswertes Museum, das den Besuch in jedem Fall lohnt. (Tancredi de Polzer/DER STANDARD, Printausgabe, 31.3./1.4.2007)

Link
slovenia.info

Wer bei Regen trotzdem gerne wandert, wird sich erst recht über die Bäderlandschaft in Bled freuen. Die ist den letzten Jahren als Teil der gehobenen Hotellerie ordentlich aufgemotzt worden - und kann fast überall auch von Tagesgästen genutzt werden. Das Wellness Center Ziva etwa, als Teil des Hotel Golf Bled, bietet neben dem Thermalbecken die übliche Massage- und Therapiepalette, man sollte allerdings als Nicht-Hotelgast vorreservieren - vor Ort oder unter: wellness-bled-slovenia.com.

Dass der Triglav Nationalpark von enormen Wasserreserven bedeckt ist, gereicht der Agentur Lifetrek eindeutig zum Vorteil. Aber nicht nur ihr, denn die Outdooraktivitäten, die hier seit acht Jahren angeboten werden, bringen die Teilnehmer der Touren in die schönsten Gegenden des Parks. Ob das per Rafting, Mountainbike, Freiklettern, Canyoning oder mit dem Pferd geschehen soll, kann jeder für sich entscheiden. Angebote gibt es ab einem Tag und bereits ab einem Teilnehmer. lifetrek-slovenia.com

Heiter ist der Umstand, dass es in Slowenien praktisch gar keine "normalen" Nebenstraßen gibt, sondern jeder Kilometer thematisch organisiert wurde: als Bernstein-, Smaragd-, Wind- oder etwa Goldhornstraße. Nach einem zentralen Projekt, das sich Next Exit nennt und jedes Jahr kleine Reisehand-bücher herausgibt (ebenfalls zum Download unter: slovenia.info). Ein eigenes Portal für die Route entlang der smaragdgrünen Soca mit vielen Tipps und Hinweise für Unterkünfte lautet: lto-sotocje.si/deutsch

Wer auf der Terrasse einer Frühstückspension oder eines Bauernhofs nicht nur die Sonne genießen will, sondern auch die lokalen Schmankerln, hält sich am besten an das Europäische Interreg Projekt Grenzenlos genießen. Das funktioniert - wie der Name ja verrät - überregional in Kärnten, Slowenien und im Friaul und verspricht eine kulinarisch aufgepeppte Version von "Urlaub am Bauernhof". Ein aktuelles Magazin gibt es zum Download oder über den Postversand unter: grenzenlosgeniessen.at

  • Wer den Zlatorog in zerklüfteten Felswänden antreffen will, hat im Gletschertal um den Wocheiner See praktisch unbeschränkte Möglichkeiten, dies zu tun.
    foto: pixelquelle.de

    Wer den Zlatorog in zerklüfteten Felswänden antreffen will, hat im Gletschertal um den Wocheiner See praktisch unbeschränkte Möglichkeiten, dies zu tun.

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