London kappt bilaterale Beziehungen zu Teheran

31. März 2007, 16:55
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Megafon statt diskreter Diplomatie - GPS-Daten: Briten nicht in iranischen Gewässern

Nach fünf Tagen stiller Diplomatie hat die britische Regierung zum Megafon gegriffen: Außenministerin Beckett kündigte die Aussetzung aller bilateralen Beziehungen zum Iran an, bis alle 15 festgenommenen Marinesoldaten wieder frei sind.

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Der Ton wird rauer. In der diplomatischen Krise zwischen Großbritannien und dem Iran wegen der Festnahme von 15 britischen Marineangehörigen hat London "eine neue Phase" erreicht, wie der Premierminister Tony Blair am Dienstag ankündigte und wie Außenministerin Margaret Beckett am Mittwoch vor dem Unterhaus bestätigte. Es sei Zeit, sagte sie, den diplomatischen Druck zu erhöhen. Beckett verlangte erneut die sofortige Freilassung der britischen Seeleute und kündigte an, dass bis zur Lösung der Situation alle bilateralen Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Iran eingefroren werden würden.

Am vergangenen Freitag nahmen iranische Marineeinheiten 15 britische Seeleute im Schatt-el-Arab, der Wasserstraße zwischen dem Irak und dem Iran, fest. Die Briten hatten zuvor eine routinemäßige Inspektion eines indischen Handelsschiffes durchgeführt. Bei der Rückkehr wurden ihre zwei Schlauchboote von sechs iranischen Schnellbooten der Revolutionsgarde eingekreist und unter Gewaltandrohung in iranische Hoheitsgewässer eskortiert. Der Streit dreht sich um die genaue Position der Briten am Freitagmorgen. Während London darauf besteht, dass sich die Schiffe in irakischen Hoheitsgewässern befunden hätten, behauptet Teheran, die Briten hätten die Grenze verletzt und wären in iranisches Territorium eingedrungen.

Beweise vorgelegt

Am Mittwoch konfrontierte Großbritannien den Iran mit Beweisen. Vize-Admiral Charles Style legte Satellitenfotos und Koordinaten des globalen Positionierungssystems vor. Danach habe sich das indische Handelsschiff auf der Position "29 Grad, 50,36 Minuten Nord und 48 Grad, 43,08 Minuten Ost" befunden und sei mithin 1,7 nautische Meilen, also 3,14 Kilometer, von der iranischen Grenze entfernt gewesen. Diese Koordinaten seien sowohl vom GPS-System des Handelsschiffes wie von dem der Fregatte "HMS Cornwall" bestätigt.

Style enthüllte ebenfalls, dass der Iran seinerseits zwei verschiedene Versionen über die genaue Stelle des Vorfalls angegeben habe. Am Samstag sei den Briten eine Position mitgeteilt worden, die aber innerhalb von irakischem Territorium liegt. Als man dies den iranischen Verhandlungspartnern vorgehalten habe, kam am Montag eine zweite, "korrigierte" Positionsbestimmung, die einen halben Kilometer innerhalb der iranischen Gewässer lag. Beide iranischen Positionsbestimmungen würden von britischer Seite, so Style, "kategorisch bestritten".

Megafon statt diskrete Diplomatie

In den vergangenen fünf Tagen hatte Großbritannien versucht, mit diskreter Diplomatie den Vorfall zu lösen. Der Wechsel zur Megafon-Politik wurde notwendig - so stellte es die Regierung nun dar -, weil auf iranischer Seite keine Bewegung auszumachen war. Zudem wurde der innenpolitische Druck auf Tony Blair von Tag zu Tag größer. Ein Leitartikel in der meinungsbildenden Times hatte die "verzagte Ängstlichkeit" der Politiker scharf kritisiert, die Boulevardblätter schrien gar nach "robuster Aktion", womit ein Befreiungsunternehmen der Kommandotruppe SAS gemeint war.

Von solchen Aktionen ist London weit entfernt. Stattdessen setzt man mit der Veröffentlichung der Beweislage auf intensivierten internationalen Druck auf Teheran. Ein Ergebnis hat der neue Ansatz schon gezeitigt. So bahnte sich die Freilassung der 26-jährigen Faye Turney an, der einzigen Soldatin unter den Festgenommenen. (Jochen Wittmann aus London, DER STANDARD, Printausgabe 29.3.2007)

  • Großbritannien legt wegen der im Iran inhaftierten britischen Marinesoldaten alle seine bilateralen Beziehungen zu Teheran auf Eis. Blair forderte am Mittwoch im Unterhaus - flankiert von John Prescott (links) und der Außenministerin Margaret Beckett - erneut die sofortige Freilassung der Soldaten.

    Großbritannien legt wegen der im Iran inhaftierten britischen Marinesoldaten alle seine bilateralen Beziehungen zu Teheran auf Eis. Blair forderte am Mittwoch im Unterhaus - flankiert von John Prescott (links) und der Außenministerin Margaret Beckett - erneut die sofortige Freilassung der Soldaten.

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    Der britische Vizeadmiral Charles Style vor einer Landkarte mit den Positionen des Patrouillebootes. Großbritannien legte am Mittwoch Satellitenfotos vor, wonach die Soldaten 1,7 Seemeilen von der iranischen Grenze entfernt waren.

  • Foto des britischen Verteidigungsministerium: Auf dem GPS sei die Position des Patrouillebootes ablesbar.

    Foto des britischen Verteidigungsministerium: Auf dem GPS sei die Position des Patrouillebootes ablesbar.

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