Aber bitte mit Sahne!

29. März 2007, 20:03
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Der junge Weltbürger Mica Penniman alias Mika erobert mit seinem kalorienreichen Album "Life In Cartoon Motion" gerade die Hitparaden

Mit einer Mischung aus Elton John, Freddie Mercury, ABBA und Skihüttendisco begeistert er auch uns.


Wir müssen wieder einmal vom Begriff der singenden Herrentorte reden. Ursprünglich nannte sich zwar der deutsche Humorist und Entertainer Helge Schneider so und beschwor damit all das Grauen herauf, das man als in den 1970er-Jahren Aufgewachsener gewöhnlich mit dem samstäglichen Hauptabendprogramm in Verbindung brachte. Andererseits geht Thomas Gottschalk als Überbleibsel dieser restriktiven Kulturschiene heute noch um. Die Herrentorte allerdings funktioniert im Zusammenhang mit dem gutaussehenden jungen Herrn aus London ganz ausgezeichnet.

Life In Cartoon Motion, das schon im Titel auf etwas Größeres als das banale Allerweltsleben hinweisende Debüt des kosmopolitisch aufgewachsenen, 1983 in Beirut als Sohn einer libanesischen Mutter und eines amerikanischen Vaters geborenen Mica Penniman alias Mika ist wohlweislich nur mit zehn Songs ausgestattet. Mehr würde von den Kalorien her auch gar nicht gehen. Akutes Völlegefühl! Der junge, wegen der damaligen Kriegswirren schon als Kind mit seiner Familie von Beirut über die Zwischenstation Paris später nach London und mittlerweile nach New York übergesiedelte Mann macht zwar wegen seines nicht ganz gewöhnlichen Aussehens gegenwärtig als Leithammel der aktuellen Frühjahrskampagne Werbung für den britischen Modedesigner Paul Smith. Die Musik ist vom schlanken Fuß des 24-jährigen, klassisch geschulten Absolventen des Londoner Royal College of Music davon aber beim Heiligen Zuckerrohr nicht betroffen.

Zehnmal geht Mika auf seinem Album in die Vollen und behauptet im guten alten Sinn der kulinarischen Unvernunft, dass weniger weniger und mehr eben mehr sei. Klotzen statt kleistern. Und in die Sauce kommt nicht nur Schlagobers, sondern auch ein Viertelkilo Butter. Wie man anhand von Ö3, MTV und allen Formatradios dieser Welt überprüfen kann, ist die aktuelle Single namens Grace Kelly das gewichtigste Stück Mainstream-Pop, das man gegenwärtig käuflich erwerben kann. Ein Besuch beim einschlägig bekannten Schnitzelwirt in Wien-Neubau könnte dem vom Speiseplan her nur noch das berüchtigte "Hausgeheimnis" mit drei Schlagobershauben extra entgegensetzen.

Der Bass pocht, das Klavier setzt anfangs noch bedacht Eingangsakkorde. Spätestens aber nach 40 Sekunden wirft sich der Mann, den es in seiner Jugend zur Oper drängte und der in der dritten Reihe hinten auch schon einmal in Convent Garden den vierten Zwerg von links geben durfte, bevor er für die Firma Orbit Kaugummiwerbung und für die British Airways Beschwichtigungsmusik für flugangstgeschädigte Passagiere komponieren durfte, in den großen letzten Kampf um das kleine große Glück in der Hitparade. Es jubiliert, es tiriliert - und Mica Penniman falsettiert zu einer selbstverfassten fröhlichen Gassenhauermelodie, als ob es um nichts weniger als um sein Leben ginge. Der folgende Rest poltert nicht weniger dringlich aus den Boxen: "Suckin' too hard on your lollipop, oh love's gonna let you down ..." Und immer wieder dieses fassungslos machende Falsett, das nur dann betrieben werden kann, wenn man sich 150-prozentig mit dem zur Verfügung stehenden Material identifizieren kann.

Mika hat sich für dieses in seinem Bereich perfekte Produkt in die Schuhe von großen Vorbildern begeben. Elton John in seiner großen 70er-Jahre-Phase steht hier ebenso Pate wie der in Grace Kelly erwähnte Freddie Mercury und Queen. Als Zugeständnis an das Heute wird auch oft die von der Schwulendisco in die Skihütte gebeugte Tanzflur-Sause der eingedenk ABBAs arbeitenden Scissors Sisters bemüht und, wie etwa im Song Love Today, recht prächtig mit einem Schuss der neumodischen Zynismen eines Robbie Williams durchsetzt. Eines kann man Mika nämlich als Kind seiner Zeit nicht absprechen: Selbstverständlich wird Pop von ihm als rein historische Angelegenheit gesichtet, in der eines immer ganz klar bleibt. Es mag zwar kein Nach-Vorne geben. Aber zurück können wir auch nicht mehr.

Um wieder zur Kulinarik zurückzukehren: Mika ist nicht nur eine singende Herrentorte. Bei den von ihm durchaus auch mit prickelnder Elektronik durchsetzten Songs, die trotzdem immer Wert auf ein anständiges Ausgangsmaterial legen (neben Pumpbass und wuchtigen Rhythmusakkorden des Klaviers oder der beherzt gestrampften Akustikgitarre hören wir oft auch den Funk in die Tanzhütte kratzenden E-Klampfen) mag zwar mitunter Platz für einen leichten Zwischengang sein. Man hört Mika etwa im Song Any Other World zwischenzeitlich sehr wohl balladesk ergriffen. Die Vor- und Nachspeise und auf jeden Fall der Hauptgang werden allerdings sättigungsreich aufgetragen. Toast Hawaii mit Extra-Käsebeschichtung. Hirtenspieß mit Letscho und Pommes statt Reis, Rindsuppe mit vier Nudelaugen und jeder Menge Glutamat zur Geschmacksabrundung: Mika stellt man sich am Besten als neugeborenen Roy Black vor, der im Schloss am Wörthersee einen Milkshake mit Schuss nimmt und dem dann wegen Eiweißschocks nur ein Bild von ihr, ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß einschießt.

Wir sehen schon, in einem Bereich, der die leisen Zwischentöne wegen Reizüberflutung im Zweifel immer auslassen und nur die stärksten Adjektive bemühen muss, weil ihm das Substanzielle so schwer fällt, ist Mika derzeit in der Nachfolge von Robbie Williams das heißeste Ding am Wörthersee. Mehr davon wäre schon nicht mehr Kärnten, sondern Italien. Vielleicht kann sich Mika ja mit den Erlösen seiner vor allem in Großbritannien enorm erfolgreichen Platte einen Alfa Coupé kaufen, sich ein kleines Wohlstandsbäuchlein zulegen und mit seinem nächsten Album endgültig in jenen Sonnenuntergang düsen, von dem wir alle immer in der Filmgeschichte geträumt haben. Bis auf Weiteres sind wir mit den zehn Liedern von Life In Cartoon Motion sehr, sehr glücklich. Ein kleiner Schnaps wäre jetzt aber fein. Wegen der Verdauung und so. Bitte, danke. Um es mit dem großen Dichter und Gourmand Adalbert Stifter zu sagen: So eine Ente ist ein blödes Tier. Eine ist zu wenig, zwei sind zu viel.(Christian Schachinger/ RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 30.03.2007)

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