Analyse: Amras, ein Beispiel für zivile Hartnäckigkeit

29. März 2007, 10:52
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Eine der am stärksten belasteten Wohngegenden in Österreich erhält einen Lärmschutz

Innsbruck - Die "Bürgerversammlung" auf der Autobahn war nicht mehr nötig. Aber die Androhung einer Kundgebung auf der neuralgischen Brenner-Inntal-Achse sehr wohl. Erst der kontinuierliche, sachlich fundierte Druck von Bürgerinitiativen und Transitforum - das zeigt die Chronologie der Auseinandersetzung - hat die jetzige Zusage des Verkehrsministeriums für den seit 30 Jahren geforderten Lärmschutz in Amras bei Innsbruck gebracht - der wohl am stärksten vom Straßenverkehr belasteten Wohngegend Österreichs.

Wenn jetzt die Amraser Autobahnanrainer unisono überzeugt sind, dass es "ohne den Gurgiser nicht gegangen" wäre, dann sprechen sie aus Erfahrung. Die Landesregierung unterstreicht ihre "Überzeugungsarbeit", die Bürgermeisterin lobt das "Verhandlungsgeschick" der Stadt. Der unermüdliche unbezahlte Einsatz der Initiativen und NGOs wird nicht erwähnt.

Seit Anfang der 1970er-Jahre haben die seit Generationen dort lebenden Bewohner der mehr als 200 Jahre alten Siedlung den üblichen Weg beschritten: sich an ihre Bürgermeister, Landeshauptleute, Nationalräte, die Regierung in Wien und die Asfinag gewandt: Alles Bitten und Fordern war folgenlos. Einmal hat sich vor Ort ein Verkehrsminister umgehört, er soll entsetzt gewesen sein ob des unaufhörlichen Dröhnens. "Aber als der ins Auto stieg, hab ich mir gedacht: Der hat sein Versprechen schon wieder vergessen", sagt ein Pensionist. Er wäre froh gewesen, hätte er dem Minister Unrecht getan.

Die Regierenden haben nicht nur nichts gehalten, sie haben vor allem mit der von ihnen (mit) zu verantwortenden Verkehrspolitik für eine ehemals unvorstellbare Zunahme der Lärmbelastung gesorgt: "Als ich ein Mädchen war", erzählt eine heute 42-jährige Amraserin, "haben wir gespannt auf die Lkws gewartet und uns gefreut, wenn ein Fahrer gewunken hat." Aus dem Lkw-Halbstundentakt der 70er-Jahre ist ein Zehn-Sekunden-Rhythmus geworden, zehn Meter vor der Nase. 80 Dezibel Dauerschallpegel, heißt es fachlich. Dauerschall: 24 Stunden im Schnitt. Weniger als halb so laut darf es sein, sagt der Grenzwert. Der liegt über den Vorgaben der WHO.

Erst private, mit geeichten Geräten durchgeführte Messungen haben diesen Lärm dokumentiert. Seit Jahren schläft hier niemand durch, um halb sechs ist werktags jeder wach: Da endet das Lkw-Nachtfahrverbot. Vor allem das Bewusstsein, dass dort Häuser standen lange bevor 1968 die Autobahn gebaut wurde, ließ manche nicht weichen.

Trotz der Belastung wollte die Asfinag lange Zeit keine Einhausung finanzieren, nur eine unzulängliche Lärmschutzwand, wozu sie bei Überschreitung der Grenzwerte ohnehin verpflichtet ist. Andernorts wurde sehr wohl eingehaust: etwa an der A10 in Kärnten, obwohl es auf der Tauernstrecke nur ein Fünftel des Verkehrsaufkommens vom Brenner gibt. Da hatte der Verkehrsminister dasselbe Parteibuch wie der begehrliche Landeshauptmann.

In Amras hat kein Parteibuch geholfen. Dort hat sich die Hartnäckigkeit Betroffener und sachkundiger NGO-Vertreter durchgesetzt. (Benedikt Sauer, DER STANDARD - Printausgabe, 28. März 2007)

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