"Mr. Bean macht Ferien": "Ich werde Mr. Bean nie wieder spielen"

29. März 2007, 15:17
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Wieder bringt der englische Komiker Rowan Atkinson seine bekannteste Figur ins Kino: "Mr. Bean macht Ferien" - der Künstler im STANDARD-Interview

Wien – Mr. Bean macht Ferien: In mancher Hinsicht führt diese sommerliche Reise nach Cannes in ein Zwischenreich aus Kunst und Klamauk. Durch eine Ungeschicklichkeit hat Mr. Bean ein russisches Kind von seinem Vater, einem gefeierten Regisseur, getrennt – und muss sich nun erstmals in seinem Leben um einen anderen Menschen kümmern.

Als Kindesentführer verdächtigt, lässt er schließlich sein zumindest in dieser Hinsicht entlastendes Urlaubsvideo über die Festivalleinwand flimmern. Und gerät so – gar nicht unverdient – in einen anderen, den Kunst-Verdacht. Ob das auch eine Sorge seines Schöpfers Rowan Atkinson sein könnte?

STANDARD: Mr. Atkinson, Ihr Film überrascht mit einer Hommage an den französischen Filmkünstler Jacques Tati...

Atkinson: Es wäre unglücklich, wenn man meinen Film für ein Remake von Die Ferien des M. Hulot halten würde – obwohl der Titel schon sehr ähnlich ist. Genau deshalb war ich sogar ausgesprochen nervös, ihn so zu nennen – als ob ich mich selbst in die gute Gesellschaft rücken, mich als einen "natürlichen Nachfahren" des großen Jacques Tati ausgeben wollte. Das würde ich nie wagen. Der Titel Mr. Bean macht Ferien ist schlicht die treffendste Beschreibung dessen, worum es geht. Zweifellos habe ich Tati immer verehrt, und auch der Autor Simon McBurnie ist ein großer Fan von ihm. Gemeint aber war eher eine allgemeine Reverenz an den französischen Humor – hoffentlich auf andere Weise. Mr. Bean ist viel kindischer und rachsüchtiger, als Monsieur Hulot es je war.

STANDARD: Das mag daran liegen, dass Tati seine Figur nach seiner eigentlichen Persönlichkeit formte. Kann man das von Ihnen eigentlich auch sagen?

Atkinson: (lacht) Nicht wirklich, obwohl wir doch irgendetwas gemeinsam haben müssen. Mr. Bean repräsentiert mich als Kind oder ist wenigstens inspiriert von meinen Erinnerungen an die Kindheit. Letztlich ist er nur eine Figur, die daraus entstanden ist, dass ich mich in bestimmte Situationen begeben habe, um diese Erinnerung auszuspielen – so komisch es eben geht. So haben wir im Fernsehen mit dieser Figur begonnen. Wir suchten nach einer wortlosen Figur, saßen im Probenraum und spielten sie aus. Der Mann, der später Mr. Bean werden sollte, war einfach die Verkörperung von Gags, die möglichst visuell sein sollten. Seine Körpersprache, sein Gesicht, waren einfach die übertriebene Version einer Kinderausgabe meiner selbst.

STANDARD: Wenn Charles Chaplin seine Figur leid war, konnte er einfach den angeklebten Schnurrbart abnehmen und war jemand anders. Sie hingegen sehen Mr. Bean mit Verlaub auch im noblen Anzug noch sehr ähnlich. Fühlen Sie sich da nicht gefangen?

Atkinson: Selbst wenn Leute einen erkennen als den Typen, der Mr. Bean spielt, denke ich doch, dass sie mich durch meine Körpersprache und die Art, wie ich zu ihnen bin, von ihm unterscheiden können. Ich bin nicht so wie Mr. Bean, ich werde mich auch nicht so benehmen und ich werde auch ganz bestimmt nicht lustig. Ich habe gelernt, das Leben wie ein Erwachsener zu nehmen. Mr. Bean nimmt es wie ein Kind. Aber ja: Es kann vorkommen, dass ich verführt bin, mich so zu benehmen, wie er sich benehmen könnte. Kinder erkennen sich sofort in ihm wieder. Erwachsene erinnern sich an ihre Kindheit oder genießen den Eskapismus, den er repräsentiert: Hätte ich doch nur den Mut, denken sie, mich so wie er zu verhalten. Aber zum Glück tun die meisten es nicht.

STANDARD: Es ist interessant, Mr. Bean jetzt altern zu sehen. Chaplin erlaubte das seinem Tramp ja nicht. Er gab die Rolle mit 51 Jahren nach dem "Großen Diktator" auf.

Atkinson: Mit 51? Interessant. Das bin ich ja auch. Vielleicht sollte ich jetzt ebenfalls damit aufhören.

STANDARD: Ehrlich gesagt, im ersten Augenblick fand ich das Wiedersehen verstörend: Da altert ein Mann - ohne dabei im mindesten zu reifen. Es wird unmöglich, sein Benehmen mit Jugendlichkeit zu entschuldigen. Mr. Bean ist dadurch realer geworden. Trotz der Komik entsteht ein seltsamer Ernst: Mr. Bean wird bleiben, wie er ist – in seinem Alter ändern sich Menschen nicht mehr so leicht.

Atkinson: Das ist eine gute Beobachtung. Ich weiß nicht einmal eine Antwort darauf. Ich habe ihn immer als alterslose Figur gesehen, weil er für mich immer zehn Jahre alt sein wird, auch wenn er siebzig ist. Er ist eben eine ikonische Figur wie ein Comic-Held. Und das führt mich an einen Punkt, wo ich mich frage, ob ich ihn je wieder spielen werde. In fünf Jahren werde ich noch älter aussehen, und mit der Alterslosigkeit der Figur ist es vorbei. Einen alten Mr. Bean kann ich mir nicht vorstellen. Jetzt geht es gerade noch, aber in fünf Jahren? Man soll natürlich nie "nie" sagen. Wer weiß, welche Begehren noch an einen herangetragen werden. Aber vom jetzigen Standpunkt aus sage ich Nein.

STANDARD: Bevor Sie auf die Idee mit Mr. Bean kamen, waren Sie live sehr erfolgreich mit einer One-Man-Show. Wo Ihnen das Reden so liegt – war es schwer, damit aufzuhören?

Atkinson: In England rede ich eine Menge. Sie kennen vielleicht Blackadder, das ideale Gegenbild, eine Figur, die aus den idiomatischen Besonderheiten des Englischen geboren wurde. Aber seit 1989, als wir mit Mr. Bean begannen, habe ich so etwas nicht mehr gemacht. In Filmen habe ich natürlich immer Dialogrollen gespielt, zuletzt in Johnny English. Aber mit dem Alter, wer weiß?

STANDARD: Sie könnten sich zum Beispiel der politischen Aktualität zuwenden.

Atkinson: Satire, ja, unbedingt. Es gäbe so viele gute Witze zu machen über das, was man gerade erlebt. Und sehr wenige Leute machen sie, was schade ist. Aber wieder spielt das Alter hinein: Die Menschen haben mehr Interesse an Witzen, die von Menschen in ihren Dreißigern und Vierzigern gemacht werden als von Fünfzig- und Sechzigjährigen. Wenn Sie in dem Alter sind, erwartet man, dass Sie sich so benehmen, wie es dem Alter entspricht. Wenn man alt wird, verliert man – das ist das Wort dafür: die "Komik-Autorität". Die Leute haben das Gefühl, man sei nicht mehr zeitgenössisch. Man sei nicht mehr im Mainstream der Stimmungslage der Gesellschaft. Entschuldigung, ich werde hier philosophisch.

STANDARD: Mr. Bean steht für das unzensierte Gefühl. Wir beneiden ihn darum, dass er so sein darf, wie wir es bei Kindern bewundern.

Atkinson: Ja, es gibt diese Phantasie in Mr. Bean. Darum sieht man ihm gerne zu: Weil er sein Leben nach den Regeln eines Kindes führt. Er ist ein Kind ohne Eltern, die ihm sagen könnten, was er tun soll. Das ist lustig und etwas beängstigend.

STANDARD: Diesmal ist es allerdings durchaus beängstigend. Wenn alte Menschen kindlich sind, hat das ja oft einen sehr traurigen Grund. Man sagt dann: Sie leben in ihrer eigenen Welt. Sie setzen aber noch einen gewagten Schritt, in dem Sie Bean in den Verdacht bringen, ein Kind zu entführen.

Atkinson: Es gab eine sehr frühe Version dieses Films, die hätte heißen sollen: "Mr. und Mrs. Bean". Es sollte eine romantische Komödie werden und mit Mr. Beans Hochzeit enden. Aber jede Spekulation über seine Sexualität erschien mir falsch und unangenehm, weil ich ihn mir eben als Kind vorstelle, und Kinder heiraten nicht. Seine Begegnung mit dem Jungen ist süß und ungetrübt von jeder Erwachsenen-Kind-Beziehung. Denn er ist ja selbst ein Kind. Es ist also eher das Verhältnis großer Bruder- kleiner Bruder. Erstmals hat er also so etwas wie einen Freund, und die gab es ja früher nicht für ihn. Zugleich wirkt er ein wenig väterlich, was ganz liebenswert ist. Der Junge spricht ja weder englisch noch französisch und wäre somit hoffnungslos verloren in Frankreich.

STANDARD: Ihr Film beschreibt eine Reise nach Cannes, das gelobte Land des Autorenfilms. Sind Sie eigentlich als Schauspieler je auf dem Festival gewesen?

Atkinson: Nein, das ist nicht meine Welt.

STANDARD: Mr. Beans Reise nach Cannes lässt sich auch als eine Suche nach Anerkennung durch die Kunstwelt lesen. Fühlen Sie sich als Slapstick-Komiker verkannt von den Intellektuellen?

Atkinson: Klar, nach Cannes gehen nur die anständigen Filmemacher. Aber in intellektuellen Kreisen ist das, was wir machen, die robuste, alberne Komik, nicht besonders angesehen. Es ist nicht deren "Ding". Menschen mit höherer Bildung bevorzugen im Allgemeinen Worte in der Komödie. Oder wenn nicht, dann doch in einer Kunstfilm-Manier, wie es Jacques Tati getan hätte. Insofern ist der neue Film ja auch ein kleines bisschen anspruchsvoller. Na ja, nur ein ganz kleines bisschen. Und etwas "cinematischer".

(Daniel Kothenschulte / DER STANDARD, Printausgabe, 28.03.2007)

ZUR PERSON:
Rowan Sebastian Atkinson, 1955 in Newcastle upon Tyne geboren, wollte dem Vernehmen nach ursprünglich Elektrotechniker werden. Seine Karriere als Komiker begann 1979 bei der BBC-Show Not the Nine O’Clock News. 1983 konnte man ihn in der Serie Blackadder (wörtlich: "schwarze Natter") sehen, in der er zahlreiche historische Persönlichkeiten der englischen Geschichte und nationale Eigenheiten karikierte. Zum internationalen Star wurde Atkinson als Nervensäge Mr. Bean: Die Kultserie musste man nicht einmal aufwändig synchronisieren, weil Beans Slapstick-Exzesse nahezu ohne Text auskommen. Gerne nennt man Atkinson seither "rubber face" (Gummigesicht). Im BBC-Film Visual Comedy (1992) demonstrierte er, wie sehr diese Figur in der Tradition von Stummfilmkomikern angelegt ist. Eine erste Kinoadaption wurde 1997 unter dem Titel Bean – Der ultimative Katastrophenfilm zum Welthit. Mit anderen Kinoprojekten war Atkinson, der auch Kurzauftritte in romantischen Komödien wie Vier Hochzeiten und ein Todesfall hatte, nicht ganz so erfolgreich. In den letzten Jahren machte er sich, deutlich irritiert durch die Politik seines einstigen Schulkollegen Tony Blair, öffentlich für das Recht auf politisch inkorrekten Humor stark. (red)
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    Anleihen bei Stummfilmkomikern: Der britische Star Rowan Atkinson: "Es gibt so viele gute Witze zu machen über das, was man gerade erlebt. Und sehr wenige Leute machen sie, was schade ist."

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    Rowan Atkinson über Mr. Bean: „Er ist ein Kind ohne Eltern, die ihm sagen könnten, was er tun soll. Das ist lustig und etwas beängstigend.“

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