Horváth lebt: In Fischamend

28. März 2007, 18:51
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"Geschichten aus dem Wienerwald", intensiv umgesetzt von der Gruppe der "Fischamender Spielleut"

Fischamend - Manche Dramatiker erweisen sich beim genauen Hinhören als Komponisten: Ihre Texte verfügen über eine feine Sprachmelodie, die, unabhängig vom aktuellen Geschehen, Figuren charakterisiert, Nuancen ausleuchtet, Zwischentöne andeutet, Kommunikationsstörungen unter den handelnden Personen als Rhythmusstörungen zur Sprache bringt, zu Sprache macht.

Das geschulte Ohr erkennt auf der Bühne wie im Leben: Im Tonfall weit mehr als im konkreten Inhalt liegt die eigentliche Kommunikation. Ihm gilt es zu lauschen.

Ein solcher Feinst-Erspürer der Zwischentöne menschlicher Kommunikation ist Ödön von Horváth. Schon die "Pause", die er seinen Figuren mitunter als Antwort zuschreibt, spricht eindringlicher als manche Suada.

Ein Horváth-Stück tatsächlich auf der Bühne zu erleben - und nicht nur scheinbar, weil es das Programmheft so ausweist -, ist daher ein kaum je sich ereignender Glücksfall. Kaum ein Regisseur nämlich versteht es, dem Dramatiker tatsächlich nachzulauschen, die Verletzungen zu hören, die zwischen den Zeilen anklingen - und sie mit seinen Schauspielern auch hörbar zu machen.

Fischamend

Ohne den Atem der Horváth'schen Sprachmelodie aber ist ein Horváth-Stück auf der Bühne nicht mehr als eine schöne Leich': der entseelte Kadaver. Glückte es in den vergangenen Jahren vor allem außerhalb Österreichs, nämlich dem Schweizer Regie-Komponisten Christoph Marthaler, Horváth mit Darstellern wie Sepp Bierbichler, Olivia Grigolli, André Jung und Ueli Jäggi ungeahnten Theaterodem einzuhauchen, ist es ein doppeltes Wunder, den Autor nun nicht etwa auf der Bühne des Burgtheaters, sondern vor Wiens Toren unverbraucht zu entdecken: in Fischamend. In Fischamend? Ja. Eine Gruppe von Laien, die sich unter dem Namen "Fischamender Spielleut" zusammenfanden, wagte sich im zehnten Jahr ihres in der Großstadt weit gehend unbemerkten Bestehens an Geschichten aus dem Wienerwald.

Und erreicht in ihrem Spiel eine Intensität und Ausdruckswahrheit, wie sie hierzulande lange nicht zu hören war. Vor allem Beatrix Cerny als Valerie und Helga Majdic als mörderische Großmutter stellen manchen staatlich besoldeten Profi souverän in den Schatten. Das ganze Ensemble jedoch lässt in der Regie von Franz Herzog den so raren Horváth-Ton erklingen, in einer "Kaisermühlen Blues"-Variation: Clemens und Karl Schleinzer als Alfred und Zauberkönig, Mario Santi als Oskar von tückischer Sanftheit. Und: Für den stilechten Ausflug ins Maxim sorgen, wie sonst nur bei Frank Castorf, Profis aus Wiens Nachtleben. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.3.2007)

Noch am 30., 31. 3. und 1. 4.
reservierung@fischamenderspielleut.at
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