Albern in Albern

29. März 2007, 17:00
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Mit der Kawasaki Versys führen sich Gluschitsch und Fotograf Sulzi am Alberner Hafen auf - Schade, dass kein Zug kommt

Das erste Straßenmotorrad, welches ich 2007 in die Finger bekomme, ist eine Kawasaki. Die Versys. Der Name kommt von "Versatile System", sagt Kawasaki. Damit will man die Vielseitigkeit der Versys unterstreichen. Das kann man auch anders.

Denn als ich mit der Versys vorm STANDARD einreite, kommt ein nicht Motorrad firmer Kollege auf mich zu: "Ah, neiche Reiben?"

Er geht zwei Runden um die Kawasaki und stellt alle paar Schritte eine Frage. "Is des a Supermoto?" Ich erklär ihm, dass es keine Supermoto ist, obwohl sie ein paar Anleihen davon hat. "Is leicht a Enduro?" Ich sag ihm, dass es auch keine Enduro ist, obschon wohl ein paar Endurogene vorhanden sind. "Ah, des is also a Reiseenduro!" Eindeutig jein. "Na Rennmaschin is kane. Also was ist es jetzt?" Hm, wie erklärt man jetzt, dass die Versys hält, was sie verspricht? "Wenn du sie schon in eine Schublade stecken musst, dann in die, auf der Vielseitigkeit draufsteht."

Was folgen musste war eine Sammlung der technischen Daten: ABS, 650 ccm Parallelwin, 47 kW also 64 PS. Nicht die Welt, ja mag sein. Aber ein feines Gerät. Gerade für Fahranfänger mit langen Beinen.

Die Sitzhöhe von 835 mm macht einem anderen Kollegen, etwa dem Herr Fidler, keine rechte Freud, wie er mir einmal im Vertrauen verriet. Aber wenn der Bodenkontakt nicht das Problem ist, dann ist es die selektive Hausstrecke auch nicht. Autobahn bis 30er-Zone – alles kein Problem für die Versys. Wirklich daheim fühlt sie sich aber in den Kurven und Alpenpässen.

Das seitlich montierte Federbein, das in Zug- und Druckstufe verstellbar ist, interessierte den Kollegen gar nicht. Das kann man nicht schnell mit dem eines anderen Eisens vergleichen, so wie die PS. Fahrwerk – wen interessiert das? Ist aber wurscht, weil es daran nix zum Herummosern gibt. Auch der Auspuff interessierte den Kollegen nicht. Das Röhrl direkt unter dem Motor sorgt für guten Klang. Sounddesign wie man es von Kawasaki gewohnt ist.

Weiterer Vorteil des so angebrachten Schalldämpfers: Der Schwerpunkt der Versys liegt weit unten, was sich positiv auf die Kurvenfahreigenschaften auswirkt. Den Sulzi haben diese Details schon mehr interessiert. Es waren die ersten Punkte die er ansprach, als wir uns in Wien Albern trafen um ein paar Fotos zu schießen.

Wer einmal so ein Fotoshooting erlebt hat, weiß was gleich passiert. Zuerst fotografiert der Sulzi das stehende Motorrad. Alles was ihm halt wichtig erscheint. Dann sprechen wir ab, was wohl als erstes über den Jordan geht, wenn ich mich einbaue. Die so auserlesenen Teile werden im Originalzustand abgelichtet. Sicher ist sicher. Und wenn dieses Grundset erst erledigt ist, hat einer von uns beiden sicher schon wieder irgendeinen Schwachsinn ausgebrütet.

>>> Feindbild statt Lichtbild

Während der Fotografiererei ließen wir unweigerlich unsere Blicke schweifen. Im Alberner Hafen gibt es ja recht viel die Fantasie beflügelndes. Eine ewig lange Gerade, auf der man sich langweilen kann. Eine feine Kurve, die sich dafür auszeichnet recht rutschig zu sein. Jede Menge Gleise. Und eine Hafenkneipe die genau so verlassen da steht, wie man sie sich vorstellt. Verschlossen wie ich es bin. Und ein wenig heruntergekommen – ja auch wie ich es bin.

Ich dreh also ein paar Runden vor der Linse. "Hebs aufs Hinterradl!" verlangt der Sulzi. Ich sag ihm, dass dies nicht geht. Er lässt es aber nicht gelten. Sulzi versucht sich das Gewicht, das am Vorderrad lastet auszurechnen. Er zieht dann weiter die Kilowurzel aus der Leistung, hoch dem Drehmoment, dividiert das Ergebnis durch das Alter seiner Lebensgefährtin und kommt zu dem Schluss: "Muss gehen. Zah an!"

Alle Versuche scheitern kläglich. Bevor der Sulzi jetzt die Nerven schmeißt und mir seine Kamera nachdrischt erklär ich ihm, dass er einen Faktor zu berücksichtigen vergessen hat: "Die Versys ist nur Haftpflicht versichert!" Das versteht er dann. Und ich darf sogar die Rutschkurve ohne Slide nehmen, bevor er mich auf die Gleise legt.

Apropos Schienen: Die Kawasaki-Ingenieure schienen ganze Arbeit geleistet zu haben. (Anders krieg ich auch diese Kurve nimmer). Denn die Kawa ist agil und mir taugt das starke Drehmoment, das den Motor aus dem Drehzahlkeller katapultiert.

Bei 4.000 Touren ist man aber meist schon verleitet zu schalten. Im Besonderen wenn man es nicht wirklich krachen lassen will. Aber das passt schon. Denn der Paralleltwin, der ja, wie schon der Auspuff, in der ER 6 zu Ruhm gelangte, wird von mir gerne liebevoll Turbodiesel genannt. Beide Motorenarten sind charakteristisch für mächtig Schub von unten raus. Und beide beruhigen sich kraftmäßig merkbar im oberen Drehzahlbereich.

Kleiner aber feiner Unterschied ist nur, dass der Murl der Versys erst bei knapp unter 11.000 Touren in den Begrenzer rennt. Ein vergleichbares Traktorenherz kenne ich leider nicht. (Text: Guido Gluschitsch, Fotos: Martin Sulzbacher, Gabriele Fischer, derStandard.at, 29.3.2007)

Kawasaki Versys

Preis: EUR 7.999,- (EUR 8.799,- mit ABS).
Motor: Flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Reihenzweizylinder, 8V. Hubraum: 649 ccm. Leistung: 47 kW/64 PS. Max. Drehmoment: 61 Nm bei 6800 U/min. 6-Gang-Getriebe. Federung: Upside-down Gabel vorne, Einzelfederbein mit 13-fach einstellbarer Zugstufendämpfung hinten. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. Sitzhöhe: 835 mm. Trockengewicht: 181 kg. Tank 19 l.

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Kawasaki

  • Kurze kontemplative Phase vor der ersten Ausfahrt mit einem Straßenmotorrad - Guido Gluschitsch und die Kawasaki Versys.
    foto: sulzbacher

    Kurze kontemplative Phase vor der ersten Ausfahrt mit einem Straßenmotorrad - Guido Gluschitsch und die Kawasaki Versys.

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