H. W. Kettenbachs "Minnie oder ein Fall von Geringfügigkeit"

29. März 2007, 21:38
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Jura und Countrymusic gehen bei Lauterbach, diesem Homo Faber der Lizenzverträge, eine verhängnisvolle Liaison ein

Irgendwo in Tennessee stellt Wolfgang Lauterbach fest, dass hier die Uhren anders gehen. Das ist nichts Besonderes, er hat auf seiner erratischen Fahrt durch die Weiten der USA lediglich die Grenze einer Zeitzone überschritten - und doch ist dieser Grenzübertritt tief symbolisch. Denn irgendwo zwischen Chattanooga und Alabama verliert er nicht nur einfach eine Stunde Zeit, sondern auch alle Koordinaten, alle Gewissheiten seines bisherigen Lebens. Es ist, als fiele der rechtschaffene Jurist aus dem Rheinland in ein schwarzes Loch, in eine surreale Zwischenwelt voller Raubüberfälle, minderjähriger Huren und breitschultriger Ganoven. Ausgerechnet Dr. Lauterbach.

Lauterbach ist die fade Seite der an sich schon nur mäßig glamourösen Welt der Countrymusic in Person: Er handelt Lizenzverträge aus. Gerade hat er Verhandlungen in Nashville abgeschlossen, und er mietet einen Wagen, um die Orte zu besuchen, die er nur aus Songs kennt: Alabama, Atlanta, Georgia. Doch schnell muss er feststellen, dass dies nicht das Amerika ist, das ihm in die Countrymusic verspricht. Hier reiten keine Marlboro-Männer in die untergehende Sonne, hier stehen blutjunge Nutten am Straßenrand. Schon in dem üblen Loch, in dem er in der ersten Nacht absteigt, hat er Mühe, sich eine alternde Nymphomanin vom Hals zu halten. Ein Streit im Nebenzimmer aus dem Schlaf und dann eiumpfes Geräusch und ein Splittern. Lauterbach ist sich sicher, Ohrenzeuge eines Mordes geworden zu sein und macht sich aus dem Staub. Doch damit beginnen seine Probleme erst, denn die Mörder, die keine Zeugen gebrauchen können, sind ihm scheinbar auf den Fersen.

Das Amerika, das ihm auf seiner Flucht begegnet, ist grotesk, bedrohlich - und vor allem schwarz. Jura und Countrymusic gehen bei Lauterbach, diesem Homo Faber der Lizenzverträge, eine verhängnisvolle Liaison ein. Beides sind für ihn Welten, in der es noch Gut und Böse gibt, Weiß und Schwarz - und das gilt bei ihm ganz wortwörtlich. Denn was den Protagonisten dieses beklemmenden Krimis so schwer erträglich macht, ist dessen latenter Rassismus: Von Schwarzen spricht er nur als "Neger", und eigentlich, meint man, möchte er lieber noch "Nigger" sagen. Atlanta wird ihm zu einem "Dschungel", in dem er sich von einer gesichtslosen Masse schwarzer Leiber bedroht sieht. So wird in Kettenbachs subtiler Prosa der Süden der USA, die Traumwelt der Countrymusic, zum finsteren Albtraum rassistischer Verbohrtheit. Und die ganze verwickelte Geschichte entpuppt sich am Ende als das Paralleluniversum von Lauterbachs blinder Fantasie, die ihm aus Vorurteilen ein Gefängnis zimmert. Das Herz der Finsternis, hier liegt es nicht im schwarzen Süden der USA, sondern in den Untiefen von Lauterbachs eigener Seele. (Ralf Hertel / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2007)

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