Fensterbankerlpolster

29. März 2007, 17:00
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Der Verletzungsgefahr wird vorgebeugt, auch die der Ellbogen - Oder: Ein Zeichen für die Detailverliebtheit der Misanthropen

+++Pro
Von Markus Mittringer

Also: Es gibt immer was zu tun! Und Dritten dabei zuzusehen, gehört überhaupt zum Feinsten. Und weil man über die Jahre gelernt hat, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, liegt da immer dieser Polster für den Fall, dass es gegenüber endlich wieder brennt. Weil einmal - und da hab ich mir aber so etwas von die Ellbogen aufgewetzt - hat es gebrannt, und meinereins kannte den Besitzer der betroffenen Wohnung. Und so hab ich den anzurufen versucht, und sekretariatsmäßig mitgeteilt bekommen, dass er keine Zeit hätte, und also schlicht ausgerichtet, dass es gerade eben zu brennen begonnen hat bei ihm - und dann habe ich mich ans Fensterbankerl gelehnt, und abgewartet. Dann war das echt lustig, vom vierten Stock aus zu beobachten, wie zuerst die Feuerwehr eingebogen kam, um auftragsgemäß loszuspritzen, und mit einer gewissen Verzögerung dann er. Und wie er so aus dem Taxi hüpfte, und - selbst von oben aus nachvollziehbar - nicht wusste, ob jetzt die Flammen das Übel wären oder doch das Wasser - da hab ich mich im Affekt echt wund gescheuert.

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Contra---
Von Karl Fluch

Menschen mit zu viel Tagesfreizeit neigen dazu, sich für Dinge zu interessieren, die sie nichts angehen. In Wien, der Welthauptstadt des Bassenatratsches, also des sich Lieber-um-den-Dreck-der-anderen-als-um-den-eigenen-Scherens, gilt das FensterSchauen und das Die-Straße-Beobachten quasi als Informationssendung für derlei Zeitgenossen. Die Profis unter diesen ohne praktischen Nutzen für das Gemeinwohl aus ihren Fenstern gaffenden Blockwarten - meist verhinderte oder tatsächliche Hausmeister - verwenden für diese Ausdauer erfordernde "Tätigkeit" natürlich auch ein "Werkzeug": einen Polster, damit der während dieses "Dienstes" pflichtschuldig getragene graue Arbeitsmantel an den Ellbogen bloß nicht leidet.

Dieser Fensterbankerlpolster versinnbildlicht ihre Hingabe ans Kleinliche, steht für die Detailverliebtheit der Misanthropen. Jeder kennt solche Figuren, in jeder Gasse wohnt mindestens eine. Sie hassen sich und die Welt und das bisschen, was sie von ihrem Fenster aus davon sehen. Aber, bitte schön, gemütlich soll's dabei schon sein. (Der Standard/Rondo/30/03/2007)

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