Burkina Faso: Sandschatten

1. April 2007, 15:00
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Bei einer Tour durch das Land hatte der Schrift­steller Martin Prinz Gelegenheit, ei­gene und andere Afrika­bilder zu überdenken

Ein Schrei. Gleich darauf noch einer. Dazu die rhythmische Schrittfolge von Militärstiefeln. Doch ehe man an irgendeine Gefahr denken kann, entpuppt sich das, was einen gerade aufweckt, auch schon als ein aus Rede und Gegenrede bestehender Lautgesang, den eine kleine, am Hotel vorbeiziehende Kompanie Soldaten durch die Gassen Bobo-Dioulassos, der zweitgrößten Stadt Burkina Fasos, schickt.

Unvermittelt, ganz so hatte in dem zwischen den feuchten Küstenländern im Süden Westafrikas (Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Benin) und den Ländern des Sahel und der Sahara im Norden (Niger, Mali) gelegenen Binnenland auch schon der Tag davor geendet.

Kurz vor halb sieben, als wir in zwei weißen Geländewagen der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) die staubigen Lateritstraßen durch die Savanne Richtung Bobo gebrettert waren. Plötzlich hatte sich die Sonne, die doch eigentlich noch ein gutes Stück über dem Horizont gestanden war, einfach in Luft aufgelöst.

Gespenstisch-weißliches Licht

In jener sandigen Luftschicht über dem Boden, die einem untertags zwar das Atmen schon immer schwerer gemacht hatte, der man das Kunststück, die Sonne einfach verschwinden zu lassen, deshalb jedoch noch lang nicht zugetraut hätte. Doch da wusste man eben auch noch nicht, welcher Schatten es in Wirklichkeit war, der das ganze Land um diese Tageszeit in dieses, vorher noch nie gesehene, gespenstisch-weißliche Licht getaucht hatte. Hell, doch ohne jede Farbe, schwarz-weiß: Der atomare Winter, vielleicht sähe der so aus, fragt sich der Bewohner eines westlichen Industrielandes in dieser Stunde vor dem eigentlichen Sonnenuntergang. Nur an den Schatten der Sahara, die sich Jahr für Jahr weiter gegen Süden hinein ins Land ausdehnt, denkt er dabei nicht.

Klischeevorstellung einer "afrikanischen Lebensfreude"

Tagsüber sind derart unheimliche Augenblicke schnell vergessen. Eigentlich schon beim Aufwachen, wenn sich einem anhand der morgendlich durch die Gassen gezogenen Soldaten doch wieder nur die Klischeevorstellung einer "afrikanischen Lebensfreude" aufgedrängt hatte. Oder wenn beim Besuch eines Savannendorfs die über der Feuerstelle rauchenden Töpfe mit Dolo, dem traditionellen Hirsebier, für die Kamera des mitreisenden Fernsehteams wie auch den eigenen Fotoapparat nur allzu schnell zum Hauptmotiv eines Lebensalltags werden.

Eines Alltags, der angesichts der vom Norden her immer beträchtlichere Teile des Landes einnehmenden Sahelzone auch am helllichten Tag in einem gespenstisch sandigen Schatten steht. Und so prekär dies gerade im traditionellen Agrar- und Viehzuchtland Burkina Faso die Lebensgrundlage von 80 Prozent der Bevölkerung macht, so beklommen reagiert man, wenn man anhand eines Gesprächs der TV-Gestalterin mit einem jungen Mädchen mitbekommt, dass diese junge Dorfbewohnerin von ihrem Vater erst kürzlich von der Schule genommen worden ist. "Warum?" - "Einfach so."

"Maria Metal"

Und ist schon nur zwei Stunden später von solcher zwangsläufigen Aussichtslosigkeit im umgekehrten Extrem gelandet, wenn man beim Besuch in der Werkstatt einer jungen, von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit geförderten Schweißerin alles nur unter dem Aspekt eines Vorzeigeprojekts sieht. Natürlich handelt es sich bei der Schweißerei der Mariam Coulibaly um ein solches. "Maria Metal", wie sich die zierliche Handwerkerin auf ihrer Visitenkarte nennt, erzeugt Eingangstore genauso wie Designer-Sessel, beschäftigt dabei bereits auch zwei junge Schweißer-Gehilfen. Und spätestens angesichts der Tatsache, dass mittlerweile 30 Prozent aller ländlichen Handwerksbetriebe im Norden und Westen Burkinas von dem OEZA-Projekt erfasst sind, würde auch der noch davor so unbestritten aufgetauchte Zynismus sich am liebsten im Boden verkriechen.

Entwicklungszusammenarbeit

Es war ein Berufsschulprojekt der Österreichischen Jungarbeiterbewegung, das 1960 den Beginn der Beziehungen zwischen Österreich und Burkina Faso (damals noch Obervolta) markierte. 1993 wurde Burkina Faso zu einem der Schwerpunktländer Österreichischer Entwicklungszusammenarbeit. Und neben der Vielzahl an Projekten zur Förderung der ländlichen Entwicklung ist es aufgrund dieser Vorgeschichte immer noch der Bereich Berufsbildung und technischer Unterricht, in dem die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit auch international als federführend gilt.

Baumwoll-Misere

Dass Burkina Faso in den einschlägigen Statistiken der UN immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt gezählt werden muss, liegt jedoch nicht allein an seiner geografischen und klimatischen Lage oder Faktoren wie der schlechten Infrastruktur, die etwa eine verstärkte Nutzung von Bodenschätzen wie der Goldvorkommen im Norden des Landes einschränkt. Darüber hinaus ist es nämlich schlicht und einfach die Wirtschaftpolitik der USA, die durch massive Subventionierung ihrer Baumwollfarmer jegliche Absatzchancen des einzigen Exportartikels Burkina Fasos, der nicht nur qualitativ besseren (Handpflückung), sondern auch billigeren Baumwolle am Weltmarkt untergräbt. Und den Aufbau einer eigenen Baumwollindustrie hat die Regierung Burkinas während der noch guten Baumwolljahre im vergangenen Jahrzehnt schlicht und einfach verpasst. Dem dafür verantwortlichen Präsidenten Blaise Compaoré verschaffte die Baumwoll-Misere 2003 dennoch einen Auftritt vor der WTO in Genf, der ihn mit seinem Appell für die Abschaffung aller Baumwollsubventionen einiges Ansehen gewinnen ließ. Aufgrund des Widerstands der USA ist die Situation für Burkina Faso jedoch unverändert geblieben.

Filmfestival FESPACO

Auch der Tourismus spielt in diesem Land mit seinen unzähligen Savannendörfern, Rinderherden und mühsam dem Boden abgerungenen Gemüse- und Baumwollfeldern trotz einiger Nationalparks noch keine besondere Rolle. Dennoch zieht die Hauptstadt Ouagadougou unzählige Besucher aus anderen Teilen Afrikas, aber auch Europas an, wenn das Panafrikanische Filmfestival FESPACO beginnt.

Klischees und Projektionen

Lohnend für jeden, der weiß, dass es immer wieder Gegenmittel braucht, um jenen Klischees und Projektionen zu entkommen, wie sie der europäische Blick auf den Nachbarkontinent so unentwegt erzeugt: Wirkung garantiert. Zum Beispiel angesichts der Reihe "Cine Mobil", die Filmprojektionen an Orte abseits des Zentrums Ouagadougous bringt, die sonst kein Kinofilm erreicht. Es war an dem vermutlich heißesten und angesichts des Sands in der Luft auch stickigsten Tags unseres Aufenthalts. Der Vorfilm lief bereits, als wir in dem Viertel ankamen: Buster Keaton als "Das Bleichgesicht" bei den Indianern - im Publikum dementsprechend lachende Begeisterung. Plötzlich, im hellen Schein der von den Projektoren an die große Leinwand geworfenen Bilder, die Erinnerung an das fahle Sonnenuntergangslicht des ersten Reisetags. Nur dass diesmal nichts darin verschwand. Nicht im Lachen über das arme, schreckhafte "Bleichgesicht", und genauso wenig im lauten Buhen danach, als die Werbung eines der FESPACO-Hauptsponsoren, Coca-Cola, begann.

Womit die Frage, wer hier wem etwas erzählte - Radio France International, das sich als Unterstützer der Cine-Mobil-Reihe im Lauf des Abends auch noch in einer Vielzahl an Eigenwerbungs-Spots präsentierte, den Menschen dieses Viertel, oder etwa umgekehrt -, zwar schon vor dem eigentlichen Hauptfilm beantwortet war. Die höfliche Stille, mit der die danach folgende französische Dokumentation über die Gefahren des Wassermangels quittiert wurde, versah dies jedoch noch mit einem überlauten Rufzeichen. (Martin Prinz/DER STANDARD/Rondo, Printausgabe, 30.3.2007)

Anreise: Von Wien über Paris mit airfrance.at.
Einreise: Visa bei der Botschaft Burkina Fasos (Prinz-Eugen-Straße 18/3a).
Amtssprache: Französisch.
Währung: 1 Euro = 656 CFA-France.
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    ... wenn das Panafrikanische Filmfestival FESPACO beginnt.

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