Kafka-Franz im Suppentopf

28. März 2007, 18:53
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Eingekocht: Das Grazer Schauspielhaus kredenzt neuere und neueste Literatur

Graz – Am Ende hätte K., der nachgerade sprichwörtliche Landvermesser Franz Kafkas, das Schloss fast erreicht – da wird ihm die Rechnung für das Stück präsentiert: „Kosten für den Betrieb der Drehbühne, Kosten für die Anmietung des Theaterpublikums für vier Wochen“, und so weiter. Das übersteigt leider die Finanzkräfte des ewigen Landvermessers. Er wird in einen Suppentopf gesteckt und ausgekocht, einmal umrühren, fertig ist der Kafka-Eintopf. – Mit diesem Akt der Selbsterkenntnis endet die Bühnenfassung von Franz Kafkas Das Schloss im Schauspielhaus Graz, die am Samstag Premiere hatte.

Der ungarische Regisseur Viktor Bodó, Jahrgang 1978, konnte mit seiner Bearbeitung von Kafkas Prozess 2004 in Budapest einen Hit landen. Nun wurde er von Graz zum Selbstplagiat eingeladen.

Das Schloss auf die Bühne zu bringen, ist gewiss kein leichtes Unterfangen. Bodó versucht dem riesigen Schatten, den Kafkas Mythos wirft, gerecht zu werden, indem er die große Orgel des Theaters in Betrieb setzt. Da wird geheult und gespuckt, gelacht und durchgedreht, gevögelt und gestorben, was das Zeug hält. Über allem thront drohend das Schloss, das Bühnenbildner Imre Mószik als imposantes Fort aus quer liegenden Türen und Toren auf die Drehbühne gepflanzt hat und wie ein Karussell in rastlose Bewegung versetzt.

Zunehmend gehetzt

Eine Balkan-Band liefert die Musik dazu, und die Schauspieler spielen sich in eine Dauererregung, als wären sie in einem Kusturica-Film. Das Ensemble ist ständig auf Trab, allen voran Sebastian Reiß als zunehmend gehetzter K., und dennoch werden auf der Drehbühne mit fortschreitender Dauer immer mehr leere Kilometer abgespult. Regisseur Bodó ist ein Opfer der Idee geworden, Kafka müsse um jeden Preis bis ins Mark erschüttern, und diese Erschütterung müsse an der Oberfläche sichtbar sein. Am Ende steht er damit diametral zur Romanvorlage. Dramatisierung gescheitert, ab in den Suppentopf mit dem armen K.

Wie man mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielt, das zeigte Regisseurin Christine Eder am Sonntag bei der Uraufführung von Bernhard Studlars neuem Stück SONNE, WOLKEN, Amerika auf der Probebühne des Schauspielhauses vor. In einer „Kneipe an der Grenze des Erträglichen“ versuchen zwei Typen, ihren Freund Ezra zu trösten, der gleich nach der Hochzeit von seiner Frau verlassen wurde. Der Grund: „Diese Endgültigkeit macht mir Angst. Verzeih mir.“ Großer, grandioser Heulkrampf von Ezra. Um ihn aufzuheitern, schicken ihm die Freunde getürkte Karten aus London, Krakau, Düsseldorf mit Grüßen der Liebsten. „Die kommt wieder“, verheißt auch der leicht paranoide Briefträger, der „aus Reflex“ jede Post liest. Die Tage ziehen dahin wie die Wolken, ohne dass sich viel ereignen würde. Absurde Lachkrämpfe brechen aus, der Kartenschwindel wird aufgedeckt, die Kneipe schließlich zum Verkauf ausgeschrieben.

Aus diesem Stoff, der einen beim Lesen nicht eben vom Hocker reißt, gestaltet Christine Eder eine nuancenreiche Komödie über die leichte Unerträglichkeit des Daseins. Dominik Maringer, Jan Thümer, Franz Josef Strohmeier und Dominik Warta sind in bester Spiellaune. Gemeinsam lassen sie das Stück über Freundschaft, unsanfte Wehmut und große Hoffnungen zu einem Feel-good-Abend gedeihen, mit dem Jim Jarmusch seine Freude hätte. Die Regisseure Viktor Bodó und Christine Eder sorgen jedenfalls für ein Kontrastprogramm am Grazer Schauspielhaus. (Werner Schandor / DER STANDARD, Printausgabe, 28.03.2007)

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