Verfolgung im Schatten des Urwalds

26. September 2007, 09:46
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Myanmar führt Krieg gegen die Minderheiten - und die Welt schaut weg - Tausende müssen ins angrenzende Nordthailand fliehen

Beginnt es hier, das Ende der Welt? Hier, an dieser Schranke in den Bergen Nordthailands, wo ein Soldat missmutig aus seinem staubigen Unterstand blickt? In der fiktiven Rangliste ungastlicher Orte hätte Mae Ra durchaus Chancen auf einen Spitzenplatz. Endlos zieht der Pick-up seine Staubfahne durch die Berge, kurvt über steile Wege, holprige Pisten und abschüssige Schotterstrecken. Immer neue, dichtbewachsene Bergketten tauchen aus dem Horizont.

Den Blicken der Welt bleibt Mae Ra konsequent verborgen - wie der Konflikt, der zu seiner Entstehung geführt hat. Über 10.000 Flüchtlinge leben in der Abgeschiedenheit des steilen Bergtals nahe der burmesischen Grenze. Fast elf Kilometer zieht sich das Lager den Fluss entlang. Alles ist hier aus Bambus: die Hütten, die Brücken, die Schulbänke und die Webstühle der Karen-Frauen. Auf den ersten Blick mutet der Ort fast beschaulich an. Zwischen den Hütten wachsen Bananen und Papayas, Bambuszäune schützen die liebevoll angelegten Kleingärten vor Enten und Hühnern. Doch der Schein trügt. Die Flüchtlinge sind der Verfolgung entkommen - doch die Freiheit bleibt ein Traum.

Die Registernummern des UNO-Flüchtlingshilfswerks an ihren Hütten erinnern sie täglich daran, dass sie hier nur geduldete Gäste sind. Die Regierung in Bangkok betrachtet sie als lästige Eindringlinge. Mae Ras einzige Attraktion ist ein staubiger Fußballplatz.

Er ersetzt Freizeitvergnügen, Fernsehen und Kino. Strom gibt es nur für wenige Stunden am Tag. Wenn um 21.00 Uhr die kleine Neonröhre in der Hütte erlischt, wird es rasch still im Lager. Kein Licht trübt den Blick in den klaren Sternenhimmel. Geräusche, die sich wiederholen: der Atem der Schlafenden, das Husten des Kindes von nebenan, das kurze Gebell streunender Hunde, der Wind in den Bambusblättern, das Rauschen des Flusses. Um vier schreckt der erste Hahnenschrei die Hühner auf, eine Stunde später legt sich der süßliche Holzrauch unzähliger Feuer über das kühle Flusstal. Der Bambusboden schwingt unter den Schritten der Frauen, die das Frühstück bereiten. In den Geruch von Rühreiern und Instantkaffee mischen sich die Stimmen der erwachten Kinder.

Überleben

Um sechs, wenn das Leben im Lager beginnt, ist das Tal noch in Dunkelheit gehüllt. Hier gleichen sich die Tage. Die Bewohner kennen nur eine Beschäftigung: ihr Überleben zu organisieren. In Mae Ra bestimmen weder Arbeitszeiten noch Termine den Alltag. Träume haben hier handfestere Konturen. Jeder sehnt sich nach Arbeit, die es nicht gibt. Jeder möchte das enge Tal verlassen, doch es ist ihm verboten. Die elfjährige Dawa mit ihren wachen Augen und ihrem entwaffnenden Lächeln ist hier geboren. Sie kennt nichts als die Welt des Lagers. Und die Chance, dass sie es in den nächsten Jahren verlassen kann, ist verschwindend klein. Mae Ra ist sauber und gut organisiert.

Es bietet Schulen und Berufsausbildung, aber keine Arbeit. Das wirksamste Rezept gegen Depression sind die 7000 lebhaften Kinder in den Kindergärten und Schulen des Lagers. Sie geben der Zukunft Sinn. Sie bringen Farbe in die Monotonie des Lagerlebens und lassen die Flüchtlinge ihre Ausweglosigkeit vergessen. Ihr Land liegt gleich hinter den Bergen. Doch die Menschen in Mae Ra können weder vor noch zurück. Dass ihr staubiges Lager weitab in den Bergen Thailands liegt, erleichtert der Welt das Wegsehen.

Eh Thu Hta liegt noch näher am Ende der Welt. Ein uralter Lkw-Motor treibt das schmale Boot flussaufwärts. Träg fließt der lehmfarbene Salwyn River durch dichte Vegetation. Am thailändischen Ufer ragen Hüttendächer aus dem Grün der Bananenstauden. Auf der burmesischen Seite erkennt man im Schatten der Bambuswälder vereinzelt die Silhouetten der KNU-Rebellen. Seit Jahrzehnten führen die Guerillakämpfer der Karen National Union einen aussichtslosen Kampf gegen die übermächtige Armee. Die von ihnen befreiten Gebiete beschränken sich meistens auf Uferzonen am Grenzfluss. Die Zahl der Minenopfer ist hoch.

Die Kämpfer der KNU sind mehrheitlich Christen. Sie bekennen sich zu den in Asien häufigen baptistischen Glaubensgemeinschaften. In den von ihnen kontrollierten Gebieten sind Drogen und Alkohol ebenso verpönt wie Scheidung und Ehebruch. Ihre Rivalen und ehemaligen Verbündeten von der Democratic Karen Buddhist Army (DKBA) gebärden sich weniger puritanisch.

Sie finanzieren ihre Waffen und Uniformen aus Drogengeldern und gelten als verlängerter Arm der burmesischen Armee. Eh Thu Hta liegt in einem von der KNU kontrollierten Gebiet am Ufer des Salwyn River. Wer vom Boot aufs sandige Ufer springt, den verfolgen hunderte schüchterner Blicke. Besucher haben hier Seltenheitswert. 2800 Flüchtlinge drängen sich in dem Hüttengewirr am Rande des Urwalds. Aus dem Unterholz tauchen täglich neue Familien auf. Ermüdet, traumatisiert, erschöpfte Kinder am Rücken und an der Hand.

Ethnische Säuberung

Ihre Schilderungen kennen alle Lagerbewohner aus eigener Erfahrung: Vertreibung, Plünderung, Brandstiftung, Vergewaltigung, Zwangsarbeit - die ethnische Säuberung durch Burmas skrupelloses Militärregime hat System. Die auf 450.000 Soldaten aufgeblähte Armee führt seit Jahren Krieg gegen das eigenes Volk. Mit dabei: das größte Kindersoldatenheer der Erde. Über 70.00 Kinder zwischen elf und 14 Jahren wurden in der "Aktion brave Sprösslinge" zwangsrekrutiert. 53 Prozent des Staatshaushalts zweigt das Militär für sich ab.

Im Krieg gegen die Völker der Karen (4,5 Millionen), der Shan (6 Millionen), der Arakan (2,5 Millionen), der Kachin und der Mon (je eine Million) und gegen die 153 Ethnien Burmas werden ganze Dörfer deportiert und zur Arbeit gezwungen. Bewohner werden vertrieben, Siedlungen niedergebrannt, Frauen vergewaltigt, Vorräte geplündert, Tiere fortgetrieben, Felder verwüstet und ganze Landstriche vermint.

Die Angst vor dem eigenen Volk hat die korrupte Junta dazu bewogen, den Regierungssitz von der Hauptstadt Yangun in die kleine Holzfällerstadt Pyinmana zu verlegen, die sich nun mit dem stolzen Beinamen Naypydaw schmücken darf - Stadt der Könige. Nicht von ungefähr - die Diktatoren gebärden sich tatsächlich wie Monarchen. So inszenierte General Than Shwe die Hochzeit seiner Tochter wie eine königliche Zeremonie.

Empörung über Video

Ein auf der Website YouTube veröffentlichtes Video sorgte weltweit für Empörung. Es zeigte die Tochter des Juntachefs übersät mit Diamanten, Edelsteinen und Perlen, während ihr uniformierter Bräutigam großzügig teuren Champagner in Gläser schüttete. Im weißen Kleid posierte Thandar She vor einem vergoldeten Bett mit purpurnem Baldachin. Die burmesische Zeitung Irrawaddy schätzte den Wert der Hochzeitsgeschenke auf fast 40 Millionen Euro - das dreifache Gesundheitsbudget des verarmten Landes.

Das Video löste besonders unter den Exil-burmesen Empörung aus - im Inland wird das Internet vom Militär streng kontrolliert. Ein kapillares Spitzelsystem denunziert jede missliebige Äußerung, nach UNO-Schätzungen sitzen über 1200 politische Gefangenen in den berüchtigten Gefängnissen des Landes. Folter gehört zur Tagesordnung. Zahlreiche Abgeordnete wurden zu Haftstrafen verurteilt, die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Sun Kyi verbringt ihr zehntes Jahr unter Hausarrest.

Doch den Weg in die internationalen Medien findet bestenfalls das exotische Hochzeitsvideo der Präsidententochter. Eine halbe Million Flüchtlinge lebt allein im thailändischen Distrikt Mae Sot - in Lagern oder als rechtlose Billigarbeiter mit Löhnen von 25 Euro im Monat. Häufig fehlt es am Notwendigsten - wie in Eh Thu Hta. Es herrscht Mangel an Lebensmitteln, Kleidern, Medikamenten, Moskitonetzen. Die Schule ist mit 400 Kindern überfüllt. Wie weitere 53 Flüchtlingsschulen wird sie von der auch in Österreich aktiven Hilfsorganisation "Helfen ohne Grenzen" finanziert. 50 Euro kostet es, einem Flüchtlingskind ein Jahr lang den Schulbesuch zu ermöglichen (www.helfen ohnegrenzen.org). Weitere 1000 Kinder warten in Eh Thu Hta noch auf ihre Chance.

Es sind Kinder, die keine Computerspiele kennen, die nie im Kino oder im Restaurant waren und die ohne Strom und fließendes Wasser aufwachsen. Kinder, deren Lachen ansteckt, deren Spontaneität entwaffnend wirkt und deren Neugier und Lernwilligkeit beeindrucken. Kinder wie jener kleine Bub, der in Eh Thu Hta lächelnd meine Hand ergriff und mich zum Boot begleitete. Der, während das Boot flussabwärts glitt, lebhaft mit beiden Armen von der Sandbank winkte - ein Abschied wie von einem seit Jahren vertrauten Freund. (Von Gerhard Mumelter/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 31.3./1.4.2007)

Gerhard Mumelter war Lehrer und Gastwirt und lebt seit zehn Jahren als freier Journalist und Korrespondent des STANDARD in Rom.

Nachlese
"Was hier geschieht, ist Völkermord"
Gabriele Schaumberger von "Helfen ohne Grenzen" derStandard.at- Interview über die Situation im Osten des Landes

  • Trügerischer Friede bei der Feier des Neujahrsfestes: Seit Jahrzehnten kämpfen
die Rebellen der Karen National Union einen aussichtslosen Kampf gegen
die burmesische Armee, die Minderheiten wie die Kachin skrupellos unterdrückt.
    foto: standard/mumelter

    Trügerischer Friede bei der Feier des Neujahrsfestes: Seit Jahrzehnten kämpfen die Rebellen der Karen National Union einen aussichtslosen Kampf gegen die burmesische Armee, die Minderheiten wie die Kachin skrupellos unterdrückt.

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