Einmal Ausländer - immer Ausländer

25. Jänner 2008, 15:20
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Als was du geboren wurdest, das bist du: Der kulturalistische Kurzschluss - Fremde Feder von Martin Schenk

Menschen ohne Bekenntnis haben höhere Bildungsabschlüsse als Katholiken in Österreich. Kulturalistischer Kurzschluss: Um ökonomisch fit für die Zukunft zu sein, müssten wir die Katholiken zurückdrängen, um die Bildungsquote zu erhöhen.

Die letzen Terroranschläge in Österreich wurden von einem Katholiken aus der Südsteiermark, Herrn Franz Fuchs, verübt und mit der Verteidigung des christlichen Abendlandes in den Bekennerbriefen begründet. Kulturalistischer Kurzschluss: Achtung vor der Gefahr christlichen Terrors in Österreich.

Zwang zum Eintopf

In einem lesenswerten Artikel im Magazin "The New Republic" bezeichnet der Nobelpreisträger und Wirtschaftswissenschafter Amartya Sen diesen Zwang zur Eintopf-Identität als "pluralen Monokulturalismus": Ganze Bevölkerungsgruppen gehen von einer einzigen Kultur aus, in die sich alle einzufügen haben. Diese Kultur kann durch Blut, Herkunft oder Religion bestimmt sein.

Menschen erwerben Rechte durch ihr Menschsein, nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Religion, Kultur oder Herkunft. Wird das umgedreht, schnappt die Kulturalismus-Falle zu: Einmal Ausländer - immer Ausländer. Als was du geboren wurdest, das bist du.

Kulturelle Rechte

Ähnliches passiert bei der Integration: Der Zugang zu Wohnungen, die nicht feuchten Substandard darstellen, wird so als kulturelles Recht definiert - und nicht als soziales Grundrecht. Dasselbe bei Familienzusammenführung, Sozialhilfe, sozialen Aufstiegschancen, Mitbestimmung. So werden "Armländer" immer zu "Rausländern".

Es ist interessant zu sehen, dass der Integrationsbegriff nur bei Migranten kulturell codiert wird, während er in anderen Kontexten auf den Kern gleichberechtigter Teilhabe beschränkt bleibt. Der Sozialwissenschaftler Bernhard Perchinig weist darauf hin, dass Integration immer auf "die Teilhabe von vom Bildungszugang ausgeschlossenen Schichten oder auf die Verbesserung des Zugangs von Frauen zum Arbeitsmarkt konzentriert war, und auch in der Diskussion um die EU-Integration Österreichs ging es nicht um die "Anpassung Österreichs" an "europäische Werte", im Gegenteil, von überall war zu hören, dass die Besonderheiten des Landes geschätzt und gewürdigt werden.

In Österreich gibt es kaum Migranten im ORF, als Schauspieler, im Parlament, in den Zeitungsredaktionen. Sie sind da und dürfen nicht ankommen. Da ist Paris mit seinen Banlieues gar nicht so weit. Dort: Republikanische Gleichheit im Mund, aber soziale Apartheid in der Praxis. Bei uns: Integration im Mund, "Gastarbeiterpolitik" im Alltag. Arbeitnehmer mit Ablaufdatum bis heute.

Jugend ohne Zukunft

Die Jugendunruhen in Paris waren kein Aufstand aus religiösen Gründen, wie es zahlreiche Wortmeldungen suggerieren. Es war und ist eine "No Future"-Rebellion jugendlicher Outlaws, die nichts mehr zu verlieren haben, Gewalt kombiniert aus machistischen Ehrencodes und sozialer Misere. Der Islam dient als Identitätsmaske: 90 Prozent der Jugendlichen gehen nicht in die Moschee und praktizieren ihre Religion nicht im Alltag, sagt eine aktuelle Umfrage aus den Banlieues.

Ein Mensch, mehrere Identitäten

Als was du geboren wurdest, das glaubst du: So funktioniert der religiöse Kulturalismus. Menschen müssen aber die Freiheit haben, sich gegen (religiöse) Herkunft entscheiden zu können. Glaubende sind immer auch Frauen und Männer, Arme und Reiche, Privilegierte und Benachteiligte, Mächtige und Ohnmächtige. Das ist wichtig, weil es zeigt, dass wir als Menschen mehrere Identitäten aufweisen. Menschen müssen entscheiden können, dass ihre ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit weniger wichtig ist als ihre politische Überzeugung oder ihre beruflichen Zusammenhänge oder ihre gewählten Freundschaften.

Die vom Innenministerium vor einem Jahr präsentierte Islam-Studie verglich "Muslime" und "Österreicher". Damit werden Muslime und Österreicher als einander ausschließende Gruppen konstruiert. Als ob es keine muslimischen Österreicher geben darf und gibt. "Ich bin 50 Prozent Türke, 50 Prozent Österreicher und 100 Prozent Muslim.", sagt der österreichische Fußball-Nationalspieler Muhammet Akagündüz. Mehrfachidentitäten müssen das Normale sein. Denn sonst gilt: Als was du geboren wurdest, das bist du.

Die Kulturalisierung des Integrationsbegriffs dient dazu, nicht über Menschen- und Bürgerrechte reden zu müssen. Wird über Menschenrechte gesprochen, dann sind nämlich Probleme wie Zwangsehe, Schubhaft oder Ehrenmorde ebenso ein Thema wie Männergewalt in der Familie, mangelnde Bildungschancen oder die fremdenpolizeiliche Trennung binationaler Ehepaare.

Menschenrecht statt Herkunftsrecht

Der allerorts veranstaltete "Dialog der Kulturen" ersetzt nicht die Diskussion über Menschenrechte, Frauenrechte und soziale Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft. Und der Vertreter der islamischen Gemeinde spricht nicht für alle MigrantInnen im Land, er ersetzt nicht die Stimmen aller anderen Zuwanderervereine, Menschenrechtsgruppen, Minderheiteninitiativen; auch wenn er als solcher ständig angesprochen wird.

Der "plurale Monokulturalismus" ist mittlerweile politischer Mainstream in Österreich. Genauso wie Kampfprogramm religiöser Fundamentalisten. Denn beide sind miteinander verfreundete Feinde. (derStandard.at, 30.3.2007)

  • Zur Person
Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der Armutskonferenz
    foto: privat

    Zur Person
    Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der Armutskonferenz

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