"M - Eine Stadt sucht einen Mörder"

29. März 2007, 21:38
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Fritz Langs erster Tonfilm gilt durch seine verschiedenen Lesarten als eines der berüchtigsten der Filmgeschichte

Dieser Film ist Weltkulturerbe, nicht offiziell, aber im Herzen aller, die das Kino lieben. 1931, im Mai, erschienen zur Uraufführung im Ufa-Palast am Zoo "alle markanten Köpfe aus dem geistigen, künstlerischen Berlin, aus der Finanzwelt" und "die Vertreter der Ministerien und Behörden." Beide Vorstellungen waren ausverkauft (5000 Plätze), der Andrang der Menschen so groß, dass die Polizei, wie der Film-Kurier schrieb, so viel zu tun hatte wie nachher ihre Kollegen auf der Leinwand.

Fritz Lang beginnt seinen ersten Tonfilm mit einem Gong. Dann hören wir die Stimme eines Mädchens, das einen Abzählreim aufsagt: In der Operette von Walter und Willi Kollo ging es in diesem Lied um das Glück und die "ersten blauen Veilchen". Ein Jahr später, nach den Ereignissen um den Massenmörder Haarmann, wurde daraus das berühmte Lied mit dem Hackebeilchen. Jetzt, drei Wochen nach dem Todesurteil im "größten Mordprozess aller Zeiten" gegen Peter Kürten, singt ein Mädchen in diesem "Großfilm": "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt der schwarze Mann zu dir." Peter Lorre hat gezögert, den Kindermörder zu spielen. Die ganze Stadt wird ihn suchen: Die Bevölkerung hysterisch, die Kriminalpolizei, trotz modernster Ermittlungsmethoden, immer einen Schritt langsamer als die organisierte Unterwelt. In der Szene vor dem Ganoven-Gericht, die ihn weltberühmt machen wird, beschreibt er, wie Gespenster von Müttern und Kindern mit ihm durch endlose Straßen rennen, bis er das Gefühl hat, sich selbst zu verfolgen.

Nach der Premiere gab es "endlosen" Beifall, alle Mitarbeiter wurden "stürmisch" gefeiert. Eine "Meisterleistung, die der internationalen Tonfilmkunst einen neuen Standard absteckt", hieß es, ein "Markstein", ein "glänzendes Werk für glänzende Kassen." Es gab auch scharfe Kritik, besonders in den Tagezeitungen. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion um das umstrittene Todesurteil gegen den Sexualmörder Kürten wurde den Autoren Lang und Thea von Harbou "skrupellose Spekulation", "Heroisierung des Verbrechertums" und "Gesinnungslosigkeit" unterstellt. Goebbels sah es ähnlich, aber völlig anders und schrieb zwei Wochen später in sein Tagebuch: "Abends mit Magda M gesehen. Fabelhaft! Gegen Humanitätsduselei. Für die Todesstrafe!" 1940 wurde eines seiner Lieblingsprojekte, "Der ewige Jude", im Ufa-Palast am Zoo uraufgeführt.

Er gilt als der infamste Film der Filmgeschichte und ist es auch. Ein Ausschnitt aus dem Spielfilm "M " sollte in diesem "Dokumentarfilm" belegen, wie der "Jude Lorre" in der Rolle des Kindermörders "durch seine mitleiderregende Darstellung" versucht, das "normale Rechtsempfinden" des deutschen Volkes zu "verdrehen".Lang, Lorre und viele andere, zum Beispiel die Familie des Mädchens mit dem Abzählreim, waren bereits '33 emigriert. Thea von Harbou wurde 1940 Mitglied der NSDAP. (Romuald Karmakar / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2007)

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