Musikrundschau: Jazz mal zwei

29. März 2007, 19:29
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Neue Alben von Jacky Terrasson und Dee Dee Bridgewater

JACKY TERRASSON
mirror
(Blue Note/EMI)
Der wirklich mutige Interpret tritt gerne gegen sich selbst an, bekennt also unbegleitet Farbe. Doppelt mutig ist er aber zu nennen, wenn er sich auch noch altem Material widmet, das schon Genre-Opas nicht ganz übel ausgedeutet haben. Bei Jacky Terrasson ist es kein Mut der Verzweiflung, auch keine Tollkühnheit auf Basis von Selbstüberschätzung. Der juvenile Tastentüftler nützt bei "Caravan", "Just A Gigolo" oder "Bluesette" tadellos alle Möglichkeiten, um Interpretation in die Nähe von Neukomposition zu rücken und so sein Vorhaben zu legitimieren. Harmonische Übermalungen zwischen Idylle und Düsternis. Melodischer Pointenreichtum, virtuose Ausbrüche und rhythmische Dekonstruktionen des Ausgangsmaterials - sie ergeben eine mit Überraschungen gespickte Musizierweise. Terrassons Fantasie pickt nicht am Bekannten, sie hat die Fähigkeit, unkonventionelle Varianten des Bekannten zu entwerfen. Terrasson ist ein gebildeter und hochgradig individueller Pianist im Umfeld des Mainstream.

DEE DEE BRIDGEWATER
Red Earth
(Universal)
Live ist sie eine der intensivsten und raffiniertesten Performerinnen des jazzigen Genres. Auf CDs freilich kann Sängerin Dee Dee Bridgewater mitunter auch ins Gefällige abgleiten, ihre Qualitäten also nicht wirklich ausspielen, da die Arrangements nicht das halten, was die versierte Stimme verspricht. Hier aber knallt einem gleich vom ersten Takt an eine Intensität entgegen, die auf günstige, feurige künstlerische Rahmenbedingungen hinweist. Kapriziös, kostbar Bridgewaters Zugang bei "Afro Blue"; durchgehend spürt man eine durch Begegnungsfreude angetriebene Unmittelbarkeit, schließlich: Dies hier ist das Dokument einer Musikreise nach Mali, wo Bridgewater auch die lokale Songkultur integriert und sich nebst vokalen Freundschaften (u. a. Sängerin Oumou Sangaré) auch eine Instrumentation zwischen Djembe und Kora leistet. Klingt frisch. Selbst, wenn es darum geht, den alten Souljazzhadern wie "Compared To What" Leben einzuhauchen. Hätte man so eigentlich nicht mehr erwartet. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2007)

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