"Misstrauen bei Nahrung nimmt zu"

31. März 2007, 11:22
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Die Ernährungshotline der Stadt Wien ist eine Art Seismograf in Sachen Lebensmittel. Der STANDARD befragte Martin Hofer, den Leiter dieser Einrichtung

STANDARD: Die Wiener Ernährungshotline gibt es jetzt seit rund 15 Jahren. Haben Sie in dieser Zeit Änderungen festgestellt, was die Fragen der Konsumenten betrifft?

Hofer: Am Anfang drehten sich die Fragen darüber, was es bedeutet, wenn die Milch sauer wird oder wie man Wurst herstellt, Lebensmittelkundliche Fragen also. Das hat sich mittlerweile geändert, jetzt stehen Fragen rund um ausgewogene und richtige Ernährung im Vordergrund. Deshalb haben wir die ernährungswissenschaftliche Kompetenz erweitert. Wir haben etwa auch eine Diätologin mit an Bord.

STANDARD: Was passiert bei Lebensmittelskandalen? Laufen die Telefone heiß?

Hofer: Es sind nicht alle Lebensmittelskandale auch wirkliche Skandale. Wenn in den Medien über irgendetwas zu Ernährung berichtet wird, wird dazu sofort angerufen, wie etwa bei der Meldung über Pestizide in Paprika.

STANDARD: Ist so etwas denn kein Skandal?

Hofer: Die Pestizide, die in Paprika gefunden wurden, lagen unter den zugelassenen Höchstmengen. Das ist für mich kein Skandal. Ein Skandal ist, wenn jemand vergammeltes Hühnerfleisch bewusst umpackt und dann weiterverkauft.

STANDARD: Es besteht also anscheinend ein besonders hoher Aufklärungsbedarf bei diesen Themen.

Hofer: Darauf reagieren wir natürlich. Bei immer wiederkehrenden Fragen wird das auf die Homepage von wien.at/lebensmittel gestellt. Und für Leute, die kein Internet haben, werden Broschüren hergestellt. Die Mehrheit der Interessierten sind in unserem Bereich ältere Personen und Senioren, die oft keinen Internetzugang haben. Deshalb gehen wir auch auf Veranstaltungen wie den Seniorentag.

STANDARD: Fragen rund um Gentechnik, Nahrungsergänzungsmittel oder Kennzeichnung kommen auch?

Hofer: Natürlich. Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Lebensmittel und Lebensmittelqualität steigt; die Verunsicherung wird größer. Besonders in der älteren Bevölkerung, die vielleicht von früher anderes war und mit der modernen Lebensmittelproduktion nicht vertraut ist. Das ursprüngliche Konzept der Hotline ging in Richtung gesunde, ausgewogene Ernährung. Jetzt bekommen wir Fragen zu Gesundheit und Fragen mit Krankheitsaspekten wie Allergien. Fragen zu Allergien nehmen überhaupt besonders stark zu. Wir sind da mitunter auch eine Kummernummer und können nur an den praktischen Arzt verweisen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.3./1.4.2007)

Zur Person
Martin Hofer (44) hat Veterinärmedizin studiert und ist Fachtierarzt für Lebensmittel. Als Leiter des Wiener Lebensmittel- und Ernährungsservice der MA 38 der Stadt Wien ist er für die stadteigene Ernährungshotline 4000-8038 zuständig.
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    Die deutschen Lebensmittelchemiker hatten im Vorjahr einiges zu tun: Im so genannten "Gammelfleisch-Skandal" wurden Dutzende Fälle bekannt, bei denen bereits vergammeltes Fleisch umgepackt und wieder verkauft wurde.

  • Martin Hofer: "Die Verunsicherung wird größer, besonders in der älteren Bevölkerung."
    foto: standard/fischer

    Martin Hofer: "Die Verunsicherung wird größer, besonders in der älteren Bevölkerung."

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