Globalisierung gut, Globalisierung böse - war's das?

27. Juli 2000, 08:31

Von Brigitte Granville

Wege aus der Armutsfalle

Nach dem - wie stets - von Protestaktionen begleiteten G-7-Gipfel in Okinawa: Versuch, die "ideologische Verkalkung" in der Endlos-Debatte um ökonomisches Wachstum vs. soziale Gerechtigkeit zu lösen.

Nur wenige Diskussionen verlaufen so schematisch - und ideologisch verkalkt - wie jene über ökonomisches Wachstum und soziale Gerechtigkeit. Natürlich ist Wachstum keine Garantie dafür, dass materieller Wohlstand gerecht - geschweige denn "gleich" - verteilt wird. Aber glaubt vielleicht jemand ernsthaft, sinkende Einkommen würden der Welt mehr Gerechtigkeit bringen ...?

Weder die Intensität dieser Argumente noch Berge von ausgeklügeltem Datenmaterial können mich von dem Gefühl befreien, dass diese Debatte festgefahren und verkümmert ist: Sie ist festgefahren, weil sich über die Feststellung hinaus, dass Wachstum eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung zur Verringerung von Armut ist, unsere Vorstellung über diese Sache im Laufe der Jahre wenig geändert hat. Und sie ist verkümmert, weil diese Argumente zwei elementare Dinge ausblenden.

Was ist "gerecht"?

Erstens fehlt eine eindeutige Aussage, wie man Gerechtigkeit messen kann und vor allem in welcher Form bestimmte Phänomene - sagen wir mal, Kinderarbeit und Hunger, unmittelbar zusammenhängen.

Das zweite fehlende Element ist die Bedeutung nicht materieller Faktoren bei der Bewertung der Güterverteilung - sowohl in reichen als auch in armen Ländern.

All diese abgestandenen Argumente wurden letzte Woche auf dem G-7-Gipfel in Okinawa einmal mehr wiedergekäut. Konventionelle Ökonomen und Politiker hatten keine Schwierigkeiten darzulegen, dass die Errichtung und Entwicklung eines geordneten, offenen Welthandelssystems neuen außerordentlichen Wohlstand schaffen würden. Derartige "Beweise" aber beeindruckten ihre Gegner nur wenig, die lautstark behaupten, dass die Globalisierung Armut und Ungleichheit verschärft und gleichzeitig Gesellschaften und Umwelt ruiniert.

Die beste Antwort an solche Querulanten besteht nicht darin, sich zurückzuziehen, sondern darin, jene im Welthandelssystem weiterhin bestehenden Verzerrungen zu beseitigen, indem sich die Märkte reicher Länder wettbewerbsfähigen "Low-Tech"-Importen aus armen Ländern vollständig öffnen. Die reichen Länder jedoch, allen voran die USA und jene der EU, fürchten, dass die Konkurrenz der Entwicklungsländer, die auf billige Arbeitskräfte zurückgreifen können, zu einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit führen wird.

Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Die reichen Länder instrumentalisieren die von den Gegnern der Globalisierung thematisierten Probleme, wie dem der Arbeitsbedingungen in armen Ländern - all diese Bilder ausgebeuteter Frauen und Kinder in Sklavereibetrieben! - für eine Form des Protektionismus mit anderen Mitteln.

Teufelskreis?

Die Argumentation für eine stärkere Handelsliberalisierung der Reichen scheinen indes unwiderlegbar. Handelsliberalisierung verringert nicht die Arbeit, sondern ändert stattdessen die Beschäftigungsstruktur und erhöht die Leistungsfähigkeit der gesamten Wirtschaft. Es besteht sicherlich in solchen Sektoren wie der Landwirtschaft oder der Textilindustrie kurzfristig das Risiko eines Wachstumsrückgangs. Reiche Länder sollten aber - dank ihres Ausbildungsniveaus und des darauf basieren Know-hows - in der Lage sein, sich neue komparative Vorteile zu verschaffen für das, was sie produzieren. Denn Innovation schafft Wohlstand und Arbeitsplätze, trotz - oder eher wegen - der Konkurrenz armer Länder. Und mehr Wohlstand in reichen Ländern hilft den Armen, da die Nachfrage nach ihren Waren steigt.

Dieser segensreiche Kreislauf wird von den Gegnern der Globalisierung tatsächlich als Teufelskreis betrachtet, begünstige er doch die Ausbeutung der Armen und Schwachen. Und genau hier stellt sich die Frage nach den universellen Prinzipien von Gerechtigkeit und Menschenrechten.

Zweifellos gibt es gute Argumente für eine universelle Anwendung ethischer Werte. Wenn Kinderarbeit nicht in Ordnung ist, dann ist sie niemals in Ordnung. Es ist jedoch einfach, die Schwächen einer derartigen edlen Gesinnung - wenn es denn eine solche ist - aufzuzeigen. Nehmen wir mal als Beispiel die Sittlichkeit des Krieges. Alle anständigen Menschen stimmen darin überein, dass Krieg etwas Schlimmes ist. Pazifisten sagen, er sei ein absolutes, niemals zu rechtfertigendes Übel. Die meisten Menschen jedoch meinen, dass Kriege hin und wieder als kleineres Übel gerechtfertigt werden können.

So verhält es sich auch mit Kinderarbeit in armen Ländern. Niemand befürwortet sie, selbst wenn Kinder bei guten Arbeitsbedingungen für einen fairen Lohn arbeiten. Kinder sollten nämlich die Schule besuchen. Wenn allerdings die Alternativen Hunger oder von ihren Familien verlassene Kinder sind, wird Kinderarbeit möglicherweise im Rahmen einer Politik tolerierbar, bei der wirtschaftliches Wachstum mit dem festen Willen einhergeht, die Früchte dieses Wachstums zur Verminderung der Armut und zur Förderung sozialer Gerechtigkeit zu nutzen.

Win-win-Situation

Und wie steht es mit der Armut in jenen Regionen, in denen es einen grundlegenden Mangel an materiellen Gütern fast nicht mehr gibt? Im behüteten, beschützten und überorganisierten Westeuropa ist die hohe Arbeitslosigkeit in ein großzügiges System sozialer Sicherheit eingebettet. Aber spiegelt die im Vergleich zu Großbritannien oder den USA geringere Ungleichheit wirkliche Gerechtigkeit wider? Arbeitslosigkeit inmitten von Überfluss führt zu Leid, das keine Statistik erfassen kann ...

Ich behaupte daher: Ein breiteres Verständnis von Armut im Westen wäre hilfreich bei der Verminderung von Armut in den Ländern, in denen sie am bittersten ist: Schlankere Wohlfahrtsstaaten würden nicht nur zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit in reichen Ländern beitragen, sondern auch die Motivation vermindern, die Zahl immigrierender Arbeiter und Studenten aus armen Ländern - die von Finanz- und Know-how-Rückführung profitieren würden - zu begrenzen.

Diese Situation, bei der Arme wie Reiche nur gewinnen können, ist eine größere Hoffnung für die Linderung von Armut als die Fortsetzung einer nahezu gedankenlosen Debatte über die Globalisierung und deren Gefahren.

Brigitte Granville ist Chefin der Abteilung Internationale Ökonomie am Royal Institute for International Affairs (RIIA), London; der Artikel gibt ihre persönliche Meinung wieder, die nicht notwendigerweise mit jener des RIIA übereinstimmt. Project Syndicate

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