ORF 1 unterbietet Privatsender

20. April 2007, 15:30
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Die Medienbehörde stellt in einer Studie dem ORF ein schlechtes Zeugnis aus: Sie vermisst öffentlich-rechtliche und österreichische Inhalte

Keine zwei Wochen bevor ORF-General Alexander Wrabetz das Programm runderneuern lässt, präsentierte die Rundfunk- und Telekomregulierung RTR ihre erste umfassende Programmanalyse von ORF 1, 2 und ATV mit Vergleichsdaten zu deutschen und Schweizer Sendern. Sie untermauert den langjährigen Verdacht: ORF 1 funkt weniger öffentlich-rechtlich als kommerzielle deutschsprachige Sender.

ORF 2 reiht sich zwar noch klar in den Kanon öffentlich-rechtlicher Sender wie ARD, ZDF oder SF1 ein und bietet ein differenziertes Gesamtprogramm, das den Sender vom privaten Konkurrenten ATV, aber auch von den deutschen privaten Anbietern unterscheidbar macht, schreibt Studienautor Jens Woelke, Kommunikationswissenschafter an der Universität Salzburg: "ORF 1 jedoch ähnelt vom Gesamtlayout eher einem privaten Programm."

Es kommt noch schlimmer: "Kein anderes Programm in der Analyse hat einen so geringen Informationsanteil." Erst wenn man Programmbereiche und nicht nur Sendungen vergleiche, gebe das erste Programm des Küniglbergs unter den größeren Sendern Österreichs, Deutschlands und der Schweiz das Schlusslicht an ATV ab.

Informationsdefizite

Daran wird die Programmreform ein Stück ändern: Die "ZiB 3" als "ZiB 24" vom zweiten in den ersten Kanal, dafür tauscht allerdings ORF 1 die "ZiB 1" gegen die deutlich kürzere neue "ZiB 20". Mit "Wie bitte?" bekommt das erste Programm ab 10. April aber auch um 18 Uhr ein neues, tägliches Magazin aus der ORF-Information.

Die tägliche, im ORF-Auftrag produzierte Sitcom "Mitten im Achten" wird einen weiteren Kritikpunkt an ORF 1 etwas mildern. Woehlkes Befund: "ORF 1 weist mit 27 Prozent bei Erst- sowie kurzfristig wiederholten Sendungen eine ebenso geringe Quote an Eigen-Auftrags- und Koproduktionen auf wie ATV." Der Privatsender kommt hier auf 26 Prozent. "Ähnlich geringe Quoten haben nur die deutschen privaten Programme Kabel 1 (18 Prozent), Vox (26 Prozent) und RTL 2 (24 Prozent)."

Keineswegs besser das Bild vor der Reform, geht es um Produktionen aus Österreich: Hier schlägt ATV mit 24 Prozent die 13 Prozent von ORF 1 noch um Längen. ORF 2 hingegen kommt auf 40 Prozent, mehr als das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen.

Europäische Werke, großes Anliegen von EU wie ORF-Gesetz, sind im ersten ORF-Kanal bisher Mangelware: 63 Prozent der Sendungen auf ORF 1 stammen von außerhalb des Kontinents.

In einem Punkt könnte sich der ORF schon vor der Programmreform, aber nach dem Führungswechsel zu Jahresbeginn verbessert haben. Aus dem für die Studie beäugten Programm im Frühjahr 2006 schließt Woehlke: "Unkritische Beiträge" über das gesellschaftliche Zusammenleben und über Kirche, Religion, Bildung, Medien sowie über "Leistungen und Handlungen einzelner Personen" hätten in beiden ORF-Programmen "Vorrang vor kontroversen Themenberichten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft" über Misserfolge, Streit oder Unglücksfälle. Trotz einschlägigen Programmauftrags vermisst die Studie Beiträge über Verbraucher und Gesundheit. In ORF 1 sei deren Anteil "nicht darstellbar", meint Woehlke. In ORF 2 liege er gerade höher als bei ATV, RTL 2, Kabel 1, Pro 7 und SF1. Gesundheitsthemen vermisst auch der ORF-Publikumsrat. (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 30.3.2007)

  • Zu wenig Eigenproduziertes in ORF-Programmen, kritisiert die Medienbehörde: "Mitten im Achten" soll ab 10. April zumindest diesen Vorwurf entkräften.
    foto: orf/thomas ramstorfer

    Zu wenig Eigenproduziertes in ORF-Programmen, kritisiert die Medienbehörde: "Mitten im Achten" soll ab 10. April zumindest diesen Vorwurf entkräften.

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