Revolution der Berührung

2. April 2007, 19:22
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Christof Loy inszeniert Händels "Giulio Cesare in Egitto" im Theater an der Wien - Ein Gespräch über Aggressionen und die Inspiration durch die Rhetorik der Noten

Wien – Ein Regisseur und sein Motto: "Es interessiert mich, wo wir herkommen, wohin wir gehen sollen." Christof Loy auf existenzieller Spurensuche also – auch bei Händels Giulio Cesare in Egitto.

"Es geht mir um die Frage: Wo bin ich selbst ‚Kaiser‘, ‚Herrscher‘ – über mich selbst oder andere? Das fängt im Kleinen an, im Alltag spielen sich diese Machtkämpfe ab. Wie gehe ich mit Verantwortung um, wenn man mir vertraut. Mein erster Anknüpfungspunkt war Caesar, eine Figur, die aufgrund ihrer politischen Funktion Verantwortung als Herrscher hat. Händels Oper steht auf den ersten Blick in der Tradition von Werken, die sich mit dem Begriff ‚education de prince‘ auseinandersetzen. Dieses Thema ,Erziehung eines Prinzen‘ ist aber nicht das einzige." Die Balance zwischen Emotion und Intellekt zu finden, das sei das Reizvolle an der Situation. "Das Gefühl ist für vieles ein Gradmesser. Was macht aber der Kopf, wo muss er in das Gefühl korrigierend eingreifen, um Aggression auszugleichen?" Aggression und Rache seien in der Oper von Beginn an präsent, so Loy.

"Es gibt zwei Formen von Rachegefühlen. Da ist einerseits Caesar mit seinem Gefühl für den geachteten Gegner Pompejus, das rasch auf eine politische Ebene wechselt. Auf der anderen Seite steht Sextus mit seinen privaten Gelüsten, die Ermordung seines Vaters Pompejus zu rächen. Die Frage lautet: Wo hat man Figuren, die nach gesellschaftlichem Konsens handeln?"

Aus diesem Wechselspiel zwischen Etikette und Wagnis ergeben sich für Loy zwei Lebensmuster. "Bei Caesar zeigt sich ein komplexer Vorgang. In der Begegnung mit der geheimnisvollen Lydia, der verkleideten Cleopatra, muss er sich auf Neues einlassen, wodurch alte Einstellungen aufbrechen. Sextus hingegen steht als warnend dafür, wie die Suche nach der eigenen Position, durch die Erfüllung eines vermeintlichen gesellschaftlichen Auftrages, den Aktions- und Erlebnisradius derart reduziert, dass am Ende nur Leere bleibt."

Auch die Beziehung zwischen Caesar und Cleopatra entwickelt sich in diesem Netz aus Aggression und Emotion. "Caesar begegnet Cleopatra erstmals in dem Augenblick, da er seine Macht zu relativieren beginnt, sich selbst als Körnchen im Getriebe des Universums versteht. Das Machtgebaren zwischen den beiden findet zunächst auf erotischer Ebene statt. Er sieht in ihr ein ‚Kapitel im Abenteuerurlaub‘, sie hat nur das politische Kalkül im Sinn."

Hilfe durch Noten

Das Spiel mit Liebe und Verführung setze erst "nach und nach ein – fast wider Willen. Denn beide wissen um die Gefahr der Emotion angesichts ihrer politischen Position."

Theatermachtkämpfe zwischen Musik und Regie habe es nicht gegeben, so Loy. Im Gegenteil. Dirigent René Jacobs habe ihn auf eine wesentliche Fährte gesetzt. "Er hat darauf hingewiesen, dass auch in der Notation musikdramatisches Potenzial steckt, dass es gilt, aus den Noten rhetorische Formeln herauszuarbeiten. Die Auseinandersetzung mit der Form schafft Freiheit. Als ich dieses Prinzip entdeckt hatte, war ich richtig pingelig. Jacobs hat gemeint: ‚Jetzt wirst du noch genauer als ich.‘"

Die Musikinfos aus dem Graben haben Loy ermutigt, optische Infos zu reduzieren. "Ich bin von einem choreografischen Gefühl ausgegangen: Körper im Raum als Brennpunkte der Handlung. Ich erzähle von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Diese Suche isoliert, führt zu Identitätsverlust, es gibt keine natürliche Kommunikationsebene mehr. Diese Isolation sollte sich auch in einem Raum der Verlorenheit und Haltlosigkeit spiegeln. Wenn die Figuren dann auf einander zugehen, einander berühren, dann ist das eine Revolution." 3. April, 19.00 (Petra Haiderer / DER STANDARD, Printausgabe, 31.3./1.4.2007)

  • Christof Loy über Händels Opernfiguren: "Caesar sieht in Cleopatra so etwas wie ein ‚Kapitel im Abenteuerurlaub‘, sie hat nur das politische Kalkül im Sinn."
    foto: hösl

    Christof Loy über Händels Opernfiguren: "Caesar sieht in Cleopatra so etwas wie ein ‚Kapitel im Abenteuerurlaub‘, sie hat nur das politische Kalkül im Sinn."

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