Kopenhagen: Christiania ist am Ende

3. April 2007, 11:47
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Bürgersiedlung statt Hippie-Enklave - Im vierten Jahrzehnt ihres Bestehens steht die Freistadt vor dem Abriss

Kopenhagen - Neben dem Café "Woodstock" stehen ein paar Dealer und ihre Kunden und genießen im Rausch die Frühlingssonne. Im Café sitzen in die Jahre gekommene Autonome gemütlich beim ersten Bier. Durchschnittsalter: 40. Christiania wirkt gealtert.

Bald soll Schluss sein mit der Freistadt in Kopenhagen. So will es Dänemarks bürgerliche Regierung. Eine normale Wohnsiedlung soll hier entstehen, ohne Hippies. Die Regierung fordert eine "freiwillige Normalisierung". Spätestens am 1. April will der liberale Finanzminister Thor Pedersen einen Beschluss von den Bewohnern bekommen haben. 632 der rund tausend "Christianiten" dürfen ihre Stimme abgeben. Laut Umfrage ist die überwiegende Mehrheit für den Verkauf.

Kommt es am Sonntag zu einem "Ja", werden auf zwei Dritteln der 20.000-Quadratmeter-Fläche staatliche Mietshäuser gebaut werden. Die Bewohner, deren heutige Häuser abgerissen werden, dürfen in einem Teil der neuen Gebäude einziehen. Das restliche Areal soll zum großen Ärger der Autonomen in Privatbesitz übergehen. Bisher galt in Christiania, dass niemand Wohnraum privat besitzen darf. Der Baufonds "Realdani" versprach den Bewohnern immerhin Mitbestimmungsrechte, wenn auch nur eingeschränkte.

Die meisten Christianiter haben schon aufgegeben, frustriert von der Unnachgiebigkeit der Politiker. Auch wenn sie mit "Nein" stimmen, haben sie eigentlich schon verloren. Denn dann wird die Regierung die "Normalisierung" in eigener Regie unternehmen.

Gewalt in Aussicht

Gewalttätige Proteste wie beim Abriss des Jugendhauses im Februar will in Christiania niemand ausschließen. "Es ist verrückt, hier eine stinknormale Bürgersiedlung zu errichten. Wir werden alles tun, damit Christiania erhalten bleibt", sagt Jay, der als Künstler arbeitet.

Schon lange sind Christiania und der offene Handel mit Cannabis der bürgerlichen Regierung unter Premier Anders Fogh Rasmussen und der indirekt an ihr beteiligten rechtsextremen Dänischen Volkspartei ein Dorn im Auge. Seit sie Ende 2001 an die Macht kam, wurde die Freistadt immer mehr unter Druck gesetzt.

"Christiania", das weltweit bekannteste Vorzeigeprojekt für alternatives Wohnen, wurde 1971 von Aussteigern, Hippies, Musikern und Künstlern gegründet. Die meisten Christianiter arbeiten aber inzwischen in Kopenhagen und bezahlen auch ihre Steuern an den Staat. Hinzu kommt eine kleinen Abgabe für die Selbstverwaltung der Freistadt.

Früher war die Freistadt die Touristenattraktion Nummer eins in Kopenhagen. Seit aber der offene Cannabismarkt völlig weg ist, kommen immer weniger Touristen. "Das ist traurig. Das zeigt, dass die meisten Leute nur wegen der Drogen gekommen sind und nicht wegen der Freistadt, der Kultur und der Lebenseinstellung hier", sagt die 34-jährige Anwohnerin Anna und resümiert weiter: "Junge engagierte Leute, die der Freistadt neue inhaltliche Impulse geben, fehlen. Vielleicht ist es einfach Zeit für etwas Neues." (André Anwar, DER STANDARD - Printausgabe, 30. März 2007)

  • Die originale Atmosphäre in Kopenhagens Freistadt Christiania soll bald der Vergangenheit angehören, geplant ist, zum Ärger der Bewohner, eine normale Siedlung.
    foto: andré anwar

    Die originale Atmosphäre in Kopenhagens Freistadt Christiania soll bald der Vergangenheit angehören, geplant ist, zum Ärger der Bewohner, eine normale Siedlung.

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