"ORF.at ist ein nettes Monster" - Manola im Interview

26. September 2007, 15:37
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Franz Manola verlässt mit Samstag die Onlineplattform des ORF und will "wieder etwas Neues aufbauen"

"ORF.at ist heute ein nettes Monster, ein Viertel der österreichischen Bevölkerung konsumiert es als tagesaktuelle Primärinformation": Franz Manola hat die Onlineplattform der Anstalt erfunden und zu einem der größten Infoportale des deutschsprachigen Raums gemacht. Vor seiner Ablöse dieses Wochenende sagte er dem STANDARD: "Mir fällt nicht ein, wie man das toppen könnte, also möchte ich lieber wieder was aufbauen." Was, dazu schweigt Manola. Er hat ein Rückkehrrecht aus der Onlinetochter in die Anstalt.

ORF-General Alexander Wrabetz will ihm die Strategie für hoch auflösendes Fernsehen (HDTV) übertragen. Manola: "Ein nationaler TV-Anbieter wie der ORF könnte zur Not ohne Online-und ohne Handy-TV-Angebot auskommen. Aber wenn er seinen Kernauftrag verspielt – das plausible Bespielen des großen Wohnzimmer-Bildschirms - "muss er zusperren." Hartnäckig halten sich Gerüchte, Manola soll krone.at weiterentwickeln.

Dazu könnte seine Perspektive für Österreichs Onlinemarkt passen: "Was ernsthafte Medienangebote betrifft, kann der jetzige Zustand so nicht stehen bleiben, das sage ich jetzt als Staatsbürger, nicht als ORF-Mensch. Es muss außer derStandard.at und ORF.at weitere relevante Medien-Plattformen geben, und das wird zu schaffen sein. Es wäre demokratiepolitisch verheerend, wenn wir nicht das notwendige Minimum an Pluralismus auch im Netz herstellen. Da helfen auch die oft beschworenen Blogger nicht."

Seinem ORF.at-Nachfolger Karl Pachner "wird jetzt viel Ballast auf den Flieger gepackt, aber die erreichte Flughöhe müsste ausreichen, um auch dann noch an der Spitze der österreichischen Medienangebote im Netz zu bleiben."

Manola geht wegen unüberbrückbarer Konflikte mit dem neuen Onlinedirektor Thomas Prantner, der nun unter anderem die "ZiB 1" ins Netz stellt. Manola ging es um ein "eigenständiges Multimedium, das Video- und Audio-Logik selbst suchen muss, statt TV-und Radioangebote durchzureichen, die in einem anderen Kontext entstehen. Dazu brauchts keiner Online-Direktion, da reicht ein Abwicklungstechniker, dem bei der Arbeit ziemlich fad werde würde."

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DER STANDARD: Sie haben dem ORF das größte Infoportal gegründet und aufgebaut, eines der größten des deutschsprachigen Raums. Wie weh tut es, sich vom Baby zu trennen?

Manola: Wer die Wertschätzung kennt, die Frau Doktor Lindner und ich uns wechselseitig entgegenbringen, erahnt, dass ich auf wundersame Art fünf Jahre geliehener Zeit hinter mir habe. Damals hätte es weh getan, weil ich den Job noch nicht für abgeschlossen angesehen habe.

Jetzt wird es höchste Zeit. Zehn Jahre sind immer genug, egal wie die Aufgabe lautet. ORF.at ist heute ein nettes Monster, ein Viertel der österreichischen Bevölkerung konsumiert es als tagesaktuelle Primärinformation. Mir fällt nicht ein, wie man das toppen könnte, also möchte ich lieber wieder was aufbauen.

DER STANDARD: Wie wird der österreichische Onlinemarkt in fünf Jahren ausschauen?

Manola: Google wird weiter an der Spitze sein, wie auf jedem anderen nationalen Onlinemarkt der Welt auch, China ausgenommen. Das ist für mich fix. Alles andere wird sich zeigen. Wir stehen da erst am Ende des Anfangs der Entwicklung. Was ernsthafte Medienangebote betrifft, kann der jetzige Zustand so nicht stehen bleiben, das sage ich jetzt als Staatsbürger, nicht als ORF-Mensch. Es muss außer derStandard.at und ORF.at weitere relevante Medien-Plattformen geben, und das wird zu schaffen sein.

Es wäre demokratiepolitisch verheerend, wenn wir nicht das notwendige Minimum an Pluralismus auch im Netz herstellen. Da helfen auch die oft beschworenen Blogger nicht, im Gegenteil, man weiß heute, dass eine blühende Blogging-Szene auf eine Vielfalt an klassischen Medien als Hinterland angewiesen ist.

DER STANDARD: Wo sehen Sie ORF ON in fünf Jahren?

Manola: Meinem Nachfolger wird jetzt viel Ballast auf den Flieger gepackt, aber die erreichte Flughöhe müßte ausreichen, um auch dann noch an der Spitze der österreichischen Medienangebote im Netz zu bleiben.

DER STANDARD: Sie wollten die Vorstellungen des neuen Onlinedirektors nicht mittragen, ORF ON enger mit Radio und Fernsehen zu verknüpfen und Bewegtbilder im Netz zu verstärken. Was stört Sie so daran - und offenbar eine Reihe weiterer leitender Mitarbeiter?

Manola: Mich stört daran, dass es nicht wahr ist. ORF.at von Anbeginn mehr Video und Audio erfolgreicher ins Netz gebracht als irgendwer sonst in diesem Land. Ich erinnere nur an die "Taxi Orange"-Webcasts rund um die Uhr, an "Starmania", wo wir den Auftritt von mehr als 2500 Bewerber zugänglich gemacht haben, an die Ö3-und FM4-Podcasts, die die iTunes-Hitparade konstant anführen.

Wir haben den Gesetzesauftrag so interpretiert, dass hier ein eigenständiges Multi-Medium aufgebaut werden muss, das seine Video- und Audio-Logik selbst suchen muss, statt Fernseh-und Radioangebote durchzureichen, die in einem anderen Kontext entstehen. Dazu brauchts nämlich keine Online-Direktion, dazu reicht ein Abwicklungstechniker, dem bei der Arbeit ziemlich fad werde würde.

DER STANDARD: War die Eigenständigkeit von ORF ON gegenüber dem ORF nicht wesentlicher Beitrag zum Erfolg, insbesondere bei jüngeren Usern?

Manola: Das ORF-Fernsehen der vergangenen Jahre wurde, bildlich gesprochen, in einen Trachtenanzug gesteckt. Es wurde, von wenigen Format-Oasen abgesehen, so getan, als wäre Österreich ausschließlich ein retro-rurales Land mit dem Hipness-Faktor Null. Ist es aber nicht. Große Teile unseres Publikumspotentials empfinden urban, globalistisch, modern, nicht nur die Jungen.

Wenn man diesem Teil Österreichs und seinen Sensibilitäten glaubwürdig ein ORF-Angebot machen wollte, dann konnte man das nur in einer gewissen hygienischen Distanz zur Brauchtums-Pflege des Küniglbergs tun. Das haben wir getan, das hat auch das ORF-Radio getan. Paradoxerweise muss das neue ORF-Fernsehen jetzt auf unseren Spuren folgen - das war ja in ihrer Substanz die berechtigte SOS-ORF-Forderung: Macht Fernsehen für alle Österreicher, nicht bloß für die deklariert Scholle-Fixierten.

DER STANDARD: Ihnen wurde von manchen im Haus vorgeworfen, bei ON den Fortschritt zu blockieren mit der Aversion gegen Bewegtbild. Nun wünscht sich der ORF-General, dass Sie der gesamten Anstalt den Anschluss an das HDTV- Zeitalter organisieren.

Manola: Ich habe meine Jugend im Filmmuseum verbracht, ich hab dort praktisch gewohnt. Später war ich jahrelang Filmkritiker. Ich hab nicht nur keine Aversion gegen das Bewegtbild, es ist eine der großen Obsessionen meines Lebens, das nur nebenbei. Ich glaube, dass ein großer, nationaler Fernsehanbieter wie der ORF zur Not ohne Online- und ohne Handy-TV-Angebot auskommen könnte. Aber wenn er seinen Kernauftrag verspielt - und das ist das plausible Bespielen des großen Wohnzimmer-Bildschirms -, zusperren muss. Und das wird in den kommenden Jahren ein immer größer werdender Flachbildschirm sein, der eine ästhetische und produktionstechnische Revolution des Fernsehens erzwingen wird. Da reicht es nicht, auf 16 zu 9 umzustellen.

DER STANDARD: Machen Sie den Job als HDTV-Stratege?

Manola: Das hängt ausschließlich von Alex Wrabetz ab. Ich mag ja manchmal ein Elefant im Porzellanladen sein, aber weiß bin ich nicht. (fid/DER STANDARD; Printausgabe, 31.3./1.4.2007)

  • Franz Manola verlässt mit Samstag die Onlineplattform des ORF 
und will danach "wieder etwas Neues aufbauen".
    foto: privat

    Franz Manola verlässt mit Samstag die Onlineplattform des ORF und will danach "wieder etwas Neues aufbauen".

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