Riesenstausee wird Dörfer und Ausgrabungsstätten im Sudan vernichten

31. März 2007, 17:47
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60.000 Menschen müssen ihre Dörfer und ihr Ackerland verlassen

Merowe - Es ist ein grünes, fruchtbares Nil-Tal mit vielen kleinen Dörfern - doch in wenigen Monaten wird es am Grund eines gigantischen Stausees liegen. Der von einem chinesischen Konsortium errichtete Merowe-Staudamm im Norden des Sudan soll die Energieproduktion des afrikanischen Landes verdoppeln, doch er wird traditionelles Siedlungsgebiet und unzählige archäologische Schätze für immer unter Wasser setzen.

An dem Projekt ist auch die deutsche Consultingfirma Lahmeyer beteiligt. Kritik eines Schweizer Instituts an der Arbeit der Deutschen weist das Unternehmen unter Hinweis auf die Bedeutung des Staudamms für die Entwicklung des Sudan zurück.

Umsiedlung

Sechs Jahre lang wird das Wasser sich stauen, bis der See seinen endgültigen Umfang von 175 Kilometer Länge und vier Kilometer Breite erreicht hat. 60.000 Menschen müssen ihre Dörfer und ihr Ackerland verlassen. Einer von ihnen ist Chalifa Omar Ali aus dem Dorf Amri. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das Land, das mein Großvater gekauft hat, und das Haus, in dem ich vor 38 Jahren geboren wurde, am Grund eines Sees enden sollen." Doch ein paar Kilometer entfernt zeigt das Dorf Argu, dass es den Behörden ernst ist mit der Umsiedlung. Eine erste Flutwelle fegte im August über das Dorf, seither haben Bulldozer die Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Nur ein Minarett und einige Gebäude ragen noch aus dem Schutt.

Kritik am neuen Boden

Ein paar Hundert Familien sind schon umgezogen - entweder in provisorische Zeltlager oder in die vier neuen Dörfer, die die Behörde bisher Dutzende Kilometer von den alten Siedlungen entfernt errichtet hat. Doch von fruchtbarem Land wie in ihrem angestammten Tal kann dort keine Rede sein. "Wir bauen doch hier Tomaten und Bohnen an. In dem neuen Dorf Amri el Gedida ist das unmöglich", sagt Mohammed Ibrahim, dessen 13-köpfige Familie bis August weichen muss.

Kaum Widerstand

Ansätze zum Widerstand gibt es bisher nur beim Stamm der Manasir, der seit Jahrhunderten in der Merowe-Region lebt. Völker wie Hamdab oder Amri sind auch in anderen Gebieten vertreten. Aber die Kultur der Manasir gibt es nur hier - und sie wird mit dem Stausee weggespült. Ali Askuri, ein Manasir und Chef eines für die Betroffenen eingerichteten Büros, beklagt vor allem, dass es zwischen den Behörden und den am Projekt beteiligten Firmen keinerlei Absprache gibt. Das chinesische Konsortium CCMD beschäftigt Schätzungen zufolge rund 5.000 Arbeiter an dem gut bewachten Bauprojekt, jedoch laut Askuri keinen Einheimischen.

Umstrittene Umweltfolgen

Obendrein sind die Folgen des Projekts für die Umwelt umstritten. Der Merowe-Damm wird Sudans Energieproduktion verdoppeln und bleibt dabei mit seinem Stauvolumen innerhalb der 18,5 Milliarden Kubikmeter, die dem Land in einem Vertrag über die Nutzung des Nils mit Ägypten im Jahre 1959 zugesprochen wurden. Die für den Merowe-See errechnete Lebensdauer von 150 Jahren wird von Experten des Schweizer Wasserforschungsinstituts EAWAG als zu niedrig kritisiert. Eine EAWAG-Studie wirft der deutschen Firma Lahmeyer vor, ihre Umweltverträglichkeitsanalyse aus dem Jahr 2002 habe "internationalen Standards bei weitem nicht entsprochen".

Der zuständige Bereichsleiter bei Lahmeyer, Egon Failer, weist darauf hin, 150 Jahre Lebensdauer seien für einen solchen See erheblich. Die Schweizer lehnten grundsätzlich Wasserkraft-Projekte ab und seien deshalb so kritisch, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. "Für die zukünftige Entwicklung des Sudans auf dem Gebiet der Landwirtschaft und der Energieerzeugung wird das Merowe-Projekt eine Schlüsselstellung einnehmen", sagte Failer.

Ausgrabungsstätten

Für die Archäologie bedeutet der Bau des Stausees, dass umfangreiche, unerforschte Ausgrabungsstätten für immer unter dem Wasser verschwinden. Immerhin hat die sudanesische Regierung kurz vor dem Startschuss für den Bau des Dammes ein archäologisches Rettungsprojekt in Gang gesetzt, bei dem jetzt erstmals Teams aus aller Welt in einem Wettlauf gegen die Zeit versuchen zu retten, was noch zu retten ist. (APA)

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