Was die Medizin kann

30. März 2007, 20:57
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Wer nach den Ursachen sucht, warum das Ungewöhnliche gut ausgeht und das scheinbar Routinemäßige nicht, muss sehr vorsichtig sein

Die (österreichische) Medizin kann einer 66-jährigen Frau zu einem Kind verhelfen; sie kann nicht verhindern, dass binnen eines Jahres sieben Kleinkinder an einer (Routine-)Mandeloperation sterben.

So würde eine leicht polemische Zusammenfassung der Meldungen der letzten Tage lauten. Die Diskrepanz zwischen diesen Ergebnissen medizinischer Tätigkeit ist auffällig, und wer nach den Ursachen sucht, warum das Ungewöhnliche gut ausgeht und das scheinbar Routinemäßige nicht, muss sehr vorsichtig sein, aber er wird leicht bei dem Stich- oder Schlagwort "Klassenmedizin" landen.

Zunächst sei nur kurz ein Aspekt der Debatte - darf eine 66-Jährige ein Kind bekommen - gestreift. Natürlich darf sie. Was aber, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt wird, ist die Frage der Risken für Mutter und Kind. Wenn die Eltern zusammen über 70 sind, steigt das Risiko für ein Down-Syndrom an. Ebenso laufen ältere Mütter Gefahr, eine so genannte Schwangerschaftsvergiftung zu bekommen, die bei extremem Verlauf tödlich für Mutter und Kind enden kann. Oder mit einer Schädigung des Kindes wegen ungenügender Sauerstoffversorgung. Diese Störung (die auch bei jungen Frauen auftritt, wenn auch seltener) kann man allerdings schon im Vorfeld erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten. Auch ein mögliches Downsyndrom kann bei künstlicher Befruchtung mittels Präimplantationsdiagnostik (PID) sehr früh diagnostiziert werden.

In diesem Alter kann man jedenfalls nur auf eigene, private Kosten Mutter werden (die Kasse zahlt künstliche Befruchtungen nur bis 40 Jahre und Eispenden überhaupt nicht). Die 66-Jährige hat sich das alles selbst gezahlt und ist die Risken eingegangen (die sich, das muss man auch sagen, durch den Fortschritt der Medizin laufend verringern).

Die nach Mandeloperationen verstorbenen Kleinkinder waren überwiegend, wenn nicht zur Gänze, "Kassenpatienten". In einem, im letzten Fall, war die Rede von einer "schicksalhaften" Situation, weil eine Gefäßschwäche vorlag. Aber: Dieser Todesfall ereignete sich zu Hause, durch Nachbluten - wie komplett oder überwiegend die anderen auch. Im Spital wären die Blutungen eher bemerkt worden und beherrschbar gewesen. Es kam auch sofort Kritik auf, dass die Kinder zu früh nach Hause geschickt worden wären.

Wenn das so war, und danach sieht es aus, dann stellt sich die Frage, warum sie nicht ein paar Tage länger im Spital bleiben konnten. Eine mögliche Antwort könnte lauten: weil die Spitäler unter Spardruck stehen und Auftrag haben, die Aufenthaltszeiten aller Patienten möglichst kurz zu halten.

Korrekterweise muss man hinzufügen, dass die Praxis der Mandeloperationen von Kleinkindern vielleicht überdacht werden müsste; der zuständige Primar in Wr. Neustadt erklärte, er lasse nun keine Kinder unter sechs Jahren operieren, weil sie zu wenig Blutreserven hätten.

Aber wenn man operiert, wie es bisher Usus war, dann sollte man auch die zusätzlichen Krankenhaustage investieren, um solche Tragödien möglichst zu vermeiden.

Auch wenn der Begriff "Klassenmedizin" zu hart ist - die Diskrepanz zwischen der erfolgreichen Geburt nach einer Risikoschwangerschaft einer 66-jährigen Privatpatientin und den toten Kindern bei kassenfinanzierten Routineoperationen ist einfach zu auffällig. (Hans Rauscher/DER STANDARD-Printausgabe, 31.3./01.04.2007)

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